Kreis Südliche Weinstraße Großbaustelle inmitten des Pfälzerwaldes
Von Ramberg schlängelt sich die schmale Straße den Berg hinauf zum Wanderparkplatz „Drei Buchen“. Unter dem Wegeschild zur Burg Meistersel prangt ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Baustelle“. Ein paar Hundert Meter in den Wald hinein und den Hang hinauf, dann steht man vor ihr. Und sie hat alles, was zu einer echten Baustelle dazugehört: Bagger, Schubkarren, Bauwagen, Dixie-Klo. Nur eben mitten im Wald. Seit fünfeinhalb Jahren werkeln Handwerker an dem altersschwachen Felsennest, damit Besucher darauf bald wieder sicher durch die Geschichte wandeln können. Die Meistersel zählt zu den ältesten Burgen der Pfalz, wurde im Jahr 1100 erstmals urkundlich erwähnt. Bei den Restaurierungsarbeiten entdeckte Mauerreste aus der Zeit davor deuten sogar darauf hin, dass es eine Vorgängerburg gegeben hat. Seit dem 19. Jahrhundert war die Burg in Privateigentum und wurde immer baufälliger. Nachdem das Land die Meistersel nach langem Rechtsstreit mit den Eigentümern erwerben konnten, liefen die lange angekündigten Instandsetzungsarbeiten im Herbst 2010 an. Architekt Marc Sattel schaut mindestens einmal pro Woche auf der Baustelle vorbei. Sein Maxdorfer Büro ist spezialisiert auf Altbauten und Ruinen. Er betreut aktuell Arbeiten an der Wachtenburg, Landeck, Neu-Bolanden und Moschellandsburg. Aber die Meistersel ist auch für ihn ein Schwergewicht. Hier werde in wenigen Jahren so viel geleistet wie bei anderen Burgen in Jahrzehnten, hält er Kritik an den lang andauernden Arbeiten entgegen. Heute ist es ruhig auf der Baustelle. Die Osterfeiertage stehen vor der Tür. Zwei Arbeiter trinken gerade noch ihren Kaffee aus, bevor sie sich wieder ans Werk machen, um Steine zu bergen, die abgerutscht waren und sich nun an der unteren Ringmauer häufen. „Wir benutzen keine externen Steine, sondern verbauen die alten wieder“, erklärt Sattel. Rund 100 Kubikmeter Mauerwerk seien so bereits bewegt worden. Über eine schmale Treppe geht es zur Unterburg. Wir laufen durch den wiedererrichteten Toreingang, dessen Seitenmauer zu Beginn der Arbeiten noch zu einem Großteil weggebrochen war, auf das „Steinerne Haus“ zu. Das frühere Wohnhaus wurde 1407 erstmals urkundlich erwähnt, berichtet Sattel und schreitet die Treppe in den Gewölbekeller hinab. Mit Knarzen öffnet sich das große Holztor, hinter dem es sich im Winter Zwergfledermäuse gemütlich machen. Deswegen seien die kleinen Spalten bewusst nicht verputzt worden. Dann beginnt der Aufstieg in luftige Höhen. Über sechs Etagen Stahlgerüst kann man die Oberburg erklimmen, die auf dem Felsen liegt. Der Blick durch die Stahlgitter gen Erdboden ist nichts für Menschen mit Höhenangst. „Man muss schwindelfrei sein, aber es lohnt sich“, kündigt Sattel den spektakulären Blick auf die Ruine und den Pfälzerwald an. Besucher werden später über die alte Burgtreppe hinaufsteigen können. Aber bis dahin müssen noch viele Steine bewegt werden. Sattel rechnet damit, dass die Restaurierung im Herbst dieses Jahres abgeschlossen werden kann. Dann stünden aber noch Restarbeiten an der Außenanlage an. „Da, was gefunden“, ruft einer der Arbeiter hoch und hält eine Gefäßöffnung in der Hand. Solche Funde seien Zufallstreffer, erklärt Sattel. Die Archäologiegrabungen seien bereits beendet und die wertvollen Funde wie Kugeln, Pfeilspitzen oder Armbrüste lägen bei der Landesarchäologie in Speyer. Ein paar Steine seien bereits gestohlen worden. Das sei ärgerlich, meint Sattel, ebenso wie ungebetene Gäste, die am Wochenende auf der abgesperrten Burg herumturnten. „Das kann richtig gefährlich werden.“ Zum Glück gab es auf der Baustelle bisher noch keine großen Unfälle, ein Archäologe habe sich lediglich mal seinen Fuß verknackst. Aber noch immer gebe es etliche Bereiche, die nicht gesichert seien, und dann wird’s kritisch. „Wie hier.“ Sattel zeigt auf einen großen Fels, auf den gerade eine Mauereidechse zukrabbelt. „Das sieht aus wie ein stabiler Brocken, aber ein horizontaler Riss zieht sich durch.“ Auf der Rückseite der Burg, wo das Baugerüst über 18 Meter in die Höhe ragt, liegen Bohrkerne auf den Stahlgittern. „Wir machen Bohrungen in die Mauer, um darin eine Stahlkonstruktion zu verankern, mit der der Fels gestützt wird“, erklärt Sattel die Sicherungsarbeiten an Stellen, die spätere Besucher nicht sehen werden. Das Ganze sei von einem Felsstatiker berechnet und mit einem 3-D-Modell geplant worden. Überhaupt sei eine ganze Reihe von Fachleuten mit dem Großprojekt Meistersel beschäftigt: Architekt, Bauforscher, Archäologen, Denkmalpfleger, ökologische Baubetreuer, Statiker, Techniker, der Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung. Um die 15 Leute, zählt Sattel auf, bevor er eine steile, kaum erleuchtete Treppe hinabsteigt. Wer die heil überstanden hat, kann rechter Hand in ein zehn Meter tiefes Loch blicken. Von unten blitzen Sonnenstrahlen hervor. „Das ist der alte Brunnen“, berichtet Sattel. Früher gab es in dem Brunnenkeller auch noch ein Tretrad, um Wasser herausschöpfen zu können. Später wird ein Gitter über das Loch gelegt, damit niemand in die Tiefe stürzt. Der letzte Höhepunkt des Rundgangs: die Schnabelecke – die Südspitze der Unterburg. Hier befindet sich das älteste noch erhaltene Mauerstück der Burg. Das ist zwar nicht mal einen Meter lang, dafür steinalt. „Hier wurde im Fischgrätmuster gebaut. Das stammt noch aus der romanischen Epoche vor 1200“, erklärt der Architekt. Und dieses setze stumpf sogar an noch älteres Mauerwerk an. Im Frühjahr 2018 soll die Burg wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Aber Sattel macht schon mal klar: „Nach 30 Jahren werden wir wieder rangehen müssen. Ein Haus ohne Dach bedarf ständiger Wartung.“