Ludwigshafen Drei Länder, drei Verbrechen

Nach dem Gespräch ging sie ein Spaghetti-Eis essen: die Mannheimer Hausautorin Enis Maci.
Nach dem Gespräch ging sie ein Spaghetti-Eis essen: die Mannheimer Hausautorin Enis Maci.

Enis Maci ist eine junge Dramatikerin. In dieser Spielzeit ist sie die Hausautorin des Nationaltheaters, die erste unter dem neuen Schauspielintendanten Christian Holtzhauer. Zur Spielzeiteröffnung führt das Mannheimer Theater ihr Stück „Mitwisser“ als deutsche Erstaufführung auf.

Es ist das erste Mal, dass Enis Maci sich an diesem strahlenden Sommertag in Mannheim aufhält. Nach ihrem ersten Eindruck gefällt ihr die Stadt sehr gut. „Es gibt vage Parallelen zum Ruhrgebiet“, meint die gebürtige Gelsenkirchenerin. Und unverzüglich fügt sie hinzu, dass sie nach dem Gespräch ein Spaghetti-Eis essen werde. „Das ist ja hier in Mannheim erfunden worden.“ Bis vor Kurzem noch hat die 25-Jährige in London gelebt. Ein Jahr lang hat sie an der dortigen London School of Economics and Political Sciences Kultursoziologie studiert. Es war bereits ein Zweitstudium, das auf das Studium des literarischen Schreibens in Leipzig gefolgt ist. Diese Kaderschmiede für angehende Schriftsteller vergleicht sie mit einem Katalysator. Gewisse Schreibprozesse, die in jemandem schon angelegt seien, würden dort befeuert. So habe sie schon vor ihrem Studium Theatertexte geschrieben, aber dann während ihres Studiums erstmals eine Kurzgeschichte verfasst. Bei der Vorliebe für das Theater ist es geblieben, auch wenn in diesem Herbst bei Suhrkamp eine Sammlung von Essays aus ihrer Feder mit dem Titel „Eiscafé Europa“ erscheinen wird. Ein Theaterstück lebe von Konflikten, meint Enis Maci. Die Reibungen müssten auch in der Sprache Ausdruck finden: „Es müssen immer Kämpfe stattfinden.“ Deshalb stellt sie auch Schillers „Kabale und Liebe“ höher als Shakespeares „Romeo und Julia“, in dem ihr das Verhältnis zwischen den Liebenden zu harmonisch angelegt ist. Näher als die Klassiker der Vergangenheit stehen ihr einige Dramatiker des 20. Jahrhunderts: Elfriede Jelinek und Peter Handke, Heiner Müller und Sarah Kane. Erst im zurückliegenden Frühjahr sind zwei ihrer Stücke, die ersten beiden, uraufgeführt worden: „Lebendfalle“ am 9. März am Schauspiel Leipzig, „Mitwisser“ am 24. März im Schauspielhaus Wien. „Lebendfalle“ ist aus einer Schreibwerkstatt am Berliner Gorki-Theater hervorgegangen, wo eine Dramaturgin des Leipziger Theaters bei einer Lesung auf ihr Stück aufmerksam wurde. Es hat vier Familiengeschichten zum Inhalt, ist mit viel deutscher Volksmusik angereichert und wird von der Autorin „eine Art Musical“ genannt. Das andere Stück, „Mitwisser“, hat Enis Maci direkt bei einem Schreibwettbewerb des Wiener Schauspielhauses eingereicht. Es handelt von drei Kriminalfällen in drei verschiedenen Ländern. Dieses Stück wird das Nationaltheater jetzt aufführen und mit ihm seine neue Hausautorin vorstellen. „Mitwisser“ beruht auf drei wirklichen Kriminalfällen und wurde von der Kritik als Anklage einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft verstanden. In Florida tötet ein Jugendlicher seine Eltern und feiert anschließend eine ausgelassene Drogenparty; in der Türkei enthauptet eine Frau ihren Vergewaltiger und wird selbst wegen Mordes angeklagt und verurteilt; und im dritten Fall schließt sich ein junger Mann aus Dinslaken dem sogenannten Islamischen Staat an. Enis Maci hat die drei Kriminalfälle im Internet recherchiert und bringt in dem Stück die Menschen und ihre Taten mit den Orten in einen engen Zusammenhang. Die Geografie ist ihr wichtig, das Tableau des Stücks vergleicht sie mit einer Landkarte. Noch wichtiger als Geografie ist ihr allerdings die Sprache. Die Unterschiede zwischen Erzählung, Beschreibung und Dialog finden ihr besonderes Interesse. Auch das Sprechen über das Sprechen, diese Art „Stille Post“, interessiert sie sehr. So sprechen in „Lebendfalle“ vier Freunde über ihre Eltern und deren Herkunft, die sie nur aus Erzählungen kennen. Es ist selbstverständlich, dass Enis Maci, die Tochter albanischer Migranten, die während ihrer Schulzeit immer in den Sommerferien ihre Großeltern in Tirana besucht hat, an einem solchen Stoff Interesse hat. Aber auch in „Mitwisser“, wie der Titel schon erahnen lässt, geht es um Erzählungen aus zweiter Hand. Fasziniert hat die junge Autorin besonders das Phänomen albanischer Schwurjungfrauen, so sehr, dass sie ihm nun einen Essay in „Eiscafé Europa“ widmet. Als wegen der Blutrache Familien stark dezimiert wurden, verbreitete sich im Mittelalter in Albanien das Gewohnheitsrecht, dass auch Frauen die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen durften. Enis Maci richtet dabei ihre Aufmerksamkeit darauf, wie und unter welchen Umständen sich eine Gepflogenheit, die erst im 20. Jahrhundert keinen Anstoß mehr erregt, in archaischen Zeiten durchsetzt. Ansonsten handeln die Essays in der Sammlung, die ihren Titel einem Eiscafé in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen verdankt, von gesellschaftspolitischen Themen aus einer persönlichen Perspektive. Von der neuen Hausautorin erwartete das Nationaltheater ein Stück, das aus ihrem Aufenthalt in Mannheim hervorgeht. Dazu hat Maci auch schon ein paar Ideen, sagt sie. Näheres verraten will sie noch nicht. Was für die angebrochene neue Spielzeit schon feststeht, ist eine im Herbst beginnende Reihe unter ihrer Leitung, die „Steinbruch der Leidenschaften“ heißen soll und Randphänomene des Theaters in den Blick nimmt. Dazu gehören etwa Musik, Performance oder Figurentheater. Bei der ersten Veranstaltung im November soll es um elektronische Musik gehen. Termin „Mitwisser“ hat am Samstag, 29. September, 17 Uhr, Premiere im Studio Werkhaus.

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