Ludwigshafen Donnernde Oktaven

91-92626671.jpg

Die russische Pianistin Anna Tsybuleva ist 26 und schon mehr als nur „ein Talent“. In der Konzertreihe „Junge Pianisten“ im BASF-Gesellschaftshaus stellte sich die Gewinnerin des Klavierwettbewerbs von Leeds mit einem gut durchdachten Programm vor. Es gab Stücke von Carl Philipp Emanuel Bach, Johannes Brahms, Claude Debussy und Dmitri Schostakowitsch und der Eindruck, einer glänzend bestandenen Vielseitigkeitsprüfung beigewohnt zu haben.

Im mit 20.000 Pfund gut dotierten internationale Klavierwettbewerb von Leeds den ersten Preis gewonnen zu haben, ist schon ein nicht zu verachtender Türöffner. Das war letztes Jahr und Anna Tsybuleva erst die zweite Frau, der das gelungen ist. Die andere heißt Mitsuko Uchida, und das sagt schon einiges aus über die Ansprüche, die man in Leeds an die Finalisten stellt. Dass Anna Tsybuleva wieder ein Jahr früher ihre Ausbildung am Moskauer Konservatorium als Jahrgangsbeste abschloss, fällt da kaum noch ins Gewicht. Das Programm, wie gesagt, war gut und abwechslungsreich zusammengestellt. Eher unüblich der Beginn mit zwei verspielt-aufgekratzten Sonaten des zweitältesten Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel, die sie klar ausbalancierte und mit singendem Anschlag auf die Tasten setzte. Tsybulevas dem modernen Flügel angepasstes Legato wäre als unhistorisch zu kritisieren, es darf unterbleiben, ein Steinway ist nun mal weder Hammerklavier noch Cembalo. Hörte sich gut und verständig an. Aber alles nichts gegen das in donnernden Oktaven brillierende jugendliche Ungestüm, mit dem sich Anna Tsybuleva in das Notengestrüpp von Brahms’ fis-Moll-Sonate warf, Geniestreich eines 19-Jährigen, der vor Kraft fast nicht weiß wohin damit und manchmal so kompliziert um die Ecke denkt, dass drei Systeme nötig sind, um seine Gedanken zu fassen. Echtes Virtuosenfutter ist das, prima bewältigt auch in den wenigen lyrisch beseelt zurückgenommenen Teilen: Und von den Mühen der technischen Ebenen nicht die Spur. Nicht ganz so überzeugend geriet eine Sechserauswahl aus Debussys Préludes, Die delikat changierenden „Voiles“ hörten sich seltsam verhuscht an, die innige Schlichtheit des „Mädchens mit den Flachshaaren“ nur flach, das abschließende „Feux d’artifice“ als immerhin erlösendes Feuerwerk für zehn habile Finger. Anschließend noch einmal „Stücke“, in Gestalt einer Auswahl aus Schostakowitschs 24 Präludien op. 34, deren wechselnde Stimmungen glasklar herausgearbeitet wurden. Ein gelungenes Plädoyer für den Komponisten und das überzeugende Finale einer eindrucksvollen Matinée, ein Lob für die unbedingt stilsichere Robe von Anna Tsybuleva mit eingeschlossen.

x