Kleinfischlingen RHEINPFALZ Plus Artikel Weingut Ellermann-Spiegel plant Aussiedlung

Ihre Weine lassen Frank Spiegel und seine Ehefrau Mélanie auch in kleinen Holzfässern reifen.
Ihre Weine lassen Frank Spiegel und seine Ehefrau Mélanie auch in kleinen Holzfässern reifen.

Im schönen Wingert – so heißt die neue Straße in Kleinfischlingen. Besser gesagt, so soll sie heißen. Sie muss erst gebaut werden, und zwar östlich der Ortslage. Das Weingut Ellermann-Spiegel will dort aussiedeln. Es sieht sich zum Standortwechsel gezwungen. Das Ortsbild wird sich dadurch verändern.

Das Pressegespräch mit Winzer Frank Spiegel wird immer wieder unterbrochen. Mal platzen die Kinder rein, die ihren Papa etwas fragen möchten. Wenig später steht ein Kunde vor der Tür. Er will seine vorbestellte Kiste Spätburgunder abholen. Und dann entschuldigt sich ein Mitarbeiter für die Störung, er müsse mit dem Chef etwas klären. „Wir haben leider kein separates Besprechungszimmer, in das wir uns zurückziehen können“, sagt Spiegel.

Der Gesprächsraum wird für unterschiedliche Zwecke genutzt. War es in den Anfängen des früheren Mischbetriebs ein Schweinestall, ist es heute mal eine Weinprobierstube, wo die Erzeugnisse vor der Abfüllung probiert werden, mal ein Besprechungszimmer, wo sich mit Kunden, dem Steuerberater, Lieferanten oder eben der RHEINPFALZ ausgetauscht wird. Zudem ist es ein Durchgangszimmer zum Büro. Es herrscht fast nie Ruhe.

Betriebsgelände mit der Zeit zu klein geworden

Überhaupt leidet das Kleinfischlinger Weingut Ellermann-Spiegel darunter, auf engstem Raum arbeiten zu müssen. Der Platz reicht nicht mehr aus, weil der Familienbetrieb stetig gewachsen ist. Er bewirtschaftet mehr Weinberge, derzeit werden 42 Hektar Rebflächen in der Pfalz beackert. Dementsprechend wird auch mehr produziert. Die Folgen des Strukturwandels in der Branche sind vor Ort also sichtbar. Große Weingüter werden immer größer, dadurch endet die Tradition vieler kleinerer Betriebe. Frank Spiegel hat nach seinem Einstieg in das elterliche Weingut die Philosophie des Hauses verändert. Früher hatte sich sein Stiefvater alleine auf die Erzeugung von Fassweinen konzentriert und Großkellereien beliefert. Ab 2008 wurde im Zuge der Direktvermarktung nach und nach auf Flaschenweinproduktion umgestellt.

Weil das Lager am Betriebssitzg voll ist, hat der Chef an diversen Stellen in und außerhalb des Dorfes Flächen gemietet. Landwirtschaftliche Fahrzeuge und Gerätschaften seien teilweise auf dem Bauplatz einer Familienangehörigen abgestellt. So könne es nicht weitergehen, wenn er professionell arbeiten will. Die Wege vom Lager zur Kelterhalle oder anderen Betriebsräumen müssen kurz sein, damit ein qualitätiv hochwertiger Wein produziert werden könne, auf dessen Herstellung man sich verschrieben habe.

Auch Nachbarn sollen vom Weggang profitieren

Eine Erweiterung des Weinguts in der Ortslage ist eigentlich nicht möglich, sagt der Chef. In die Tiefe soll es nicht mehr gehen. Das wäre nicht nur ein viel zu großer Aufwand, abgesehen von den damit verbundenen Einschränkungen für den Betriebsablauf. Es wäre auch aus ökologischen Gesichtspunkten nicht sinnvoll, nachträglich Kellerräume zu schaffen. Die Erde müsste dann schließlich irgendwo hin. Auf unterirdische Räume war bei der Gründung des Betriebs vor drei Generationen verzichtet worden.

In die Breite könne das Weingut ebensowenig gehen. Zumal dies für Spiegel keine Lösung eines anderen Knackpunktes wäre: die Belastung für die Anwohner. Der Ärger sei programmiert, wenn Lieferanten die Durchfahrt in der Poststraße blockieren. Wenn zu später Stunde auf dem Betriebsgelände noch gearbeitet oder rumrangiert wird. Oder wenn Flaschen abgeladen werden. Umgekehrt komme es vor, dass wegen der Parksituation der Betriebsablauf gestört wird. „Wenn die Einfahrt so zugestellt ist, dass weder Lieferanten noch wir mit unseren Maschinen durchkommen“, schildert Spiegel, der in Geisenheim Weinbau studierte und sein Fachwissen in Bordeaux erweiterte.

