Annweiler
Mit der Bürgermeister-Ente zum Trifels: Oldtimertour durch den Pfälzerwald
Es gibt wohl kaum einen Bürgermeister, der als Ehrenamtlicher innerhalb einer Amtszeit so viel bewegt und so viele Herzen gewonnen hat wie Benjamin Seyfried. Als der Parteilose vor fünf Jahren die Nachfolge von Thomas Wollenweber antrat, der 15 Jahre die Geschicke der Trifelsstadt gelenkt hatte, wehte auf einmal ein ganz neuer Wind durchs Rathaus und bald durch die ganze Trifelsstadt. Ein Gefühl des Miteinanders strömte durch die Gassen, brachte die Menschen zusammen und ließ sie Projekte verwirklichen, die angesichts der chronischen Finanznot der Kommune niemand für möglich gehalten hätte. Mit seiner lockeren, vermittelnden Art, seinem sonnigen Gemüt und seinen sprudelnden Ideen hat er Kommunalpolitik zu etwas Greifbarem für die Menschen gemacht, für die es sich lohnt mitanzupacken.
Gerade in Finanzdingen war da oft gewiefte Kreativität vonnöten. Und die braucht Seyfried auch an anderer Stelle nicht selten. Bei seiner „alten Dame“ – einem Citroën 2CV, besser bekannt als Ente. Der himmelblaue Knuddel-Oldtimer ist 60 Jahre alt. „Das macht’s zur kleinen Herausforderung bei der ein oder anderen elektrischen Arbeit“, erzählt Seyfried, grinsend über die offene Motorhaube gebeugt. Darunter verbirgt sich ein Boxermotor und ein 6-Volt-Bordsystem. Und da fällt ihm wieder ein: „Ja, die Tankanzeige muss ich noch reparieren.“ Aktuell wisse man nie genau, wie viel Sprit noch im Tank sei. „Aber das ist beim Ente-Fahren sowieso immer drin: Abenteuer, Abenteuer pur!“ Und das verbindet die Ausfahrten mit dem Kultauto auch irgendwie mit seinen vergangenen fünf Bürgermeister-Jahren, die krisengeschüttelt und inspirierend zugleich waren. Was wäre da passender, als mit seiner Ente eine Abschiedstour zwischen seinen beiden Arbeitsplätzen zu machen? Mit 16 PS zuckeln wir vom Rathaus hoch zum Trifels, dessen Burgverwalter Seyfried seit anderthalb Jahren ist.
Blinker? Arm aus Fenster rausstrecken
Also röhren wir mal los! Denn die alte Dame hat ein Organ, das für jeden Nicht-Oldtimer-oder-Motorsport-Fahrer echt eine Herausforderung für die Gehörgänge ist. Und, Moment, wo ist der Gurt? „Gibt es nicht“, bemerkt Seyfried schmunzelnd. Und das ist erlaubt? „Ja, weil das der Original-Auslieferungszustand des Autos war“, erklärt er und erhält einen etwas verunsicherten Blick von der Seite. Der sich noch steigert, als er beim Abbiegen auf einmal den Arm durchs offene Fenster ausstreckt. „Die Blinker sind so klein, da macht man das zur Sicherheit dazu – wie bei Radfahrern“, wirft er als Erklärung rüber. Er erntet dafür einen Gesichtsausdruck, der sich zwischen Skepsis, Verwirrung und Amüsement nicht entscheiden kann.
Übrigens ist Seyfrieds Kutsche ein Modell Azam – also gehobene Entenausstattung. Sie hat zum Beispiel eine schicke verchromte Zierleiste, die sich über die Motorhaube schmiegt. Und ansonsten natürlich auch andere Enten-Kultigkeiten wie die Stoßstange in Büroklammer-Form, die Revolverschaltung, die beiden Seitenspiegel, die eher wie Schminkspiegel anmuten, oder das Rolldach, das den charmanten Klassiker flugs in einen Cabrio-Flitzer verwandeln kann. Aber freilich erst, nachdem Seyfried ausgestiegen und das Verdeck per Hand aufgewickelt hat.
Erster Enten-Unfall mit acht Jahren
Schon sind wir im Sonnenland und können bei der Fahrt die Trifelsstraße hoch die über uns rauschenden Baumkronen beobachten. „Ja, Ente ist einfach Lebensgefühl“, sinniert der 40-Jährige. Der kleine Franzose war schon Familienmitglied, als er noch ein Steppke war. Damals hatten seine Eltern eine schneeweiße Ente besessen. Und der kleine Benni fand es ganz toll, wenn ab Tempo 100 die klappbaren Seitenfenster im Wind wackelten, als seien sie Flügel. „Da dachte ich immer: Oh, gleich hebt sie ab.“ Zu jener Zeit geschah es auch, dass der heutige Stadtchef seinen ersten Unfall baute: Die Ente stand im elterlichen Hof. Der damals etwa Achtjährige krabbelte hinein und ruckelte an allen möglichen Hebeln und Schaltern herum, die er greifen konnte. Zack, da hatte sich die Handbremse gelöst. Schwupps setzte sich das Gefährt in Bewegung. Rumms knallte es gegen eine Wand. „Das war zwar mein erster, aber bisher einziger Blechschaden“, bilanziert Seyfried.
