Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel 50 Jahre TWL: Wie aus den Stadtwerken ein Unternehmen wurde

Strom wird von den TWL gekauft und an die Kunden geliefert.
Strom wird von den TWL gekauft und an die Kunden geliefert.

Die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) versorgen ihre Kunden mit Wasser, Strom, Gas und Wärme. Das Unternehmen ist vor 50 Jahren aus dem Eigenbetrieb Stadtwerke entstanden. Warum die Stadt dies wollte, ob sich dieser Schritt gelohnt hat und wie die Zukunftsaussichten sind.

Im Juni 1973 wurden aus den Stadtwerken die Technischen Werke Ludwigshafen. Die neue Aktiengesellschaft sollte als privatrechtlich geführtes Unternehmen wirtschaftlicher und effizienter sein. Vorangegangen war eine Debatte über die Umwandlung. Auslöser für die Ausgliederung in ein städtisches Unternehmen waren finanzielle Engpässe, wie der Ludwigshafener Stadtgeschichte zu entnehmen ist.

Der damalige SPD-Stadtratsfraktionsvorsitzende Horst Schork begründete die Privatisierung gegenüber der Öffentlichkeit: Die Stadtwerke schrieben rote Zahlen, die Modernisierung erfordere mehr und mehr städtische Zuschüsse. Da sich Stadtrat und Verwaltung in die Betriebsführung einmischten, werde wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Als privatrechtliches Unternehmen würden bei den Stadtwerken klare Verantwortlichkeiten etabliert, eine transparente Rechnungslegung eingeführt und wirtschaftliche Gesichtspunkte würden stärker berücksichtigt. Zudem könnten die Mitarbeiter über die Mitbestimmung (Betriebsrat) in die Betriebsführung miteinbezogen werden. So könne endlich der Erkenntnis Bahn gebrochen werden, dass „Ver- und Entsorgung einer Stadt keine soziale Maßnahme“ seien, „sondern eine wirtschaftliche Leistung, die bezahlt“ werden müsse, meinte Schork.

Nahverkehr subventioniert

Da Anfang der 1970er-Jahre die SPD mit absoluter Mehrheit die Stadt regierte und auch Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) für die Privatisierung war, stand der Umwandlung der Stadtwerke in die TWL AG nichts im Wege. 1975 wurden die Verkehrsbetriebe Ludwigshafen (VBL) ebenfalls eine Eigengesellschaft, die wiederum eine 100-prozentige Tochter der TWL waren. Eine nützliche Kombination: Denn so konnten die Gewinne des Versorgungsunternehmens TWL (Gas, Strom, Wasser) mit den Verlusten des Verkehrsunternehmens VBL verrechnet und steuerlich geltend gemacht werden. Da die TWL ihrerseits der Stadt zu 100 Prozent gehörte, bestand weiterhin eine große Einflussmöglichkeit für die Stadtspitze und auch den Stadtrat, dessen Fraktionen ihre Vertreter in den TWL-Aufsichtsrat entsandten.

Neuer Verwaltungssitz: die TWL-Zentrale in der City.
Neuer Verwaltungssitz: die TWL-Zentrale in der City.

Die TWL befanden sich wie die Stadtwerke zuvor in einer komfortablen Position: Denn bei der Versorgung mit Strom, Gas oder Wasser gab es viele Jahre lang keine Konkurrenz. Auch ein neues Betriebsgebäude im Stadtteil Nord war vorhanden. Die Nachbarschaft zum Müllheizkraftwerk war ebenfalls von Vorteil: Aus der Abwärme bei der Müllverbrennung wurden und werden heute noch Strom für zirka 16.000 Vier-Personen-Haushalte und Fernwärme für rund 22.000 Haushalte produziert.

Großes Netz

Die heute rund 450 TWL-Mitarbeiter kümmern sich in der Stadt um ein beachtliches Versorgungsnetz: beim Trinkwasser ist es 512 Kilometer lang, beim Strom 1576 Kilometer, beim Erdgas 651 Kilometer und bei der Wärme 81 Kilometer. Das „Jahrhundertbauwerk” der TWL, das Umspannwerk (UW) Mitte, ging 1985 in Betrieb und leitet den Strom seitdem in die Stadtteile Mitte, Süd, Ost und West. Das UW Mitte ist eines von drei Umspannwerken, in denen heute der Strom von 110 Kilovolt Hochspannung auf 20 Kilovolt gebracht wird.