Areal ist bereits erschlossen

Der zweifache Familienvater hat sich nach einem neuen Standort umgeschaut. Fündig wurde er vor zwei Jahren. Eine Fläche, etwa 2,2 Hektar groß, außerhalb der Ortslage, östlich in Richtung Freimersheim gelegen. Ein Areal, wo einst Müller-Thurgau und Kerner angebaut wurden. Läuft alles nach Plan, soll dort bei der übernächsten Weinlese die Produktion auf Hochtouren laufen.

Der Straßenname steht jedenfalls schon fest. Die Anschrift lautet: Im schönen Wingert. Die Bauvoranfrage wurde positiv beschieden, die Baugenehmigung muss allerdings noch von der Kreisverwaltung erteilt werden.

Auf der Suche nach einer Villa rustica

In der Zwischenzeit wurde am neuen Standort im Auftrag der Landesarchäologie gerodet. Um zu prüfen, ob unter der Erde eine Villa rustica schlummert. Das sind römische Landhäuser, die im näheren Umfeld zum Vorschein kamen. Auch die Landwirtschaftskammer hat die Planungen des Weinguts kritisch begutachtet. „Ich musste unter anderem argumentieren, wieso ich die Räume in den geplanten Größen so vorsehe“, erzählt Spiegel.

Er plant im Außenbereich neben Parkplätzen drei Bauten: ein Verwaltungsgebäude mit integrierter Vinothek, eine Halle, in der sich unter anderem die Kelterei, der Abfüllbereich sowie Lagerflächen befinden. Und Familie Spiegel soll dort in ihr neues Eigenheim ziehen.

Eingriffe ins Landschaftsbild in Ausnahmefällen

Der Grund für die kritischen Nachfragen der Landwirtschaftskammer: Im Außenbereich sind eigentlich Bauprojekte tabu. Das Landschafts- und Ortsbild soll in der bestehenden Form erhalten bleiben. Ausnahmen bestätigen aber auch diese Regel. Dann, wenn von privilegierten Bauvorhaben gesprochen wird. Diese werden bewilligt, wenn sie einem land- oder forstwirtschaftlichen Zweck dienen. Vorausgesetzt, die öffentlichen Belange bleiben bewahrt. Zu diesen zählen unter anderem der Hochwasserschutz und die Vermeidung von Splittersiedlungen. Auch dürfen die Flächen nicht in Naturschutz-, Überschwemmungs- und Wasserschutzgebieten liegen.

Ob ein privilegiertes Vorhaben genehmigt wird, hängt laut der Kreisverwaltung im Wesentlichen von der Betriebsgröße und Struktur an. „Im Weinbau stellt sich etwa die Frage, wie hoch der Anteil der Selbstvermarktung über die Flasche ist. Auch muss der Betrieb auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Gibt es zum Beispiel in der Inhaberfamilie bereits ein Kind als erkennbaren Betriebsnachfolger?“ Grundsätzlich sind überall im Kreisgebiet privilegierte Bauvorhaben zulässig. Jährlich werden rund 30 solcher Projekte bewilligt. Es sind aber nicht alles Aussiedlungen, hinzugezählt werden unter anderem auch bauliche Veränderungen an bestehenden Bauten, teilt die Behörde mit.

Gebäude sollen Energiestandard entsprechen

Spiegel weiß, dass er bei solch einer sensiblen Angelegenheit mit Feingefühl rangehen muss. Die Gebäude sollen sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen. Das soll auch durch die Gestaltung des Dachs der Halle gelingen, das durch Neigungen die hügelige Landschaft widerspiegeln soll. Das Verwaltungsgebäude soll von der Form her an eine für die Region typische Scheune erinnern.

Auch lege er Wert auf eine ökologische Bauweise. Das Dach der Halle soll mit Fotovolatik ausgestattet werden, die Neubauten sollen dem höchsten Energiestandard entsprechen. Damit diese und andere Wünsche realisiert werden, investiert das Weingut einen höheren einstelligen Millionenbetrag. Im Gegenzug schafft Spiegel eine Ausgleichsfläche, die nach der Versiegelung landwirtschaftlicher Fläche gefordert wird. Geplant ist die ökologische Aufwertung einer Freifläche, um die Artenvielfalt zu fördern. Durch einen Zufall grenzt das Grundstück an ein Naturschutzgebiet.

Der Gemeinderat hat seine Zustimmung bereits erteilt. Zwar werde das Projekt das Ortsbild verändern. Wie Dorfchefin Regina von Nida aber betont, ist man dankbar, solch angesehene Betriebe im Dorf dadurch halten zu können. Außerdem trage das Projekt zur innerörtlichen Entlastung bei.

Am derzeitigen Betriebsstandort in der Kleinfischlinger Poststraße wird es dem Weingut zu eng.
Am derzeitigen Betriebsstandort in der Kleinfischlinger Poststraße wird es dem Weingut zu eng.
Wo einst Müller-Thurgau und Kerner angebaut wurden, soll der neue Standort des Weinguts Ellermann-Spiegel entstehen.
Wo einst Müller-Thurgau und Kerner angebaut wurden, soll der neue Standort des Weinguts Ellermann-Spiegel entstehen.
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