Deswegen sieht die aktuelle Madame auch noch tipptop aus. Seyfried hatte sie vor drei Jahren zusammen mit seiner Frau bei einer Internet-Auktion entdeckt. „Wir waren im Mallorca-Urlaub und haben abends bei einem Glas Rotwein auf der Terrasse mitgeboten. Und plötzlich hatten wir die Ente.“ Diese hatte bis dato nur in ihrem Heimatland Frankreich ihre Runden gedreht. Offenbar nur zu besonderen Anlässen, denn sie brachte gerade mal einen Kilometerstand von 17.000 mit. „Wenn man der Anzeige trauen darf“, kommentiert Seyfried augenrollend.
Aber so eine Ente ist ja unverwüstlich. Selbst die 300 Höhenmeter von Annweiler zur Burg rattert sie stoisch hinauf – wenn auch stellenweise im ersten Gang. Aber wir gönnen ihr an diesem Tag ein paar Verschnaufpausen. Denn am Wegesrand liegen einige Stationen, bei denen Seyfried immer wieder gerne Halt macht. So erreichen wir nach zwei engen Kurven die Trifelsruhe, die größte kommunale Naturbegräbnisstätte in Rheinland-Pfalz, die die städtische Forstgesellschaft Trifels Natur betreibt. Für den Bürgermeister ist sie auch ein Ort zum Innehalten. Gerade in jüngster Zeit. Denn das letzte Jahr hat dem 40-Jährigen gesundheitlich zugesetzt.
Das letzte Jahr hinterließ Spuren
Seine dritte Corona-Erkrankung hinterließ Spuren. Seitdem kämpft er mit Long-Covid-Symptomen, die den agilen Macher immer wieder in die Knie zwingen. Harte Monate für Körper und Geist, die zuletzt gar einen fünfwöchigen Krankenhausaufenthalt nötig machten. Die Zeit habe ihm sehr geholfen. „Aber es ist für mich manchmal nicht absehbar, wie sich der Tag entwickelt und in welcher körperlichen Verfassung ich mich befinde.“ Letztlich gelangte er zu der Einsicht, dass ihm die Kraft fehlt, das Amt weiter so ausführen zu können, wie er es für angemessen erachtet.
Angemessenen Auslauf sollte auch eine Ente bekommen, findet Seyfried. Der kam bei ihm zeitweise zu kurz. Und so überlegte er vor ein paar Monaten, sein Oldtimer-Schätzchen zu verkaufen und bot es auf Online-Portalen an. „Das Auto ist zu schade, um es nur in der Garage stehen zu haben. Es braucht jemanden, der ihm mehr Aufmerksamkeit schenken kann“, war er überzeugt. Aber demnächst habe er ja wieder mehr Zeit, wirft er ein. Außerdem: Er sei einfach so verliebt. Und das gemütliche Ente-Fahren sei „Entspannung pur“. Die Phase des Abgebenwollens sei schon längst wieder vorüber, sagt er und fährt knuffig hupend bei der Klettererhütte vor. Das Wanderdomizil in Verantwortung der Stadt und der Pfälzer Kletterer hat seit Kurzem neue Pächter. Bei Maximilian Jung und seinem Team gibt’s ein erfrischendes Getränk – und sonst, nach Feierabend auf der Burg, gerne auch Flääschknepp mit Meerrettich oder einen Pälzer Teller für Seyfried.
„Was bleibt, ist Dankbarkeit“
Und das wird auch in Zukunft so bleiben, denn seinen Job als Verwalter des Trifels-Dreigestirns im Auftrag des Landes behält er. Zu diesem gehört auch die kleine Schwester der Reichsburg, die Burg Münz, die seit drei Jahren saniert wird. „Und hoffentlich im Spätjahr kann sie für Besucher wieder geöffnet werden“, berichtet Seyfried beim Stopp am Wanderparkplatz Ahlmühle, von dem man nicht nur die Burg, sondern auch viele andere Wanderziele ansteuern kann. Von hier sind es nur noch wenige Meter bis zur imposanten Stauferburg, die seit rund 1000 Jahren auf dem Sonnenberg thront. Beim Blick über die dicken Außenmauern peitscht der Wind ins Gesicht, strahlt die Sonne aufs Haupt und eröffnet sich eine eindrucksvolle Aussicht übers Trifelsland. Für Seyfried ist es „ein Privileg, an diesem Ort arbeiten zu dürfen“.
Er schaut hinunter auf Annweiler, denkt an die vergangenen fünf Jahre zurück und an die Entscheidung, die er für sich treffen musste, ade zu sagen. Und man bemerkt, wie der Blick glasig wird, die Stimme brüchig. „Ich war immer mit dem Herzen für meine Heimatstadt dabei und werde es auch weiterhin immer sein. Aber ich habe mir wohl zu viel zu Herzen genommen“, resümiert er und blickt an sich hinab. Denn Herzbeschwerden sind eine der mehreren Corona-Nachwehen, die ihn ausbremsen. „Aber es war eine tolle Zeit – auch mit allen Schlaglöchern. Was bleibt, ist Dankbarkeit“, sagt er über die Erfahrungen, die ihn nachhaltig geprägt hätten. Seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern im Rathaus gibt er eines mit auf den Weg: „Wenn ich etwas in den fünf Jahren gelernt habe, dann das: Man braucht Zeit und Nerven für die Dinge.“
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