Doch seit der Unternehmensgründung hat sich der Energiemarkt verändert. 1998 wurde der Strommarkt liberalisiert. Die kommunalen Energieversorger verloren ihre Monopolstellung. Verbraucher können seitdem ihren Stromanbieter frei wählen. 2007 folgte dann noch der Gasmarkt. Durch mehr Wettbewerb sollten die Preise für die Verbraucher sinken. Die Folge: Die TWL verloren viele Kunden an günstigere Anbieter. Nur beim Trinkwasser gibt es noch die Monopolstellung. Für die TWL bedeutete die Liberalisierung der Märkte, dass der Energieversorger auch über die Stadtgrenzen von Ludwigshafen hinaus aktiv wurde. Mittlerweile haben die TWL Strom- und Gaskunden überall in Deutschland – sowohl im privaten wie im gewerblichen Bereich. Zudem erschloss sich das Unternehmen neue Geschäftsfelder.

Auf Trinkwasser haben die TWL noch das Monopol.
Auf Trinkwasser haben die TWL noch das Monopol.

Zahlreiche Töchter

So sind die Technischen Werke Ludwigshafen mittlerweile nicht mehr nur Besitzer und Betreiber des Energieversorgungsnetzes in der Stadt inklusive Fernheizkraftwerk und zweier Wasserwerke, sondern ebenso Besitzer zweier Windparks, von denen einer in Nordrhein-Westfalen, der andere im nordpfälzischen Zellertal zu finden ist. Daneben ist das städtische Tochterunternehmen bundesweit als Energielieferant tätig. Rund 100.000 Kunden haben die TWL aktuell.

Das Unternehmen hat mittlerweile eine Vielzahl von Tochtergesellschaften, die unter anderem um Vertrieb, Anlagenmanagement, Messdienstleister, Betriebsführung, Energieeffizienzkonzepte sowie im Telekommunikation kümmern. „Denn die zuverlässige Lieferung von Energie und Wasser reicht heute nicht mehr aus, um sich als regionaler Energieversorger im hart umkämpften Energiemarkt zu behaupten“, begründen die TWL ihr Engagement.

Freischwimmer-Affäre

Ein Ausflug ins Immobiliengeschäft hatte allerdings zunächst negative Folgen: Die TWL übernahmen über eine Tochterfirma das ehemalige Hallenbad Nord in Ludwigshafen, um dort den „Freischwimmer“ ins Leben zu rufen. Das Gebäude wurde aufwendig saniert und zum Kongress- und Veranstaltungs- und Existenzgründerzentrum umgebaut. Das Projekt wurde viel teurer als geplant und verzögerte sich mehrfach. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) zog 2018 schließlich die Notbremse und der TWL-Vorstand musste gehen.

Aus dem Hallenbad Nord wurde das Gründerzentrum Freischwimmer.
Aus dem Hallenbad Nord wurde das Gründerzentrum Freischwimmer.

Es war nicht das einzige Projekt, bei dem der Energieversorger auch ein Stück Stadtentwicklung betrieb. Die TWL-Zentrale zog von der Industriestraße in das vom Mannheimer Immobilienentwickler Pro Concept umgebaute ehemalige Kaufhofgebäude in der Innenstadt um. Das sollte der brachliegenden Innenstadt neue Impulse geben. Als Sponsor unterstützen die TWL außerdem unter anderem das Festival des deutschen Films auf der Parkinsel, die Stadtranderholung oder auch den Handball-Zweitligisten der TSG Friesenheim sowie den alljährlichen Lichterzauber um die Weihnachtszeit in der Innenstadt.

Hacker erbeuten Daten

Und dann gab es auch noch einen Hackerangriff auf die TWL, bei dem 2020 alle Kundendaten (Namen, Adressen und Kontodaten) geklaut wurden. Nachdem die Kriminellen den Energieversorger erpressen wollten, machte der Konzern den Fall öffentlich und informierte die Kunden. Als Konsequenz aus dem Vorfall überarbeiteten die TWL ihr Sicherheitskonzept umfangreich, wie es von dem Unternehmen hieß.

