Herxheim
Homeschooling: Eltern und Schüler am Limit
„Ich bin total überfordert mit dem ganzen Schulzeug“, klagt eine alleinerziehende Mutter. Eines ihrer Kinder verweigert seit dem Lockdown jegliche Schularbeiten. „Ich mach das nicht bei dir, lass mich in Ruhe!“, heißt es dann von dem Grundschulkind, bei dem eine Versetzung in die nächste Klassenstufe inzwischen fraglich ist. Bei der beengt lebenden Familie ist auch ansonsten ganz schön was los. „Die Kinder streiten fast durchgehend, es eskaliert regelmäßig“, berichtet die Mutter. Die sozialen Kompetenzen der Kinder nehmen von Woche zu Woche ab. Auch die Mutter hat mittlerweile keine Geduld mehr, ihre Nerven liegen blank; Rückzugsmöglichkeiten hat sie keine.
Hinzu kommt, dass Oma und Opa derzeit als Entlastung wegfallen, da sie Angst vor Corona haben und Kontakte meiden. „Also, ich schlafe fast überhaupt nicht mehr. Ich kann einfach nicht abschalten.“ Es passiert der Mutter immer öfter, dass sie tagsüber in einen Sekundenschlaf fällt. Bei all dem Trubel ist es leicht verständlich, dass das Homeschooling absolut nicht klappt. Inzwischen hat sich die Alleinerziehende Hilfe beim Jugendamt geholt. „Zweimal die Woche kommt eine Familienhilfe.“ Der Wechselunterricht und die Notbetreuung entspannen die Lage etwas.
Aufgaben müssen von Eltern kontrolliert werden
Fallen vor allem Schüler aus sozial schwachen Familien bildungstechnisch dem Lockdown zum Opfer? Die Herxheimer Grundschullehrerin Nicole Jäger antwortet mit einem Nein. In der Grundschule bedarf es der Unterstützung der Eltern, um mit den Kindern kommunizieren zu können, sagt Jäger. Schnell stellte sich beim ersten Lockdown heraus, dass für Kinder mit Unterstützung kein schulischer Nachteil entsteht, „unabhängig davon, welcher sozialen Schicht sie angehören“. Entscheidend ist, dass die Kinder daheim beschult werden und die Aufgaben kontrolliert bekommen, von Eltern, die dafür Geduld und Zeit aufbringen können.
Anders sehe es in den Familien aus, die nicht über die nötigen technischen Voraussetzungen verfügen oder ihre Kinder aus anderen Gründen nicht unterstützen können. Außerdem stellt das Fehlen eines DSL-Anschlusses in den Familien ein Problem dar. „Das wird in der Diskussion oft vergessen, denn was bringen Leihgeräte, die von der Schule gestellt werden, wenn man keinen Internetzugang hat?“ Es ist außerdem von Bedeutung, dass die Kinder eine klare Organisationsstruktur vom Elternhaus vorgelebt bekommen, sagt Jäger. Dazu zählen das morgendliche Aufstehen für die Schule, die Einstellung der Eltern zur Organisation Schule und deren Einsicht in die Notwendigkeit von Bildung.
