Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Terror- und Amok-Schutz: Landau rüstet auf

Zwischen Stifts- und Rathausplatz auf der Marktstraße sollen Terror- und Amokschutz-Bauten entstehen.
Zwischen Stifts- und Rathausplatz auf der Marktstraße sollen Terror- und Amokschutz-Bauten entstehen.

Wer vor Corona den Weihnachtsmarkt besuchte, erinnert sich noch: Betonblöcke sollten Lkw vom Rathausplatz fernhalten. Nur: Sie bringen nichts, sie erhöhen sogar die Zahl der Opfer eines Anschlags, sagt Experte Christian Schneider. Die Verwaltung erarbeitet nun ein Sicherheitskonzept für die Innenstadt.

Es ist eine bizarre Welt, in die Sicherheitsexperte Christian Schneider einführt. Eine Welt, in der das Verhältnis benötigte Kompetenz/Risiko der Entdeckung/Anzahl der Opfer eine wesentliche Rolle spielt. Aber es ist auch eine Welt, in der wir seit einigen Jahren leben. Nur drei Schlagworte: Breitscheidplatz, Trier, Nizza. Schneider berät die Stadt Landau, wie größere Veranstaltungen künftig noch in der Innenstadt abgehalten werden können. Denn die gültigen Regeln zum Schutz von Veranstaltungen würden mittlerweile anders ausgelegt, berichtet der Beigeordnete Lukas Hartmann (Grüne) im Mobilitätsausschuss. Zudem gab es 2021 eine Gesetzesänderung vom Land, die für Verbesserungen beim Zufahrtsschutz sorgen soll. Improvisierte Schutzeinrichtungen wie Poller, Betonblöcke oder quergestellte Lkw reichen nicht mehr aus.

Und das haben sie auch nie. Das führt Experte Schneider mit Videos eindringlich vor. Zu sehen seien unbeladene Lkw, die mit Tempo 50, also mit recht geringer Geschwindigkeit und Energie, auf improvisierte Hindernisse treffen, erläutert der Experte. Resultat: Die Barrieren stoppen nichts, im Gegenteil. Sie könnten die Zahl der Opfer eines Amokläufers oder Terroristen sogar noch erhöhen, da die Hindernisse durch die Gegend fliegen oder mitgeschleift werden können. Er wirbt eindringlich für richtige, also zertifizierte Sicherheitstechnik. Auch in Landau.

Wo kommen welche Sperren hin?

Die meisten Feste oder Veranstaltungen in der Innenstadt sind auf dem Rathaus-, Stifts-, Obertor- oder Untertorplatz – und alle müssen gesichert werden, wenn sie denn weiter stattfinden können sollen. Schneider ist Geschäftsführer der Initiative Breitscheidplatz, einer GmbH, die Kommunen oder Firmen in Fragen des Zufahrtsschutzes berät. Das Sicherheitskonzept, an dem er mitwirkt, wird wohl das Antlitz der Innenstadt verändern. Denn an einigen Punkten werden mobile, stationäre oder städtebauliche Barrieren entstehen. Die mobilen verschwinden wieder, stationäre Barrieren sind beispielsweise ausfahrbare oder feste Poller, städtebauliche können verankerte und massive Bänke und Blumenkübel, aber auch Mauern sein, berichtet Schneider.

Klar ist: Es gibt viele Gassen und kleine Straßen in und an der Fußgängerzone – also wären sehr viele Sicherungen nötig. Geht man aber weiter nach Außen, muss man weniger Barrieren zur Absicherung des relevanten Bereichs errichten, sagt Hartmann. Es wird also wohl darauf hinauslaufen, dass die ersten Straßen des Inneren Rings um Fußgängerzone und Plätze verändert werden. Wie genau, hängt von vielen Faktoren ab – Aussehen, Verkehrsfluss, aber auch dem Verlauf von Rohren und Leitungen im Untergrund. Derzeit geplant wird mit einer Barriere auf der Marktstraße zwischen Rathaus- und Stiftsplatz.

Die Landauer Polizei sitzt bei der Planung von Veranstaltungen mit am Tisch. Die Sicherheit sei ureigenstes Thema der Polizei – alles, was Feste und sonstige Veranstaltungen sicherer mache, werde positiv bewertet, sagt Sprecher Dennis Hook auf Anfrage. Insofern sei die Initiative der Stadt, sich von einem Experten beraten zu lassen und ein Konzept zu erarbeiten, eine gute Sache.

Zynisch: Lkw werden von IS-Zeitschrift empfohlen

Die ganze Sicherheitswelt habe sich verändert, sagt Schneider. Bis 2013 habe gegolten: Wer bei einem Anschlag viele Opfer erreichen möchte, braucht Kompetenz, und das Entdeckungsrisiko ist hoch. Extrembeispiel: eine große Bombe. Die Materialien müssen beschafft werden und der Attentäter braucht die Fähigkeit, sie zu bauen. Keine Kompetenz braucht jemand, der mit einer Hieb- oder Stichwaffe morden möchte. Auch das Risiko ist gering. Dafür gibt es aus Sicht des Täters aber weniger Opfer zu beklagen. Nutzfahrzeuge hingegen ermöglichen hohe Opferzahlen bei geringem Entdeckungsrisiko – und Fahrzeuge fahren kann auch fast jeder. Deshalb empfehle auch die Terrororganisation Islamischer Staat in ihren Online-Publikationen, Lkw und ähnliche Fahrzeuge zu nutzen. Darauf müsse man reagieren, betont Schneider. Auch in Landau.

2017 hatte es erstmals Betonsperren gegen Amokfahrten in den Zufahrten zum Nikolausmarkt gegeben.
2017 hatte es erstmals Betonsperren gegen Amokfahrten in den Zufahrten zum Nikolausmarkt gegeben.
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