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Florian Illies’ „Zauber der Stille“ über den Maler Caspar David Friedrich ist auf dem guten Weg zu einem Longseller.
Florian Illies’ »Zauber der Stille« über den Maler Caspar David Friedrich ist auf dem guten Weg zu einem Longseller.

Klaus-Peter Wolfs „Ostfriesenhass“ und Bernhard Schlinks „Das späte Leben“ stehen auf der Februar-Liste gut da. Bodo Kirchhoffs neuer Roman und Ingrid Nolls neuer Krimi machen sich auf ihr schon einmal bemerkbar. Und Florian Illies’ Buch über den Maler Caspar David Friedrich hat das Zeug, zu einem Longseller zu werden.

Unter meinen Büchern befindet sich eine kommentierte italienische Horaz-Ausgabe aus dem Jahr 1879. Sie wurde billig in einem Antiquariat angeboten, weniger weil sie so alt, als weil sie nicht vollständig ist. Es fehlen ein paar Gedichte, einige sind gekürzt, die Auslassungen aber immerhin durch Pünktchen kenntlich gemacht. In einem an die jugendlichen Benutzer gerichteten Vorwort rechtfertigt der Mailänder Gymnasialprofessor als Herausgeber seine Eingriffe in die für den Schulgebrauch bestimmten Gedichte mit den Worten: Sie seien „gereinigt von jedem Begriff und Bild, das die Unbescholtenheit eurer Seelen trüben könnte“.

Der gereinigte Jim Knopf

Horaz gehört noch nicht einmal zu den pornografischsten und freizügigsten antiken Schriftstellern, bei denen es ein Wunder ist, dass sie nicht wie unzählige andere antike Zeugnisse – von Tempeln bis zu Büchern – dem Moral- und Keuschheitsfuror der Christen zum Opfer gefallen sind. Die Mönche, die die Texte dieser überlebenden Schriften in den Klöstern abgeschrieben haben, hatten wohl ein gewisses Vergnügen an ihnen. Ein ähnlicher Vernichtungswille, wie er das Christentum im Namen seiner Moral beseelte, ist auch gegenwärtig zu bemerken. Nicht nur, dass die selbst ernannten Sprachpuristen den Lebenden vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen und zu schreiben haben, sie vergreifen sich obendrein noch an den Toten und finden damit eine immer größere Gefolgschaft.

Jüngstes Beispiel für diese große Säuberung ist die Ende Februar erschienene überarbeitete Fassung der Kinderbuchklassiker mit Jim Knopf. Der Stuttgarter Thienemann Verlag hat den Schritt damit begründet, dass einige Passagen aus heutiger Sicht als rassistisch empfunden werden könnten. Das Paradoxe daran: Michael Ende hatte sein Kinderbuch, als der erste Band 1960 erschien, gerade als Korrektiv an der eben erst vergangenen Nazi-Barbarei geschrieben. In der bösen Lehrerin, dem Drachen Frau Mahlzahn etwa, stecken eigene Kindheitserinnerungen. Also, gesteigertes Feingefühl und Sensibilität in allen Ehren! Aber Überarbeitungen verfälschen die Vergangenheit und löschen sie aus dem Gedächtnis kommender Generationen. Sie kleistern Risse zu, glätten Brüche, die allererst ein Nachdenken, eine moralische Reflexion anregen könnten. Immerhin bleibt die „Jim Knopf“-Originalausgabe vorerst noch unverändert in Text und Bild lieferbar, wie der Verlag mitteilte, erhält allerdings „ein einordnendes Nachwort“.

Wie Michael Ende ist es auch schon Astrid Lindgren, Roald Dahl, Erich Kästner ergangen. Sie alle gehören nach einer Einteilung Arthur Schopenhauers wenigstens zu den Planeten unter den Schriftstellern, auf einem Platz zwischen den Fixsternen und den Sternschnuppen. Zu den Sternschnuppen würden nach seiner Einschätzung nahezu ausnahmslos die Bücher auf den Bestsellerlisten gehören. Sie erzeugen „Knalleffekte“ und eine kurze Aufmerksamkeit, während Horaz zweifelsohne – und auch für Schopenhauer – zu den Fixsternen zu zählen ist, was allein schon sein Überdauern über die Jahrtausende belegt. Ironisch vergleicht der antike Dichter selbst einmal eines seiner demnächst erscheinenden Bücher mit einem herausgeputzten Strichjungen, der sich auf dem Markt feilbietet, bis der Reiz der Neuheit verflogen und das Interesse an ihm verloren gegangen ist und er schließlich, abgegriffen von vielen Händen, ABC-Schützen in der Provinz zum Lesenlernen dienen wird. Das war Understatement, denn er war sich durchaus bewusst, dass sein Werk dauerhafter als Erz sein wird.

