Mannheim
Großes Drama ohne Menschen: Heike Negenborns preisgekrönte Landschaftsmalerei
Volles Haus bei der Ausstellungseröffnung in der Galerie Peter Zimmermann in der Mannheimer Leibnizstraße. Der Zulauf des Kunst-Publikums gilt der Landschaftsmalerei von Heike Negenborn und dem mit 5.000 Euro dotierten Kunstpreis der gleich um die Ecke liegenden Ike-und -Berthold-Roland–Stiftung. Überreicht wird er von Oliver Roland, dem Sohn der Stifter, der an seinen vor zwei Jahren verstorbenen Vater erinnert, der große Spuren hinterlassen hat – unter anderem als „Kohls Kunstberater“, Direktor des Landesmuseums Mainz, Gründer des Max-Slevogt-Museums auf Schloss Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben und Spezialist für das nicht nur pfälzische 18. Jahrhundert (mit exzellenten Kontakten zum Hause Wittelsbach). Laudatorin Annette Reich, Stellvertretende Direktorin am Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern, wo Heike Negenborn 2018 den Pfalzpreis für Malerei erhalten hatte, verortete – einen weiten Bogen schlagend – die Preisträgerin in der Geschichte der europäischen Landschaftsmalerei.
Entzücktes Publikum
Und dann die Hauptsache: die Bilder an den Galeriewänden, die noch bis 24. April zu besichtigen sind. Es sind wie schon in der Vorgängerausstellung von 2020 Landschaften von sublimer Schönheit, indessen damals wie heute keine Kuschelware. Denn wenn schon die Dichter lügen (sagt Platon), die Maler tun es auch. Nur, dass in beiden Fällen am Ende eine Wahrheit herausschaut, die das bloße referieren von Wirklichkeit, Abbilden und Abmalen gar nicht leisten kann. Das war schon immer so, nur wurde die Gattung „Landschaft“, die lange gegenüber dem Historienbild als nachrangig galt, erst ziemlich spät als gleichwertig anerkannt. Andersherum, mit dem Niedergang des (höfischen) Historienbildes) stiegen die Aktien der (bürgerlichen) Landschaft. Von den Kabinettbildern alter Niederländer über die Wolkenstudien der Romantiker und die flirrende Landschaftskunst der Impressionisten bis, sagen wir, den Augusthimmeln über den grünen Sommerfrischenbildern von Hans Thoma sind sie zu Recht das Entzücken des Publikums.
Heike Negenborns Landschaften scheinen zunächst manches Klischee zu bedienen. Sie sind perfekt gemalt und von einer schon fast fotografischen Perfektion: Unten weite, menschenleere Landschaftsausschnitte mit tiefliegenden Horizonten, oben bildbeherrschend koloristisch sensationelle Himmel, in denen Wolken, Schatten, Licht und Wetter große Oper aufführen. Unten scheint alles stillgestellt, oben herrscht ein Drama, das behauptet, Natur zu sein und auf eine komplizierte Weise dies auch ist, irgendwie.
Vermessen und konstruiert
Heike Negenborns Bilder sind Atelierkinder, was in der Landschaftsmalerei die Regel ist. Ihnen voraus gehen Fotografien und Zeichnungen, die analog und digital bearbeitet werden. Erst wird vermessen und konstruiert, und erst dann kommt die Handarbeit ins Spiel. Es ist ein Prozess, an dessen Ende eminent stimmungshaltige synthetische Kunstlandschaften stehen, die wahrer und wirklicher aussehen, als jede „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ es sein kann. Emphatisch ausgedrückt: Indem sie die zunehmende Vereinnahmung der analogen Wirklichkeit durch digitale Bilder zum Thema machen, zeigen Heike Negenborns Bilder Landschaften in ihrer von der Furie des Verschwindens bedrohten Möglichkeitsform.
Allgäu im Miniformat
Natürlich kann die Ausstellung in der Galerie Zimmermann nur einen Ausschnitt aus dem Werk der 60-Jährigen zeigen. Unter anderem sieht man neue Arbeiten aus der erstmals vorgestellten Serie „Miniature Landscapes“ von 2023/24. Es sind 16 auf 20 Zentimeter große Bildchen, Acryl und Mischtechnik auf Karton, in denen sich, hübsch gerahmt, gleichsam kataloghaft, selbst gesehene Landschaften mit Himmeln aus der Kunstgeschichte und aus eigenen Arbeiten verbinden, Titel wie „Allgäu meets Corot“, „Grenoble meets Blechen“ oder „Gignac meets Negenborn“ weisen darauf hin. Schnitzeljagd angesagt? Muss nicht sein, es genügt die Einsicht, dass in der Kunst nichts von nichts kommt und Heike Negenborns Landschaftsmalerei die ganze europäische Kunstgeschichte im Leib hat und doch in jedem Pinselstrich eine zeitgenössische ist.
Die Ausstellung
Heike Negenborns Arbeiten sind bis 26. April zu sehen in der Galerie Peter Zimmermann, Mannheim Leibnizstraße 20. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr.