Ludwigshafen
Gymnasialempfehlung: Wenn die Eltern das letzte Wort haben
Insgesamt 50 Kinder, die das Gymnasium verlassen mussten, hat allein die Ludwigshafener Adolf-Diesterweg-Realschule nach den letzten Sommerferien aufgenommen. Etliche von ihnen dürften dabei zu jenen gezählt haben, die ohne Gymnasialempfehlung ihr Glück einfach versucht haben, mit dieser Strategie aber scheiterten. Möglich ist das, weil in Rheinland-Pfalz bei der Anmeldung zur weiterführenden Schule ausschließlich der Elternwille zählt. Die Empfehlungen, die Grundschulen für Viertklässler abgeben, haben keinerlei bindenden Charakter. Wegen seiner Erfahrungen im Schulalltag gehört Realschulleiter Knörr inzwischen zu jenen, die dies am liebsten wieder ändern möchten.
Früher habe es die verpflichtende Grundschulempfehlung gegeben; sofern die Eltern inhaltlich damit nicht einverstanden waren, habe ihr Kind eine Aufnahmeprüfung machen können. „Zahlreiche Kinder erleben heute schon in jungen Jahren kontinuierlich schulischen Misserfolg“, betont Knörr. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Eltern den unbedingten Wunsch des höchstmöglichen Schulabschlusses für ihr Kind im Sinn hätten – koste es, was es wolle.
ADD: „Die Zahlen sind nicht aussagekräftig“
Politisch gewollt scheint die Debatte über eine Rückkehr zur verpflichtenden Schulempfehlung bei den derzeitig Verantwortlichen allerdings nicht zu sein. Fast schon mit Händen und Füßen hat sich die Schulaufsicht (ADD) in den vergangenen Wochen dagegen gewehrt, überhaupt abzufragen, wie viele Kinder die Ludwigshafener Gymnasien im kommenden Schuljahr ohne eine entsprechende Gymnasialempfehlung aufnehmen. „Diese Information liegt uns nicht vor“, hieß es auf die erste RHEINPFALZ-Anfrage, „diese Zahlen sind nicht aussagekräftig“, auf die zweite. Der angegebene Grund für diese Einschätzung: Die Eltern seien nicht dazu verpflichtet, die Grundschulempfehlung bei der Anmeldung an einer weiterführenden Schule überhaupt vorzulegen, manche Schulen verlangten das Dokument demzufolge gar nicht.
Erst nach der dritten Bitte um Information seitens der RHEINPFALZ hat die ADD die entsprechenden Zahlen an den Ludwigshafener Gymnasien abgefragt – wieder nicht ohne den Hinweis, dass die Schulaufsicht diese Daten als „sehr kritisch“ erachtet. Dieses Mal erläutert die ADD, dass eine stichprobenartige Abfrage nicht aussagekräftig sei, insbesondere weil es keine Daten zu Schulverlaufsbiografien gebe. „Welche Schülerinnen und Schüler also schließlich das Gymnasium wieder verlassen und ob das diejenigen ohne Gymnasialempfehlung wären, kann nicht statistisch belegt werden. “
Teils jedes fünfte Kind ohne Empfehlung
Für alle, die jetzt verständlicherweise gespannt wie ein Flitzebogen sind, von welchen Zahlen wir für Ludwigshafen im Detail sprechen, hier das Ergebnis: Von den insgesamt 166 künftigen Fünftklässlern des Carl-Bosch-Gymnasiums in Mitte, haben 34 Kinder keine Empfehlung fürs Gymnasium (20,48 Prozent), das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Süd nimmt 132 neue Fünftklässler auf, davon 25 ohne Gymnasialempfehlung (18,93 Prozent). Die weiteren Anmeldezahlen lauten wie folgt: Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasium in Edigheim: 114 neue Fünftklässler, davon sechs ohne Empfehlung (5,26 Prozent), Max-Planck-Gymnasium in Friesenheim: 107 neue Fünftklässler, davon 10 ohne Empfehlung (9,34 Prozent), Theodor-Heuss-Gymnasium in West: 98 neue Fünftklässler, davon sieben ohne Empfehlung (7,14 Prozent), Heinrich-Böll-Gymnasium in Mundenheim: 95 neue Fünftklässler, davon 18 ohne Empfehlung (18,94 Prozent).
