Landau
Landauer Paartherapeutin über Sex
Seit es uns gibt, haben wir Menschen ein gespaltenes Verhältnis zur Sexualität: Es ist gleichzeitig die natürlichste Sache der Welt und ein Tabuthema. Ein Quell von Scham und Selbstbewusstsein, Freude und Leid. Und der Grund für das Ende so mancher Beziehung. Die promovierte Landauer Psychologin und Paartherapeutin Annette Hosenfeld wünscht sich, das wir endlich mal Klartext miteinander sprechen. Sie hat ein Buch über Sex geschrieben, das zum Nachdenken über die eigenen Denkmuster anregen soll. Es ist Anfang Oktober erschienen.
Wenn es bei ihrem Erstlingswerk „Mit Lust zu Dir – Sexualität als Schlüssel zur Selbstliebe“ so etwas wie eine Kernthese gibt, dann die, dass Frauen genauso viel Lust auf Sex haben wie Männer, sagt Hosenfeld. In ihrem Beruf hat sie viel mit überforderten Hausfrauen, verunsicherten Ehemännern, mit Fremdgehen und unterdrückten Bedürfnissen zu tun. Nach ihrer Erfahrung ist es zu 80 Prozent der Mann, der mehr Sex möchte. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Aber: „Das liegt nicht am Geschlecht, sondern an der Paardynamik. Es wird nicht genug über die eigenen Bedürfnisse gesprochen. Vielleicht vergeht die Lust auf den anderen aufgrund von Problemen in der Beziehung, die gar nichts mit Sex zu tun haben. Oder es entsteht eine Routine, wo man das Ganze dem Partner oder der Beziehung gegenüber immer mal wieder über sich ergehen lässt.“
Die Komplexe sterben nicht aus
Guter Sex sei wichtig, nicht nur für den Haussegen, sondern vor allem für das Selbstwertgefühl. Neben schlechter Kommunikation gebe es noch einen weiteren Grund, warum es im Bett nicht klappt: Ein tief verankertes Schamgefühl, das gerade Frauen, aber auch viele Männer in sich tragen. Es ist schon paradox: Die Gesellschaft ist liberaler und auch sexualisierter denn je, aber gleichzeitig haben die Deutschen nach wie vor viele Komplexe.
Häufige Partnerwechsel sind noch immer verrucht. Wer auf etwas ausgefallenere Praktiken steht, hat oft Angst vor der Reaktion des Partners. „Das kommt viel aus der Kindheit. Ich bin zum Beispiel noch sehr katholisch und mit der Idee der Sünde erzogen worden“, erinnert sich die Therapeutin. Auch wenn die christlichen Moralvorstellungen in der Gesellschaft heute eine geringere Rolle spielen, hallen über Generationen weitergegebene Glaubenssätze noch immer nach, glaubt sie.
Bloß kein Leistungsdruck
„Scham kann aus vielen Richtungen entstehen. Vielleicht ein Leistungsdruck, den ich mir selbst mache. Oder traumatische Erfahrungen, die man mit sich herumträgt.“ In vielen Fällen wissen die Paare, die bei Hosenfeld auf der Couch landen, gar nicht genau, wo ihr Problem liegt. Da hilft nur reden, und zwar am besten Klartext. Die Landauerin versucht, Impulse zu geben. Manchmal lohne es sich, zuerst zu fragen: Was will ich vom Sex? Will ich Entspannung, Bestätigung, einfach einen schönen Höhepunkt? Mag ich es mehr, zu geben oder zu nehmen? Wenn Hosenfeld einen Wunsch frei hätte, wär das ein Tacheles-Tag, an dem die Menschen sich endlich mal sagen würden, was sie wirklich denken und fühlen. „Der ganze Planet müsste einmal laut rülpsen und das kollektive Unterbewusstsein herauslassen.“ Einvernehmlicher Sex sei etwas wunderbares, und dafür sei es auch nie zu spät.
Hosenfelds radikalste Idee ist Sex auf Rezept. „Für körperlich behinderte Menschen gibt es die sogenannte Sexualbegleitung. Personen, die Menschen mit Behinderung dabei helfen, die eigene Sexualität zu entdecken, und auch mit ihnen schlafen. Das wird sogar von der Krankenkasse bezahlt. Wenn wir nun davon ausgehen, dass manche Männer, die zu Prostituierten gehen, eine Art emotionale Behinderung haben, weil sie nicht in der Lage sind, sich ihren Ehefrauen gegenüber zu öffnen und zu kommunizieren, was ihnen fehlt, weil ihnen der Glaube, das Handwerkszeug oder der Wille fehlt, etwas an der Partnerschaft so zu verändern, dass sie gewinnbringend und lustvoll für beide wird: Müsste die Leistung dann nicht auch von der Krankenkasse bezahlt werden?“
Bevor so etwas denkbar sei, brauche es freilich noch ganz andere Veränderungen, was die Behandlung der Prostituierten angeht, die zur Zeit immer noch größtenteils nach Deutschland verschleppt werden und gegen ihren Willen anschaffen gehen müssen.
Lesezeichen
- Annette Hosenfeld, „Mit Lust zu dir“, Knaur Verlag, 256 Seiten. Paperback zu 18 Euro. ISBN 3426676230.
- www.annettehosenfeld.de