Ludwigshafen „Ferner, fremder Text“

Das Gilgamesch-Epos ist eines der ältesten literarischen Werke der Menschheitsgeschichte. Hansgünther Heyme, Intendant des Theaters im Pfalzbau, wird es im Oktober in einer Bühnenfassung in Ludwigshafen mit Laiendarstellern aufführen. Zuvor hat der Assyriologe Stefan M. Maul eine Einführung in die etwa 4000 Jahre alte Dichtung gegeben.

Stefan Maul, Ordinarius für Assyriologie an der Heidelberger Universität und mit dem hoch angesehenen Leibniz-Preis ausgezeichnet, ist einer der führenden Altorientalisten. Seine vor bald zehn Jahren erschienene Neuübersetzung des Gilgamesch-Epos liegt Heymes Inszenierung zugrunde. Bei seiner Übertragung des „fernen und fremden Textes aus dem Babylonischen“ habe er versucht, nah am Wortlaut zu bleiben, sagte der Professor vor seinen zahlreichen Zuhörern im voll besetzten Foyer des Theaters. Über eine Inhaltsangabe und Kostproben aus dem Werk hinaus gab der Wissenschaftler eine Einführung in die Lebensverhältnisse in der mesopotamischen Hochkultur und die Entstehung der Schrift. Das Epos über Gilgamesch, den Herrscher der im Süden des Zweistromlandes gelegenen Stadt Uruk, ist in Keilschrift auf Tontafeln aufgezeichnet. Etwa ein Viertel des vollständigen Textes fehlt noch, führte Stefan Maul aus. Die Erzählungen von Gilgamesch gehen mindestens bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurück. Die älteste schriftliche Aufzeichnung dürfte um 2000 vor Christus entstanden sein. Die städtische Kultur in Babylon entsteht im fünften vorchristlichen Jahrtausend. Ausgrabungen hätten den Ursprung in Uruk bestätigt, sagte Maul. Die Einwohnerzahl der Stadt sei auf 40.000 bis 60.000 Menschen zu schätzen. Die Schrift habe wohl ursprünglich dem Zweck gedient, Buch über landwirtschaftliche Erzeugnisse des städtischen Umlands zu führen, um ihre gerechte Verteilung zu gewährleisten. Später sei sie auch geeignet gewesen, mündliche Erzählungen festzuhalten. Maul trug auch eine Passage aus dem Epos in der Originalsprache vor. Das Babylonische habe eine große Nähe zum Hebräischen und Arabischen gehabt, habe aber im Unterschied zu diesen Sprachen auch die Vokale aufgezeichnet, gab er einen Einblick in die Entzifferung. Das Epos besteht aus einem Kranz von Erzählungen. Besonders in der Schilderung der Sintflut weist es starke Übereinstimmungen mit der biblischen Erzählung auf. Gilgamesch ist der übermenschliche Herrscher, der die Stadtkultur nach der Flut wieder erneuert und das Verhältnis zu den Göttern wieder ins Gleichgewicht bringt. Andere Erzählungen betreffen seinen Kampf und seine Freundschaft mit seinem Ebenbild Enkidu, dem König der Natur. Nach dessen Tod begibt sich Gilgamesch auf die Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende einer Reise in den Himmel kehrt er verjüngt wieder und wird wegen seiner Größe gepriesen.

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