Insgesamt haben damit von 712 künftigen Fünftklässlern, die an Ludwigshafener Gymnasien angemeldet wurden, 100 Kinder keine Empfehlung. Das entspricht 14,04 Prozent.
Klaus Hartmann, Leiter des Heinrich-Böll-Gymnasiums sagt in diesem Zusammenhang: „Die Gutachten der Lehrkräfte der Grundschulen werden gewissenhaft und mit Sorgfalt erstellt. Dies zeigt sich zumeist auch am Werdegang der ehemaligen Grundschülerinnen und Grundschüler an unserer Schule.“ Aus seiner Sicht wäre es hilfreich, wenn Eltern vom Kind aus denken und ihm den besten Weg ermöglichen würden. „Sie ersparen dem Kind damit unnötige Frustrationen, die langfristig zu einem negativen Selbstbild führen können.“ Mit der Beratung, die an seiner Schule sehr ausgiebig ausfalle, seien die Lehrkräfte jedoch nicht immer erfolgreich. Und das, obwohl auch die Grundschule zuvor schon ausgiebig beraten habe. „Viele Schülerinnen und Schüler ohne Gymnasialempfehlung müssen nach der Orientierungsstufe, also nach der sechsten Klasse, die Schule verlassen“, ist Hartmanns Erfahrung.
„Meistens stimmt die Grundschulempfehlung“
Auch Mike Thisling-Pfeifer, Leiter des Max-Planck-Gymnasiums sagt: „Wir machen die Erfahrung, dass die Empfehlung der Grundschulen meistens stimmt und sich Kinder mit einer Empfehlung für die Realschule bei uns eher schwertun.“ Den Eltern empfehle man bereits am Tag der offenen Tür, auf den Rat der Grundschulen zu hören. „Wenn dies alle tun würden, würde uns das viel zusätzliche Arbeit und den betroffenen Kindern viel Frustration ersparen“, meint Thisling-Pfeifer. Es sei keine sinnvolle Option, wenn Eltern sagen: Mein Kind wird es schaffen. Es bekommt schon jeden Tag Nachhilfe. „Da tut einem das Kind schon leid, bevor es da ist“, so der Schulleiter des Gymnasiums in Friesenheim. Ihm und den Lehrkräften gelinge es bei der Schulanmeldung nur in rund der Hälfte aller Fälle, Eltern davon zu überzeugen, die Realschule oder die IGS zu wählen, wenn ihr Kind keine Gymnasialempfehlung erhalten hat.
„Unsere Beratungen für den Fall, dass keine Gymnasialempfehlung vorliegt, sind häufiger erfolgreich, gelegentlich stoßen sie aber auch auf taube Ohren“, teilt Stefan Schacht mit. Er leitet das altsprachliche Theodor-Heuss-Gymnasium und hält die Gymnasialempfehlung aufgrund der drei Pflichtsprachen, die im altsprachlichen Bildungsgang auf dem Stundenplan stehen, für besonders wichtig. „Die Wiedereinführung der verbindlichen Empfehlung sollte meiner Meinung nach in Erwägung gezogen werden“, sagt Schacht.
Ministerium: „Eltern kennen ihr Kind am besten“
Ganz und gar nicht dieser Meinung ist hingegen das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, das auf Anfrage mitteilt: „Eltern kennen ihr Kind am besten.“ Derzeit gebe es keine Pläne, die unverbindliche Empfehlung der Grundschule durch eine Verpflichtung zu ersetzen. Damit einhergehen würde eine hohe Stressbelastung für die Kinder sowie ein hoher Verantwortungsdruck für die Lehrkräfte, argumentiert das Ministerium.
Zudem zementiere die verbindliche Grundschulempfehlung zu früh den weiteren Bildungsweg der Kinder. Laut wissenschaftlicher Untersuchungen, „haben Kinder aus sozial weniger begünstigten Familien bei gleichen Leistungen eine signifikant geringere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als Kinder aus sozial privilegierten Familien“. Die verpflichtende Empfehlung stünde damit der Bildungsgerechtigkeit entgegen.
Was das Ministerium nicht erwähnt: Es gibt andere wissenschaftliche Untersuchungen, laut denen sich die soziale Spaltung am Ende der Grundschule nochmals verschärft, wenn Eltern frei über die Schulwahl entscheiden – weil es meist jene Väter und Mütter aus sozial höheren Schichten seien, die auch höhere Bildungsansprüche haben und sich über Lehrer und Noten hinwegsetzten.
