Frankenthal
Dance Factory mit „Der Zauberer von Oz“ im Congressforum
Dreimal ausverkauft, rund 2000 Besucherinnen und Besucher, 350 Tanzende im Alter von vier bis 66 Jahren. Schon die Dimensionen ließen ahnen, dass hier Großes gelingen wollte. Und es gelang. In einer stimmigen dramaturgischen Struktur erzählte die Tanzschule „Der Zauberer von Oz“ – nah an der legendären Filmfassung mit Judy Garland – als offenes, fließendes Tanztheater. Insgesamt 34 Szenen wechselten ohne Brüche, Nummern setzten kontrastreich Akzente, Übergänge glitten nahezu filmisch ineinander. Eine stimmungsvolle Lichtregie spannte dabei den emotionalen Bogen von Kansas-Grau bis zu Smaragdstadt-Grün.
Inhaltlich folgte die Aufführung Dorothys Reise durch Oz: der Wunsch nach Heimkehr, die Suche nach Verstand, Herz und Mut. Rund 40 Musikstücke unterschiedlichster Genres, aus Klassik, Musical, Pop und aktuellen Charts, trugen die Erzählung. Schlüsselszenen aus dem Hollywood-Musical wurden als Audio-Dialoge eingespielt, und so hieß es auf Dorothys Heldinnenreise durch das Zauberland immer wieder „follow the other big road“, folge der großen Straße. Ein kluger Griff, der Struktur und Orientierung gab, Wiedererkennung schuf und zugleich Raum für neue Bilder ließ.
Solotanz auf Spitze
Tanzend erschienen Regenbogen und Stroh, putzige Pilze und Tiere des Waldes, quirlige Zwerge, die Wächter von Oz, fliegende Affen und Fledermäuse, Mohnblumen und süße Schneeflocken. Die große Stärke lag im stilistischen Reichtum und in der altersgerechten Umsetzung: Klassisches Ballett, Jazzdance, Showdance, Hiphop, Streetdance und Contemporary wechselten sich ab oder waren mitunter simultan auf der Bühne präsent. Solotanz auf Spitze und dynamische Ensemblepassagen waren die Highlights. Jede Gruppe fand ihre eigene Bewegungssprache, jede Altersstufe ihren Ausdruck, eingebettet in den erzählerischen Fluss.
In Handarbeit hatten die beiden Ballettlehrerinnen alle Kostüme selbst gefertigt, ebenso das handgemalte Bühnenbild (Bemalung: Uta Garecht-Eichenlaub) mit raumhohen Installationen und mobilen Elementen. Blickfang waren die riesigen Mohnblumen – ein Gesamtkunstwerk aus Handarbeit und Fantasie.
Geleitet wird die Dance Factory von Corinne Kraußer und ihrer Tochter Sophia Houska. Neu im Trainerteam ist Vanessa Reh, langjährige Tänzerin und nunmehr Lehrerin für Hiphop, Jazz und Contemporary. Im Stück verkörperte sie sehr ausdrucksvoll den Löwen. In den Hauptrollen überzeugten mit Präsenz und Charakter Elis Kartal (Dorothy), Xenia Brenk (Hund Toto) und Lena Knoll als Tante. Als Vogelscheuche und Blechmann waren Neele Hördt und Lea Knecht zu sehen. Verstand, Herz und Mut wurden von Ida Hübner, Victoria Zech und Sophia Houska verkörpert. In weiteren Rollen glänzten Giulia Votta als Hexe des Nordens und Carlotta Eichenlaub als Hexe des Westens. Den Zauberer von Oz tanzte Luana Di Rosolini.
Kundige Lichtregie
Das Publikum war auf Anhieb verzaubert, was nicht zuletzt der kundigen Lichtregie auf der Bühne und im Saal geschuldet war. Und so fand man sich wieder in abwechselnd mystisch dunkler und Technicolor-bonbonfarbener Atmosphäre, ergänzt durch Glitzereffekte der Discokugel. Zwar hatte die Aufführung auch in den leisen Szenen und lyrischen Momenten ihre Stärke, doch wurden am Samstagabend besonders die Streetdance-Passagen zu Popsongs wie Michael Jacksons „Thriller“, „Don“t stop me now“ (Queen) und „Berghain“ von Rosalia beklatscht. Bereits nach 18 Minuten der temporeichen, hochdynamischen Inszenierung gab es bei „Footloose“ den ersten Szenenapplaus, und besonders im zweiten Teil gingen die Zuschauer begeistert mit.
„Der Zauberer von Oz“ war mehr als eine Schüleraufführung – es war zwei Stunden beeindruckende Kurzweil in Gestalt eines generationenübergreifenden Tanztheaters, das ein Stück vom Regenbogen in die Herzen der Zuschauer zauberte.