Landau / Hermersbergerhof
Heimstiftung schließt zwei ihrer Suchtkliniken zum 1. Oktober
Das ist ein Paukenschlag am Freitagvormittag für die 61 Mitarbeiter der beiden Fachkliniken der Evangelischen Heimstiftung Pfalz in Hermersbergerhof und Landau: Zum 1. Oktober wird der Betrieb in beiden Einrichtungen zur Suchtbehandlung eingestellt. Schon vor sieben Jahren waren die Pläne der Heimstiftung hochgekocht, die Klinik in der abgelegenen Wilgartswiesener Annexe zu schließen und mit der Landauer Klinik zusammenzulegen. Ein Neuanfang an neuem Standort, das war über all die Jahre die Devise. Die Heimstiftung habe wirklich mit der Entscheidung gerungen und nach einer Lösung gesucht, verdeutlicht Pressesprecherin Christina Lammers, aber letztlich habe der Stiftungsrat aus finanziellen Gründen diese Entscheidung gefällt.
Hauptgrund für die Schließung ist die geringe Größe der beiden Kliniken. Die Fachklinik Landau, in der seit 30 Jahren schwerpunktmäßig Drogenabhängige behandelt werden, verfügt über 30 Betten. In der Klinik auf dem Hermersbergerhof, in der Aussiedler mit Alkohol- und Drogenproblemen aus den früheren Staaten der Sowjetrepublik therapiert werden, gibt es 34 Plätze. „Wir konnten die kontinuierlich steigenden Anforderungen der Kostenträger an Qualität und Struktur nur noch unter größten Anstrengungen sicherstellen“, erklärt Ralph Moog, Vorstand für Kliniken und Finanzen. Und er macht deutlich: „Beide Kliniken konnten in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr wirtschaftlich geführt werden.“
Kleine Kliniken sind nicht wettbewerbsfähig
Ein weiterer Minuspunkt war, dass beide Kliniken fast nur über Doppelbettzimmer verfügen – in der heutigen Zeit entspreche das nicht mehr den Wünschen der Patienten, was die Belegung erschwert habe. Die Betten seien also nicht mehr ausgelastet gewesen. Etwa auf halber Strecke zwischen den beiden Standorten betreibt zudem die Deutsche Rentenversicherung in Eußerthal eine Fachklinik zur Behandlung Suchtkranker mit 145 Betten, in Einzelzimmern, modern ausgestattet. „So sind die regionalen und bundesweiten Kapazitäten in der Suchtrehabilitation glücklicherweise ausreichend“, meint Moog. Während die Landauer Klinik in der Franz-Schubert-Straße recht zentrumsnah liegt, ist der Klinikstandort in der winzigen und höchstgelegenen Siedlung der Pfalz mitten im Pfälzerwald so weit vom Schuss wie nur möglich. Das war in den 1960er-Jahren, als die Gebäude errichtet wurden, noch der gängige Therapieansatz, um die Abhängigen aus ihrem gewohnten Umfeld herauszuholen. „Heute arbeiten wir aber nicht mehr unter der Käseglocke, sondern wollen die Patienten lebensweltnah betreuen, um sie wieder in die ,normale’ Gesellschaft zu integrieren“, erklärte der Pressesprecher der Heimstiftung, Martin Müller, schon vor ein paar Jahren.
Weil die Klinik auf dem Hermersbergerhof einfach nicht mehr wettbewerbsfähig sei und in Landau Expansionsfläche fehlt, habe man an beiden Standorten die Bettenzahl auch nicht erweitern können, verdeutlicht Moog. Deswegen sollten die Kliniken in Landau in einem Neubau zusammengelegt werden. So der Plan 2015. Doch schon nach zwei Jahren war klar: Auf dem boomenden Landauer Immobilienmarkt war nichts zu finden. Der Standort Landau wurde abgehakt, und die Fühler wurden weiträumiger in der gesamten Vorderpfalz ausgestreckt. Vor vier Jahren hatten die beiden Kliniken bereits ihre ärztlichen und organisatorischen Leitungen fusioniert. Mit Marius Houchangnia als neuem ärztlichen Leiter wurde sogar ein Mediziner aus dem Norden von einem Headhunter in die Pfalz abgeworben, der extra kam, um den Neustart zu begleiten. Doch schließlich hieß es: „Aber um organisatorisch und wirtschaftlich tragfähig zu sein, muss ein Neubau über mindestens 100 bis 120 Betten verfügen“, so der Finanzvorstand. Dies hätte eine Investition von deutlich mehr als 20 Millionen Euro notwendig gemacht. „Dafür ergab sich aber kein wirtschaftlich tragbares Szenario“, sagt Moog. Zumal der Heimstiftung keine zusätzlichen Mittel, zum Beispiel aus Kirchensteuern, zur Verfügung stünden.
Alle Mitarbeiter können bei Heimstiftung bleiben
Wie wird es jetzt für die Patienten weitergehen? Bis Oktober könnten alle Patienten aus Landau regulär zu Ende behandelt werden. Den 19 Patienten der Fachklinik Pfälzerwald werde eine Weiterbehandlung in Kirchheimbolanden angeboten. Dort betreibt die Heimstiftung nämlich noch einen dritten Klinikstandort. Und dieser soll auch weiterbetrieben werden. Mit 72 Betten sei er in einer deutlich besseren Ausgangslage. „Wir wollen uns auf die Suchtrehabilitation in Kirchheimbolanden konzentrieren“, sagt Moog. Ausgebaut werde die Anlage dort nicht, es gehe darum, die freien Kapazitäten auszulasten, erklärt Pressesprecherin Lammers.
„Gemäß unserem diakonischen Auftrag ist es für uns von übergeordneter Bedeutung, dass die uns anvertrauten Menschen nicht unversorgt sind“, betont Moog. Trotzdem sei die Schließung für die Landeskirche schmerzhaft, sagt Oberkirchenrat und Stiftungsratsvorsitzender Manfred Sutter. Eine Versorgungslücke solle es weder bei den Patienten noch bei den Beschäftigten geben. „Deswegen erhalten alle Beschäftigte ein angemessenes Arbeitsplatzangebot“, versichert er. „Wir hoffen, dass wir damit alle Mitarbeitenden aus den beiden Einrichtungen in der Heimstiftung halten können“, ergänzt Personalvorstand Michael Beck. Aktuell arbeiten 61 Mitarbeiter in den beiden Kliniken, nach Verrentungen werden es Anfang Oktober noch 51 sein, wie Lammers erläutert.
Was wird aus Immobilien?
Und was wird aus den beiden Immobilien? Das ist noch nicht klar. Ob diese verkauft, verpachtet oder von der Heimstiftung weitergenutzt werden, sei noch offen. „Wir haben in den vergangen Jahren nach einer Lösung gesucht, um die Kliniken irgendwie weiterzuführen, nicht um Kapital aus den Immobilien zu schlagen“, verdeutlicht Lammers. Deswegen werde deren Zukunft erst Gegenstand kommender Überlegungen sein, sagt Beck.