„Harry Potter“-Erstausgabe

Auf dem Weg in eine Planetenbahn könnten Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Bände sein. Eine Erstausgabe des ersten, 1997 in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienenen Bandes „Harry Potter und der Stein der Weisen“ wurde Ende Februar in England für 7500 Pfund (8770 Euro) versteigert. Und auf dem guten Weg zu einem Longseller könnte sich Florian Illies’ „Zauber der Stille“ befinden. Die Faszination für den Maler Caspar David Friedrich wird wohl noch eine Weile anhalten, und die zumindest bis 1. April dauernde Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle befeuert den Verkauf seines Buches.

Das Mannheimer Literaturfestival „lesen.hören“ hat sich auf die Nachfrage bei Bücher Bender ausgewirkt. Das Interesse an Mirrianne Mahns in Deutschland und Kamerun spielendem Debütroman „Issa“ über eine starke Frau war auf der Eröffnungsveranstaltung riesig. Und wider Erwarten war die Nachfrage nach Frank Trentmanns Moralgeschichte der Deutschen in der Nachkriegszeit in „Aufstand des Gewissens“ sehr viel größer als die nach den Büchern Christopher Clarks, mit dem Trentmann gemeinsam aufgetreten ist. Wahrscheinlich hatten viele der zahlreichen Zuhörer schon Clarks „Frühling der Revolution“ und „Die Schlafwandler“, beide wochenlang und deutschlandweit auf den Bestsellerlisten, gelesen.

Lesetipp

Ursula Poznanski: Die Burg

Halil Ibrahim Celiktas von der Mannheimer Thalia-Filiale auf den Planken empfiehlt Ursula Poznanskis Thriller „Die Burg“. Seit „Erebos“ finden sich die Bücher der österreichischen Schriftstellerin auf den Bestsellerlisten. In dem in diesem Jahr erschienenen „Die Burg“ beschäftigt sie sich mit Künstlicher Intelligenz (KI). Darin hat der Milliardär Nevio die halbverfallene Burg Greiffenau mit unterirdischen Geheimgänge, Gruften und Verliese mithilfe modernster Technik zu einer Escape-Welt ausbauen lassen. KI sorgt dafür, dass das Spiel auf jede Besuchergruppe individuell zugeschnitten ist. Mittelalterliche Festung, Vampirschloss oder Fantasywelt, Burg Greiffenau kann alles werden, was sich die Spieler wünschen. Niemand ahnt, dass die KI längst beschlossen hat, ihr eigenes Spiel zu spielen. Und darin ist ein Happy End nicht vorgesehen. KI und ihre Risiken beschäftigen Ursula Poznanski und mit ihr nicht nur Halil Ibrahim Celiktas.

Bestsellerlisten

Buchladen Gartenstadt

1. Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenhass
2. Alexandra Beilharz: Ludwigshafen am Rhein. Eine unterschätzte Stadt
3. Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
4. Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
5. Joy Fielding: Die Haushälterin

Leseecke Oppau

1. Bernhard Schlink: Das späte Leben
2. Ingrid Noll: Gruß aus der Küche
3. Carsten Henn: Die Butterbrotbriefe
4. Uwe Ittensohn: Letzte Lese
5. Ulf Kvensler: Der Ausflug

Thalia in der Rheingalerie

1. Ayla Dade: Blackwell Palace – Feeling it all
2. Alexandra Beilharz: Ludwigshafen am Rhein. Eine unterschätzte Stadt
3. Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenhass
4. Sebastian Fitzek: Mimik
5. Karsten Dusse: Achtsam morden im Hier und Jetzt

Buchhandlung Frank

1. Florian Illies: Zauber der Stille
2. Bernhard Schlink: Das späte Leben
3. Kristen Perrin: Das Mörderarchiv
4. Steve Cavanagh: Seven Days
5. Giovanni di Lorenzo: Vom Leben und anderen Zumutungen

Bücher Bender, Mannheim

1. Mirrianne Mahn: Issa
2. Frank Trentmann: Aufbruch des Gewissens
3. Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
4. Alex Carpus: Das kleine Haus am Sonnenhang
5. Florian Illies: Zauber der Stille

Thalia auf den Planken

1. Ali Hazelwood: Bride – Die unergründliche Übernatürlichkeit der Liebe
2. Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek
3. Ferdinand von Schirach: Nachmittage
4. Ferdinand von Schirach: Sie sagt. Er sagt
5. Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

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