MANNHEIM
„Die Wand“: Nationaltheater zeigt das Stück zur Pandemie
Der Regisseur Patrick Schnicke weiß noch ganz genau, wie sie vor mehr als einem Jahr auf die Idee gekommen sind, aus diesem Buch ein Theaterprojekt zu machen. Mitte März 2020 war Corona nicht länger ein Virus in China, sondern eine Pandemie in Deutschland, von einem Tag auf den anderen mussten die Theater schließen, Proben wurden abgesagt, alle nach Hause geschickt. Als man überlegt habe, was man in dieser Situation tun könne, erzählte ihm die Dramaturgin Annabelle Leschke von Marlen Haushofers Roman. „In einer Nacht habe ich ihn durchgelesen“, erinnert sich Schnicke. Das habe alles so genau zur aktuellen Situation gepasst. „Ich glaube, die Zeit steht still und ich bewege mich in ihr“, lautet einer dieser Sätze, die sich Schnicke aufgeschrieben hat und seither mit sich herumträgt. Unbedingt wollte er aus diesem Text ein Theaterstück machen.
Posthumer Ruhm
Bei seinem Erscheinen blieb „Die Wand“ weitgehend unbeachtet. In den 1980er-Jahren wurde Haushofer von der Frauenbewegung entdeckt, da war sie schon mehr als ein Jahrzehnt tot, einer Krebserkrankung erlegen mit knapp 50 Jahren. Ihre Bücher wurden als Dokumente weiblichen Aufbegehrens gegen das Patriarchat gelesen. Verfilmt wurde „Die Wand“ mit Martina Gedeck 2012. Erst 2020 zum 100. Todestag der Autorin begann eine breitere Würdigung ihres stark autobiografisch geprägten Werks. Eigene Erfahrungen des Ausgeschlossenseins hat sie verarbeitet, auch Erfahrungen einer Zahnarztgattin mit abgebrochenem Literaturstudium, deren Schaffen lange Zeit kaum jemanden interessierte.
Eine unsichtbare Wand
Die namenlose, vielleicht 40-jährige Protagonistin des Romans findet sich nach einem Ausflug auf eine Jagdhütte plötzlich von einer unsichtbaren Wand umgeben. Jenseits dieser unüberwindlichen Grenze scheint eine Katastrophe stattgefunden zu haben, alles Leben ist erstorben. Der begrenzte Lebensraum der Frau ist intakt, sie ernährt sich von Beeren, baut Gemüse an, geht auf die Jagd, findet Haustiere als Gefährten. Als ein zweiter Mensch auftaucht, ein unbekannter Mann, erschlägt dieser ihren Stier und den Hund. Sie erschießt ihn. Nach zwei Jahren bricht der Bericht ab, was weiter geschehen ist, erfährt man nicht.
Seit Herbst alles fertig
Das Wiener Burgtheater hat „Die Wand“ schon einmal auf die Bühne gebracht. Aber Schnicke, seine Dramaturgin und die Schauspielerin Sarah Zastrau wollten eine eigene Fassung erarbeiten. Man habe den Sommer über geprobt, im Herbst sei alles fertig gewesen, im November sollte Premiere sein. Dann kam der nächste Lockdown, und wie weitere fertige Inszenierungen am Nationaltheater musste auch „Die Wand“ in die Warteschleife. Aber nun sind die Theater wieder geöffnet, und die Premiere kann endlich stattfinden.
Die Parallelen des Romans zu einer von einer Pandemie gelähmten Welt sind für Schnicke überdeutlich. „Klar kann man die unsichtbare Wand als Metapher für Social Distancing sehen“, sagt er, aber der Roman werfe viele weitere Fragen auf. Zum Beispiel wie man in einer globalisierten Welt wieder zu einem einfachen Leben im Einklang mit der Natur zurückfinden könne. „Die Natur ist bedrohlich, bietet aber auch das Glück, eine neue Freiheit zu leben.“ Diese auf fast 400 Buchseiten ausgebreitete Geschichte in 75 Theater-Minuten zu erzählen, ist eine Herausforderung. Sarah Zastrau, die allein auf der Bühne steht, müsse „die ganze Welt selber erspielen und dabei die Komplexität dieser Achterbahnfahrt der Gefühle erlebbar machen“. Helfen werden ihr ein Tonbandgerät, das Bühnenbild, das mit einer Schräge die unwirtliche Bergwelt spürbar macht, und ein Sounddesign aus Naturgeräuschen und Musik. Vor allem setzt Schnicke auf Haushofers Sprache, die er „schlicht, aber total stark“ findet.
Schauspieler und Regisseur
Am Nationaltheater ist der 43 Jahre alte Bonner als Schauspieler engagiert, woran sich auch nichts ändern soll. „Ich spiele total gerne“, betont er, „wollte aber mal die Seiten wechseln und selbst Regie führen.“ Seine erste Inszenierung ist dies nicht, 2012 hat er am Landestheater in Tübingen „Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ auf die Bühne gebracht, war dabei Schauspieler und Regisseur. Jetzt also nach neun Jahren die zweite Regiearbeit. Der Weg zum Schauspieler war auch mit Umwegen verbunden. Erst wollte er Pianist werden, wählte dann aber Jura und wollte Diplomat werden, wechselte zu Biologie und Spanisch in der Hoffnung auf eine Lehrertätigkeit im Ausland und landete schließlich auf der Schauspielschule in Rostock. Engagements führten ihn vor allem in die Provinz. Seit drei Jahren ist er nun in Mannheim, hat den Arzt Jewgeni Sergejewitsch Dorn in der „Möwe“ und das Solostück „Steilwand“ von Simon Stephens gespielt, im „Faust“ fürs Autokino und in „Maria Stuart“ mitgewirkt. Auf die großen Hauptrollen wartet er noch und vielleicht auch auf das nächste Inszenierungsangebot.
Termine
Premiere am Samstag, 17. Juli, 20.30 Uhr, im Schauspielhaus, weitere Vorstellungen am 22., 23. und 25. Juli.