Klingenmünster
Was aus dem schadhaften Turm der evangelischen Kirche wird
Seit Sommer 2018 wirkt der Kirchturm der Protestantischen Kirche in Klingenmünster wie ein Mahnmal. Das Bauwerk, das sich an der markanten Kurve in der Weinstraße befindet, ist weiß verhüllt. Die Schutzvorkehrung ist nötig. 2017 wurden nämlich Risse festgestellt, ein Jahr später lösten sich Beton- und Verputzteile und fielen auf den Kirchenvorplatz. Es handelt sich um Materialschäden, die sich an dem Turm bemerkbar machen. Wasser dringt durch feine Ritzen ins Innere ein und korrodiert mit der darunterliegenden Eisenkonstruktion.
An den Anblick haben sich die Bewohner des Landeckdorfs inzwischen gewöhnt, aber allein diese Ummantelung des Turmes zum Schutz vor herunterfallenden Betonstücken hat die Kirchengemeinde inklusive Gutachten schon rund 38.900 Euro gekostet. Es muss reagiert werden. Das Presbyterium hat seither kontrovers über Erhalt oder Abbau des Bauwerks diskutiert. Der Knackpunkt dabei: die Kosten, die für beide Lösungen entstehen.
Nicht der erste Kirchturm, der Sorgen bereitet
Die Presbyter haben sich nun für den Rückbau entschieden, sowohl aus Sicherheits- als auch aus Kostengründen. Sie können die zu erwartenden 500.000 Euro nicht aufbringen, die für einen Neubau nötig wären. Auch hält das Gremium diese Summe für nicht vertretbar, da weitere Projekte finanziert werden müssen. Deshalb soll nun ein Architekt prüfen, inwieweit der Rückbau des Turmes bis zum Sandsteinsockel möglich ist.
Es ist nicht das erste Mal, dass in Klingenmünster ein kirchliches Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen werden muss. Ungefähr dort, wo sich heute die protestantische Kita befindet, war im Jahr 1782 eine Kirche errichtet worden, welche zunächst keinen Turm hatte. Er wurde erst 1848 an der Westseite gebaut. Weitere 100 Jahre später stellte die Bauabteilung der Landeskirche fest, dass der „aus dem Lot gewichenen Turm“ sowie das Kirchenschiff Risse aufwiesen. Aufgrund der zunehmenden Schäden wurde zunächst 1953 der Turm abgetragen, später folgte der Rückbau der Kirche, in dem im März 1956 der letzte Gottesdienst gehalten wurde. Die neue Kirche wurde 1958 eingeweiht, der Turm im Jahr 1965.
Was kann die Landeskirche tun?
Die Landeskirche bezeichnet es als Einzelfall, dass ein Kirchturm abgerissen werden muss. „Eher sind es ganze Kirchengebäude, die von Stilllegung bedroht sind, nicht ein einzelner Turm“, sagt Eva Stern, Sprecherin der Evangelischen Kirche der Pfalz. Im Dekanat Pirmasens sei vor mehr als 20 Jahren der Turm aus statischen Gründen rückgebaut werden. Alternativ sei an dessen Stelle ein Glockenständer errichtet worden.
Im Fall Klingenmünster kann die Landeskirche der Kirchengemeinde nicht helfen, da sie Eigentümerin der Gebäude ist. „Die finanziellen Mittel zur Sanierung werden vor Ort verantwortet und verausgabt.“ Und wenn ein Turm trotz aller Sicherungsbemühungen so instabil wird und eine Sanierung aus Kostengründen für die Gemeinde nicht machbar ist, dann müsse er rückgebaut werden.
Eine erlösende Nachricht
Für die Kirchengemeinde derweil erfreulich ist, dass die Bausubstanz des Kirchengebäudes in Ordnung ist. Pfarrerin Almendra Garcia de Reuter und ihr Presbyterium haben dennoch mit weiteren Baustellen zu tun. Zum einen steht die Restaurierung des Kircheninneren und der Sakristei an, ebenso die Erneuerung der Mikrofonanlage an. Der Zahn der Zeit nagt aber nicht nur am Beton, sondern auch am Holz. Mit Besorgnis wurde nämlich festgestellt, dass sich in der 61 Jahre alten Orgel der Holzwurm eingenistet hat. Zarte Holzmehlspuren im Inneren des aus Kirschbaumholz gefertigten Instruments machten vor Kurzem darauf aufmerksam.
Eine erlösende Nachricht gab es bei einer Schadensbestandsaufnahme durch den Orgelsachverständigen Andreas Schmidt von der Protestantischen Landeskirche Speyer, den Harthausener Orgelbaumeister Markus Grasser und Bezirkskantor Wolfgang Heilmann. „Die Orgel befindet sich durchaus in einem guten Zustand und ist erhaltenswert. Eine neue Orgel würde das Zehnfache einer erforderlichen Großreinigung bedeuten“, erläutert Andreas Schmidt.
Wie es mit der Orgel weitergeht
Markus Grasser schlug eine Schädlingsbekämpfung auf biologischer Basis vor. Diese soll Mitte Mai geschehen, da für eine solche Maßnahme die Temperatur in der Kirche entscheidend ist – es darf nicht zu kalt und nicht zu warm sein. Auch der umliegende Holzboden in der Orgel muss in die Schädlingsbekämpfung miteinbezogen werden.
Pfarrerin Almendra Garcia de Reuter atmet auf: „Das ist endlich eine gute Nachricht.“ Allerdings müssen die 1084 Pfeifen laut Grasser in absehbarer Zeit aus dem Inneren der Orgel ausgebaut und einzeln gereinigt werden. Die letzte große Reinigung wurde 1992 für rund 30.000 D-Mark durchgeführt. Für die neue Reinigung, die in den nächsten fünf Jahren erfolgen sollte, müssen voraussichtlich 20.000 Euro eingeplant werden.
Die Orgel wurde 1962 bei Oberlinger in Windesheim gefertigt und auf der Empore der 1958 eingeweihten Kirche aufgebaut. Sie besitzt 15 Register auf zwei Manualen und Pedalen. Die meisten der Pfeifen sind im Orgelinneren versteckt, nur wenige sind vom Kirchenschiff her zu sehen. Am 9. September 1962 spielte Organist Theo Arnold zum ersten Mal das Kircheninstrument zum Lobe Gottes. Auf seinen Wunsch hin wurde auch ein Zimpelstern mit fünf kleinen Glöckchen eingebaut. Auf das Spiel des Zimpelsterns warten die Gottesdienstbesucher vor allem an jedem Weihnachtsfest. Mittlerweile hat sich ein Kirchenbauverein gegründet. Mit dem Ziel, die Projekte der Protestantischen Kirche finanziell zu unterstützen. Einnahmen sollen durch Veranstaltungen generiert werden.
