Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Der Luzenberg: Traditionen, soziale Gegensätze und ein berühmter Sohn

Hier soll in wenigen Wochen ein Jugendtreff eröffnen.
Hier soll in wenigen Wochen ein Jugendtreff eröffnen.

An manchen Stellen der geschichtsträchtigen Arbeitersiedlung im Mannheimer Norden scheint die Zeit stillzustehen. Trotz der Probleme können sich viele dem Charme des Viertels nicht entziehen.

Glasstraße, Eisenstraße, Spiegelstraße – die Liste solcher Straßennamen ließe sich im Luzenberg noch fortsetzen. Die traditionsreiche Arbeitersiedlung, die zum Stadtbezirk Waldhof zählt, hat so ihre ganz eigene Geschichte – und ihre ganz eigenen Probleme. Den meisten in erster Linie als Wirtschaftsstandort im Mannheimer Norden ein Begriff – so wurde beispielsweise im Jahr 1908 das heutige Mercedes-Benz-Werk dort gegründet –, wird im Luzenberg auch gewohnt. 3200 Menschen leben hier. Die Lage des Stadtteils zwischen großen Straßen, einem Altrheinarm und den Industrieflächen limitiert die Entwicklungsmöglichkeiten. Es gibt viele Sozialhilfeempfänger und wenig Möglichkeiten, sein Geld im Kiez auszugeben. Selbst einen Supermarkt sucht man vergeblich. Der Migrantenanteil liegt bei um die 70 Prozent.

Ein türkischer Laden hat vor Kurzem ebenso zugemacht wie eine Apotheke. Eine Bäckerei gibt es schon lange nicht mehr. Dafür aber einen Metzger, einen Friseur, einen Allgemeinmediziner, einen Kiosk und ein Sonnenstudio. Was ebenfalls vor wenigen Jahren dichtgemacht hat: die Spiegelfabrik Saint-Gobain. Die städtischen Planer haben ein Konzept für die künftige Nutzung des 37 Hektar großen Geländes vorgelegt. Neben Raum für Wohnungen könnte ein Teil für „unberührte Natur“ reserviert bleiben und ein anderer in öffentliche Park- und Grünflächen umgewandelt werden. Eine autofreie Stadtteilverbindung zwischen Luzenberg und dem Waldhof ist ebenfalls geplant.

Kampf um einen Jugendtreff
Ein Schild erinnert noch daran, dass es in der Sandhofer Straße mal eine Apotheke gab.
Ein Schild erinnert noch daran, dass es in der Sandhofer Straße mal eine Apotheke gab.

Dass sich Beharrlichkeit nicht selten auszahlt, zeigt dieses Beispiel: „Ende Juni soll ein Jugendtreff eröffnen. Darum haben wir lange gekämpft“, sagt Winfried Kölmel. Der 56-Jährige ist seit Ende des vergangenen Jahres Vorsitzender des Spiegelvereins. Er und seine Mitstreiter sind im Viertel Ansprechpartner für Sorgen aller Art. Sie haben im Luzenberg die Quartiersarbeit übernommen – mit diesem Begriff benennt die Stadt die Aktivitäten, mit denen den Menschen dort, wo die Probleme am größten sind, soziale Teilhabe ermöglicht werden soll. Oder anders gesagt: Die Lebensqualität der Bewohner soll sich dadurch verbessern.

Industriekulisse im Hintergrund: Winfried Kölmel am Altrhein.
Industriekulisse im Hintergrund: Winfried Kölmel am Altrhein.

Kölmel, der in Mannheim geboren und in Frankenthal zur Schule gegangen ist, lebt mittlerweile seit 30 Jahren im Luzenberg. „Ich habe damals eine günstige Wohnung dort gefunden“, erzählt er. In der wohnt er zwar nicht mehr, aber wenn man ihn so reden hört über seinen Kiez, scheint es ziemlich ausgeschlossen, dass er jemals wieder wegzieht. Dass ihn fast jeder im Luzenberg kennt, ist daher wenig überraschend. So dauert es auch nicht lange, bis ihn auf einer kleinen Tour durch den Stadtteil eine junge Frau anspricht. „Sie haben doch irgendwas mit Politik zu tun. Eine Bekannte hat sich Hoffnung auf eine neue Wohnung gemacht. Das ist aber nichts geworden“, berichtet sie ihm. In diesem Fall kann er nicht wirklich weiterhelfen, oft aber kann er das.

Wohnen am Wasser
Am Wasser sind zehn dieser würfelförmigen, modernen Häuser entstanden.
Am Wasser sind zehn dieser würfelförmigen, modernen Häuser entstanden.

Es sind nicht selten die kleinen Dinge, die das Leben im Viertel attraktiver machen. „Hier sollen Tischtennisplatten, eine Boulebahn und Bänke aufgebaut werden“, sagt er und zeigt auf eine kleine Grünanlage, den Spiegelpark, den hier alle Hundepark nennen. Viele Kinder, erzählt er weiter, wünschten sich noch „einen Gummiplatz zum Spielen mit Toren und Basketballkörben“.

Nur wenige Schritte von der Hauptverkehrsader, der Sandhofer Straße, entfernt, fallen zehn moderne, würfelförmige Häuser ins Auge. 89 Eigentumswohnungen sind bislang in der Nähe des Hafens entstanden. „Joy am Ufer“ heißt das Projekt. Wer hier ein neues Zuhause gefunden hat, muss sich keine Gedanken darüber machen, wie er die nächste Stromrechnung bezahlt. Soziale Gegensätze auf engstem Raum.

Ort für Fußball-Nostalgiker
Die stark befahrene B44 teilt Luzenberg in einen westlichen und einen östlichen Teil.
Die stark befahrene B44 teilt Luzenberg in einen westlichen und einen östlichen Teil.

Die nachdenkliche Miene von Winfried Kölmel weicht schnell wieder einem Lächeln, als er auf den berühmtesten Sohn des Luzenbergs zu sprechen kommt, an den natürlich eine Gedenktafel erinnert. Sepp Herberger, als Fußball-Bundestrainer 1954 maßgeblich am „Wunder von Bern“ beteiligt, wurde 1897 in der Spiegelsiedlung geboren. Und es gibt einen weiteren Ort, der an Herberger erinnert – und an andere Fußballhelden des SV Waldhof: das „Spiegelschlössl“, ein kultiges Lokal, das nicht nur Fußball-Nostalgiker zu schätzen wissen. Bei allen Veränderungen, die im Luzenberg anstehen, lieben viele diesen besonderen Ort gerade deshalb, weil die Zeit dort stehen geblieben scheint.

Beliebter Treffpunkt nicht nur für Fußball-Nostalgiker: das „Spiegelschlössl“, einst Kantine der Spiegelfabrik.
Beliebter Treffpunkt nicht nur für Fußball-Nostalgiker: das »Spiegelschlössl«, einst Kantine der Spiegelfabrik.
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