Landau RHEINPFALZ Plus Artikel 49-Euro-Ticket: 25 Liter Sprit sind teurer

Fahrkartenautomaten und die Lektüre von Tarifbestimmungen könnten bald in vielen Fällen überflüssig werden.
Fahrkartenautomaten und die Lektüre von Tarifbestimmungen könnten bald in vielen Fällen überflüssig werden.

Die kommende Flatrate für Bus und Bahn sind ein Riesenfortschritt für Pendler, Ausflügler und den Klimaschutz. Aber trotzdem kann sich den Nachfolger des Neun-Euro-Krachers nicht jeder leisten. Der öffentliche Nahverkehr krankt aber auch noch an anderen Defiziten.

Bei zwei Euro pro Liter für Diesel oder Benzin sei wohl noch nicht die Obergrenze erreicht, vermutet der Landauer Beigeordnete Lukas Hartmann (Grüne). Daher biete das neue Ticket nun einen Monat „Mobilität für weniger als eine Tankfüllung“. Bei Betrachtung der Gesamtkosten eines Autos könne letzteres sogar um den Faktor zehn teurer sein. Hartmann nennt ein paar Dienstfahrten der vergangenen Wochen, die er mit der Bahn absolviert habe. Die Einzelfahrscheine seien deutlich teurer gewesen. Zudem sei das neue Angebot unschlagbar einfach: Niemand müsse sich mehr in unterschiedliche Tarife einarbeiten, sondern nur noch einsteigen.

Er habe das Neun-Euro-Ticket zunächst für eine Schnapsidee gehalten, räumt Hartmann ein – aber davon seien 57 Millionen Stück verkauft worden. Er hat noch eine Zahl parat: 13 Millionen Deutschen mit Dauerticket, allen voran den Pendlern, werde das neue Angebot viel Geld sparen.

Dauerkunden werden informiert

Ins selbe Horn stößt Eisenbahn-Ingenieur Magnus Hellmich aus Landau, Vorsitzender des Fahrgastverbands Südpfalz mobil: Das Ticket sei eine Chance, Menschen für den ÖPNV zu gewinnen, und es sei sehr preiswert: „Die bisherigen Verbundtickets sind deutlich teurer.“ Das Lichten des Tarifdschungels sei nutzerfreundlich und spare den Nahverkehrsunternehmen viel Verwaltungsaufwand.

Leider sei noch nicht klar, „wann das Deutschlandticket unsere bisherigen Zeitkartenangebote tatsächlich ersetzen wird“, bedauert der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN). Bestandskunden mit Zeitkarten wie Rhein-Neckar-Ticket, Job-Ticket oder der Karte ab 60 müssten nichts unternehmen. Sie würden rechtzeitig informiert.

Das 49-Euro-Ticket komme passend zum Start des Landau-Takts, des neuen Bussystems in Landau, hoffen die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landauer Stadtrat, Lea Heidbreder und Lea Saßnowski. Sie sind überzeugt, dass es „Schwung in die Mobilitätswende“ bringen werde. Der sogenannte Landau-Takt geht am 11. Dezember mit einem deutlich dichteren Takt und auch neuen Linien in Betrieb. Die Grünen loben zudem die guten Umsteigemöglichkeiten und die bessere Anbindung der Stadtdörfer an die Kernstadt, und das zu einem niedrigen Preis.

Für arme Senioren zu teuer

Etwas skeptischer ist Christian Knoll, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Silberstreif gegen Altersarmut in Landau und SÜW. „Für die Leute, die wir betreuen, ist das zu teuer“, sagt Knoll. Der Silberstreif kümmert sich um Menschen mit Grundsicherung oder „niedrigsten Alterseinkommen“. Für diese Klientel wären 50 Euro ein zu großer Anteil ihres verfügbaren Geldes. Helfen könnte das Angebot den Senioren, die Angehörige in einem benachbarten Tarifverbund wie dem Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) hätten, für die Einzelfahrscheine vergleichsweise teuer seien. Beim Neun-Euro-Ticket habe der Silberstreif gelegentlich Senioren Fahrten ermöglichen können, doch beim fünffachen Monatsbetrag werde der Verein das wohl nur in seltenen Ausnahmefällen leisten können.

Landrat Dietmar Seefeldt (CDU) und Lothar Zimmermann, der ÖPNV-Referent des Kreises SÜW, begrüßen „in Zeiten der enorm steigenden Verbraucherpreise“ die neue „Flatrate für den deutschlandweiten ÖPNV“. Damit könne man vielleicht nicht ganz, aber immer häufiger auf das Auto verzichten und zum Erreichen der Klimaziele beitragen. „Kein Tarifdschungel, einfach einsteigen, bei Bedarf monatlich Ticket kündigen“, sagt Landrat Dietmar Seefeldt. Allerdings müsse nun auch „massiv und sehr dringend in die Infrastruktur des ÖPNV investiert werden“.

Schiene wurde lange vernachlässigt

Insbesondere die Schienen seien jahrzehntelang vernachlässigt worden. Zimmermann fordert eine Erhöhung der Regionalisierungsmittel, die Bund und Länder für den Schienenverkehr bereitstellen. Die sei zwar im Gespräch, „aber noch nicht dingfest“. Zudem seien zusätzliche Sondermittel nötig. Zimmermann nennt Beispiele: „Die aktuellen Bahnausfälle zwischen Wörth und Lauterbourg oder der krankheitsbedingte Engpass der Busfahrer in Mannheim zeigen, wie knapp die Ressourcen im System aktuell sind.“

Seefeldt und Zimmermann warnen aber auch vor einer enormen Kostenbelastung bei den Kommunen, und diese Sorge drückt auch den scheidenden Landauer Oberbürgermeister Thomas Hirsch (CDU): „die Mittel, die in Aussicht gestellt werden, reichen nicht aus, um den Ausbau von Bussen und Bahnen voranzubringen – und der ist dringend erforderlich, wenn wir langfristig mehr Klimaschutz im Bereich Mobilität erreichen wollen.“ Die Vertreter des Kreises sehen das ähnlich: „Allein um die Bestandsverkehre, also die Busse in den Linienbündeln, an denen wir als Landkreis beteiligt sind – Neustadt, Landau, Queichtal, Bad Bergzabern, Germersheim, Pirmasenser Umland – zu bezahlen, sind im kommenden Haushalt sechs Millionen Euro einzuplanen“ – 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Und damit sei wohl noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, unter anderem wegen der Dieselpreisentwicklung und Tarifänderungen.

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