Ludwigshafen Atemlos in Abidjan

Zerzauster Kopfschmuck: Rainald Grebe beim Auftritt in Mannheim.
Zerzauster Kopfschmuck: Rainald Grebe beim Auftritt in Mannheim.

Heute verwendet man andere Materialien, aber früher waren die weißen Tasten eines Klaviers oftmals mit Elfenbein belegt. Der Kabarettist Rainald Grebe verbindet mit dem Begriff „Elfenbeinkonzert“ jedoch auch etwas anderes: Er gab für das Goethe-Institut einen Volksmusik-Workshop an der Elfenbeinküste. Davon erzählte er bei seinem bejubelten Gastspiel im ausverkauften Mannheimer Capitol.

Sein Aufenthalt in der westafrikanischen Republik bildet den roten Faden des gut dreistündigen Abends, um den herum Grebe ein irrwitzig verschlungenes Programm ausbreitete, kunterbunt wie der zerzauste Häuptlingsschmuck, den der ruhelose Musiker anfangs trägt und der schon die meisten seiner Federn gelassen hat. Später auch mit anderen Kopfbedeckungen, dazu Jogginghose zu Hemd und Krawatte, so durchmisst der Berliner die Welt auf einer Tour de Force, die immer wieder in Abidjan Halt macht, wo sich das Goethe-Institut befindet, das Grebe eingeladen hatte. Es ist kaum zu beschreiben, auf welche abseitigen Pfade Grebe seine faszinierten Zuschauer führte, um sich von den verschiedensten Seiten immer wieder den Themenkreisen Goethe, Volkslied und Abidjan anzunähern. Er begab sich auf die Suche nach dem verlorenen Endreim im deutschen Hip-Hop, rappte selbst sein „Palmöl aus Malmö“ vom „Kongress für unreine Reime“, mit dem ihm die Bewerbung fürs Goethe-Institut in Afrika gelang. Abwechselnd textkritisch und musikalisch nahm er fragwürdige Werbeslogans im Stadtmarketing, den politikideologischen Volksbegriff von Johann Gottfried Herder bis Beatrix von Storch oder den Dualismus von „Abendland“ und „Morgenland“ ins Visier und dekonstruierte zielgerichtet alles, was er gerade noch gesagt und gesungen hatte. Ist das nun höherer Unfug oder intellektueller Humor? Auf der Langzeitstudie „Das Anadigi-Ding“ am Schauspielhaus Hannover beruhen angeblich seine Erkenntnisse über das digitale Zeitalter und die Funktionen des Instant-Messaging-Dienstes Snapchat. Auch mit dem ominösen Darknet kennt er sich aus. Was Grebe bietet, ist eine auf- und anregende Mixtur aus Konzert, Kabarett, Theaterperformance und kontrolliertem Experiment. Spaß und Ernst sind dabei kaum auseinander zu halten. Seinen Aufenthalt in Abidjan Anfang 2016 habe er der Berlinerin Henrike Grohs zu verdanken, die seinerzeit Leiterin des dortigen Goethe-Instituts gewesen sei. Auf der Bühne im Capitol lässt Grebe kurze Filme einspielen, die einen Chor ivorischer Deutschstudenten zeigen, die Heinrich Heines „Lied von der Loreley“ anstimmen. Er selbst brachte ihnen Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ bei und seinen Song „Brandenburg“, alles mit amüsanten Filmbildern belegt. Sechs Wochen, nachdem er wieder abgereist war, berichtet Grebe, sei die Institutsdirektorin und Kulturmanagerin Grohs im Alter von 52 Jahren in einer Hafenstadt an der Elfenbeinküste von einem islamistischen Rollkommando getötet worden. Natürlich gab es im Capitol Applaus für die Dame.

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