Mannheim
Festliche Gala in der Christuskirche
Richard Wagners Walkürenritt begleitete einen buchstäblich bombastischen Hubschrauber-Angriff in Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama „Apocalypse Now“ und Giuseppe Verdis „La donna è mobile“ wurde zur Erkennungsmelodie in der TV-Werbung für ein knuspriges Schoko-Gebäck. Deutlicher könnten die Gegensätze zwischen den beiden Komponisten nicht sichtbar werden. Freilich verschwimmen hier die Grenzen zwischen Klischee und tatsächlicher Bedeutung und Inhalten der Musik der beiden Meister. Es wäre doch mal interessant, solchen Gegensätzen und Vorurteilen nachzugehen.
Und was wäre dafür besser geeignet als ein Abend mit Experten, die musikalisch und inhaltlich kompetent den Zuhörern Wege zu Wagners und Verdis Musik ebnen. Die vielleicht auch Brücken bauen zwischen den Fans der beiden Lager. Oder mal ganz allgemein anhand der gegensätzlichen Ästhetik der beiden Komponisten einen Zugang zur Oper eröffnen. Insbesondere jetzt, wo Wagner-Verband und Oper des Nationaltheaters beide ausdrücklich erklären, neues Publikum gewinnen zu wollen. Um es vorweg zu nehmen: Wer ohne Vorkenntnis den Abend besuchte, fühlte sich danach nicht unbedingt abgeholt. Opernfans, ob Wagnerianer, Verdi-Jünger oder Fans von beiden, hatten ohne Zweifel ihren Spaß. Die Musik kam in der Akustik der Christuskirche eindrucksvoll zur Geltung.
Unzureichend für Unerfahrene
Das Programm bestand aus zwei Blöcken und jeweils einer Art „best of“: Los ging es mit Wagner und ausgewählten Werken aus „Die Meistersinger“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ und „Die Walküre“, dann ging es ohne Pause weiter zu Ausschnitten aus „I Vespri Siciliani“, „La Traviata“, „Nabucco“, „Don Carlos“, „Otello“ und „Rigoletto“ (ohne die Werbung für die Knusperstückchen). Moderiert hat das Programm Albrecht Puhlmann, der Opernintendant des Nationaltheaters. Ziemlich oft gebrauchte er Wendungen wie „Wie Sie alle wissen“ – das bauchpinselt das erfahrene Publikum, die Abonnementbesitzenden. Sofern sich Unerfahrene und Neulinge zur Veranstaltung getraut haben, fühlten die sich damit vermutlich nicht angesprochen. Warum gelten Wagner und Verdi als Antipoden der Oper? Das hätte man zumindest umreißen können: Hier Wagner, der Opern komponiert wie riesige Ölgemälde, voller akribisch ausgearbeiteter Details, die mystische und entrückte Gegenwelten entwerfen, deren Figuren für Ideen und Prinzipien stehen. Und da Verdi, der fotografische Schnappschüsse auf der Straße macht, reale Menschen und ihre Welt musikalisch darstellt und sich nicht scheut, „einfach“ zu klingen.
Die zwei Programmblöcke standen mehr oder minder unverbunden nebeneinander, wenn man davon absieht, dass die Ausführenden dieselben waren. Und die machten natürlich ihre Sache sehr gut. Janis Liepinš leitete das Orchester, die Solisten aus dem Ensemble des NTM sangen ihre Parts eindrucksvoll. Bemerkenswert dabei auch die Leistung von Christopher Diffey, der für den erkrankten Tenor Jonathan Stoughton ganz kurzfristig eingesprungen ist. Bass-Bariton Thomas Jesatko erntete für Wotans Abschied besonders starken Applaus. Aber im Programm wären weitere Bezüge und Vergleiche interessant gewesen.
Die Ähnlichkeit zwischen Wagners „Lohengrin“-Vorspiel und dem Anfang der „La Traviata“- Ouvertüre ist nämlich auffällig. Erfährt man dann noch, dass Verdi „Lohengrin“ gehört und sich ausführlich Notizen gemacht hat, hört man seine Musik anders. Und so hätte es sicher noch mehr interessante und teilweise auch amüsante Fakten zum Verhältnis der beiden Meister und ihrer Rezeption gegeben. Für eingefleischte Opern-Fans war die aufgeführte Musik sicher eine Freude, vor allem in einer Zeit, in der das Opernhaus keine Heimspiele hat.