Ludwigshafen
Dezente Dramen: Der Chor für geistliche Musik in der Ludwigshafener Apostelkirche
Lieder mit Harfenklang, Balladen mit Hörnerschall: Mit hochromantischen Werken und der Uraufführung eines modernen Stückes feiert der Ludwigshafener Chor für geistliche Musik die Erbauung der Apostelkirche vor 125 Jahren. Hohe, mitunter zu hohe Ziele hat er sich gesteckt – und überzeugt am meisten in den emotionalen und spirituellen Momenten des Konzerts.
Die Hunde heulen, die Mädchen weinen. Warum? Weil Trenar, der liebliche Held, im Kampf gefallen ist.Es gab Zeiten, da waren solche heute „Fake News“ genannten Nachrichten aus dem schottischen Hochland groß in Mode: Die Dichter des „Sturm und Drang“ und nach ihnen die Romantiker liebten die pseudo-keltischen „Gesänge des Ossian“, die angeblich von einem blinden Barden des 3. nachchristlichen Jahrhunderts stammten, in Wahrheit aber vom Schotten James Macpherson um 1760 erdichtet worden waren.
Kirche feiert 125. Jubiläum
Auch der junge Johannes Brahms griff, auf der Suche nach Material für den von ihm geleiteten Hamburger Frauenchor, nach einem dieser Ossian-Gesänge. Aus der Klage um Trenars Tod machte Brahms den krönenden Abschluss seiner Vier Gesänge für Frauenstimmen, zwei Hörner und Harfe op. 17. Ein dezenter, von den drei Instrumenten intonierter Trauermarschrhythmus eröffnet das Szenario, aus dem die Damen des Ludwigshafener Chors für geistliche Musik, ganz im Sinne des Komponisten, beim Konzert zum 125. Jubiläum der Apostelkirche ein kleines Miniaturdrama machten, ein tragisches Tableau mit markanten dynamischen Abstufungen, mit schauerromantischen Aufwallungen und elegischen Zwischentönen.
So gut wie diese Ballade meisterte der ambitionierte, seit 1999 von Christiane Michel-Ostertun geleitete Laienchor freilich nicht alle der selbstgestellten Aufgaben. Beim Eröffnungsstück, einer Psalmvertonung Josef Rheinbergers, geriet die erste Eskalation der Soprane alles andere als sauber, die Agogik war insgesamt zu schleppend, die Textverständlichkeit mangelhaft. Auch Zemlinskys „Minnelied“ für Männerchor, zwei Flöten, Hörner und Harfe wollte so gar nicht zünden: Hier hätte man akzentuierter singen müssen, kecker, mit mehr Sinn für flexible Dynamik, um aus dem altmodisch-tumben Text wenigstens etwas Charme hervorzulocken.
Balladen liegen dem Chor
Was dem Chor dagegen hörbar liegt, das sind die Balladen und Elegien. Mit ihnen konnte er überzeugen. Aus diesem Sektor stand mit dem „Keltic Lament“ des englischen Komponisten John Foulds (1880 bis 1939) ein weiteres wirkungsvolles Werk auf dem Programm, nicht so dramatisch wie Brahms’ Ossian-Vertonung, dafür pastoraler, spiritueller. Sehr schön gelangen außerdem die fünf Lieder, die Felix Mendelssohns ältere Schwester Fanny Hensel (1805 bis 1847) aus Gedichten von Eichendorff und Lenau geschaffen hat. Ursprünglich als A-cappella-Stücke konzipiert, wurden sie in Ludwigshafen in einer Fassung mit zusätzlicher Harfenstimme dargeboten. Was im Hinblick auf das Gesamtkonzept des Konzerts zwar Sinn hatte, aber nicht wirklich notwendig gewesen wäre. Denn am stärksten wirkte hier das zweite Stück, Eichendorffs „Abend“, in dem die an sich vorzügliche junge Harfenistin Freya Petrich gar nicht zum Einsatz kam.
Zwischen all dieser hochromantischen Gesangsvereinsliteratur sorgte eine Uraufführung für modernere, bisweilen schneidende Klänge. Krasse Avantgarde ist Martin Bärenz’ Kantate „An sich“ auf drei Gedichte des Barockdichters Paul Fleming trotzdem nicht. Fallende Skalen, harmonische Rückungen und Staccato-Momente sorgen zwar für Exppressivität. Stilistisch bewegt sich das Werk des 1956 geborenen Komponisten aber auf moderaten Bahnen zwischen Max Reger, Francis Poulenc, Hanns Eisler und Weills „Berliner Requiem“. Den Hörnern kommen in Bärenz’ Kantate prominente Aufgaben zu, welche die sauber intonierenden Hornisten Jaehyung Kim und Benjamin Laxa hervorragend umsetzten.