Fester Zeitrahmen für Kinder wichtig
„Was aber tun, wenn Eltern weder auf Anrufe, E-Mails oder auf einen Besuch an der Haustür reagieren? Da fühle ich mich als Lehrerin hilflos und es tut mir für die Kinder sehr leid, die ich in dieser Phase ein Stück weit verloren habe.“ Der Besuch der Notbetreuung in der Schule hat sich für viele Kinder bewährt. Auch wenn es keinen Unterricht im klassischen Sinne gibt, haben die Kinder einen festen Zeitrahmen, in welchem sie ihre Arbeiten erledigen, sagt Jäger. Sie sei froh, im nun angelaufenen Wechselunterricht alle zwei Tage auf die Kinder zugreifen zu können. Hierbei muss zuerst der Lernstoff wiederholt und der tatsächliche Lernstand der einzelnen Kinder beurteilt werden. „Gerade in diesen kleinen Gruppen bietet sich die Chance, einzelne Schüler gezielt zu fördern und somit mögliche Lerndefizite auszugleichen.“
Gerade Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen Familien können sich iPads aus dem Sofortausstattungsprogramm ausleihen, wofür der Bund rund 264.000 Euro zur Verfügung gestellt hat, sagt Anna-Carina Hagenkötter von der Kreisverwaltung SÜW. Hierfür mussten die Schulen nach pädagogischen Gesichtspunkten Schüler auswählen und dem Schulträger melden, damit an diese solche Geräte ausgeliehen werden können. Aktuell zeichnet sich auf der Basis der gemeldeten Schülerzahlen ab, „dass alle unsere Schulen nicht alle zur Verfügung stehenden Geräte in Anspruch nehmen werden“, so Hagenkötter.
Jugendzentrum und Jugendpflege helfen
Doch nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche sind vom Lockdown betroffen. „Die momentane Lage mit Fernunterricht verschärft durchaus die Situation von Kindern und Jugendlichen aus unterprivilegierten sowie aus bildungsfernen Familien“, sagt Annelene Stripecke, Jugendpflegerin der Verbandsgemeinde Herxheim. Ihrer Meinung nach sind drei Faktoren wichtig für das Lernen zu Hause. Erstens: Kenntnisse und Bereitstellung von technischen Endgeräten sowie das Vorhandensein eines Internetanschlusses. Zweitens: eine angenehme, ablenkungsfreie Umgebung zum Lernen. Drittens: die eigene Motivation und Beständigkeit, die von den Eltern oder anderen Personen gefördert wird und dem Kind vermittelt: „Ich bin nicht allein!“
„Im Jugendzentrum Herxheim und in den Jugendtreffs der Verbandsgemeinde bieten wir für einzelne Jugendliche und Kinder, deren häusliche Situation uns bekannt ist, eine Lernstube an. Durch Gespräche mit Jugendlichen und Eltern sind sie dann bereit, das Angebot anzunehmen“, sagt Stripecke.
Versäumnisse im Bildungssystem
„Für Kinder in benachteiligten Lebenssituationen ist Distanzunterricht eine große Herausforderung“, sagt Anja Bischoff-Fichtner vom Kinderschutzbund Landau-SÜW. Ihnen fehle etwa die technische Ausstattung, auf wenigen Quadratmetern mit der ganzen Familie gebe es oft kaum Ruhe zum konzentrierten Arbeiten und viele Eltern könnten beim Lernen nicht gut unterstützen. Sei es, weil sie alleinerziehend sind, im Homeoffice arbeiten, weil familiäre Notlagen wie Krankheit eines Elternteils das Helfen erschwerten oder die deutschen Sprachkenntnisse noch nicht ausreichten. Als Folge davon bestehe die Gefahr, dass sich die schulischen Leistungen der Kinder verschlechtern, sie das Defizit nicht mehr aufholen können und später einen sehr schwierigen Start ins Berufsleben haben. Dazu komme die anhaltende seelische Belastung durch das Vermissen der Freunde, Sorgen und Ängste, berichtet Bischoff-Fichtner. Der Kinderschutzbund sei darum froh, dass gegenwärtig ein Wechselmodell in Kraft ist, bei dem wieder vermehrt Präsenzunterricht mit qualifizierten Lehrkräften stattfindet. Nichtsdestotrotz sei es wichtig, an den Versäumnissen zu arbeiten. Sprich, die Rückstände im Bildungssystem nachzubessern und Kindern mit Förderbedarf durch geeignete Rahmenbedingungen, wie kleinere Klassen, mehr Lehrer pro Schüler und durch zusätzliche Sozialpädagogen, bessere Zukunftschancen zu bieten.