Die Corona-Pandemie sorgte für rote Zahlen in der Bilanz 2020. Große Mengen an bereits bestellter Energie musste zu niedrigeren Preisen wieder verkauft werden, da sie nicht benötigt wurden. Unter Strich standen 4,3 Millionen Euro Miese. Im Folgejahr erhöhten die Turbulenzen an den Energie- und Rohstoffmärkten den Verlust weiter: auf 14 Millionen Euro. Durch die Energiekrise in Folge des Ukraine-Kriegs stehen die TWL aktuell wieder vor einer Herausforderung. Die Beschaffungspreise sind laut TWL-Vorstand Dieter Feid etwa dreimal so hoch. Beim Strom stiegen die Kosten um 174 Prozent für das Lieferjahr 2023. Beim Gas waren es 162 Prozent, wie der Energieversorger weiter mitteilt. Daneben sind laut TWL auch die Netznutzungsentgelte für das Jahr 2023 gestiegen. „Wir sind aber gut durch das Jahr 2022 gekommen – trotz aller Irrungen und Wirrungen auf dem Energiemarkt“, sagt TWL-Vorstand Feid.

Andere Strom- und Gasanbieter – die Kunden mit Billigangeboten lockten – sind mittlerweile insolvent. Das bescherte den TWL eine vierstellige Zahl von Neukunden. Denn als kommunaler Grundversorger sind die TWL verpflichtet, diesen Menschen Strom und Gas zu besorgen. Und das seit mittlerweile 50 Jahren.

Zur Sache: Stadtwerke

Seit 1871 ist die Stadt Ludwigshafen Eigentümerin eines Gaswerks. Die Verwaltung kann sich zunächst nicht für die neuen Elektrizitätswerke begeistern, denn sie will ihrem Gaswerk keine Konkurrenz machen. Doch Ende des 19. Jahrhunderts kommt die Stadt mit der Eingemeindung Mundenheims zu einem Elektrizitätswerk, das aber noch sehr störanfällig ist. Mannheim plant, die mit Ludwigshafen gemeinsam betriebene Pferdestraßenbahn durch eine „Elektrische“ zu ersetzen. Die Mannheimer haben 1898/99 ihr eigenes Elektrizitätswerk errichtet und Ludwigshafen droht nun, davon abhängig zu werden. Also wird im August 1900 mit dem Bau eines Elektrizitätswerks für Ludwigshafen begonnen, das in der Rottstraße gelegen am 14. Dezember 1901 erstmals Strom erzeugt. Generalunternehmer ist Oskar von Miller. Der Standort am Hafen bietet Erweiterungsmöglichkeiten und sichert den Kohlenachschub für das Kraftwerk. Zunächst wird die Straßenbeleuchtung ans Werk angeschlossen. Als erster großer Betrieb geht der Schlachthof ans Netz. Ab 1902 fährt auch die erste elektrische Straßenbahn. Am Stromnetz hängen mittlerweile auch das Krankenhaus, die Feuerwehr und Schulen. Die Anzahl der Stromkunden steigt ständig. Ab 1908 übernimmt die Stadt das E-Werk in alleiniger Regie und bringt es 1913 als Kapital in die neu gegründete Pfalzwerke AG ein. Die Stromversorgung wird monopolisiert, die Stadt vom Stromerzeuger nur noch zum Verteiler. Nach und nach werden die heutigen Stadtteile an das Stromnetz angeschlossen. Friesenheim machte 1912 den Anfang, dann folgten 1916 Rheingönheim, 1922 Oppau, Oggersheim und Maudach. Der Zweite Weltkrieg hinterließ große Schäden am Netz. Nach Kriegsende begannen die Instandsetzungen, und bereits einen Monat später gab es wieder Strom in der zerstörten Stadt. Die „Städtischen Elektrizitätswerke” wurden in der Nachkriegszeit in „Stadtwerke LU” umbenannt. 1973 erhielten sie ihren jetzigen Namen Technische Werke Ludwigshafen (TWL AG). 1979 wurde auch Ruchheim an die städtische Stromversorgung angeschlossen.

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