Rohrbach RHEINPFALZ Plus Artikel „Gewaltfrei und ohne Leckerli“ : Hundetrainer gibt Haltern Tipps

„Vertrauen-Respekt-Geborgenheit-Sicherheit“ sind die Grundpfeiler der Philosophie des Hundetrainers Dieter Paul.
»Vertrauen-Respekt-Geborgenheit-Sicherheit« sind die Grundpfeiler der Philosophie des Hundetrainers Dieter Paul.

Der Hund ist Joggingpartner, Wanderkamerad, Kind-Ersatz, Seelentröster – kurz des Menschen bester Freund. In letzter Zeit aber häufen sich Berichte über Beiß-Attacken auf Artgenossen und sogar Personen. Ein Rohrbacher Hundetrainer benennt mögliche Ursachen.

Ein Leben ohne Hund ist zwar möglich, aber sinnlos – um mit Loriot zu sprechen. Der Spruch könnte auch von Dieter Paul stammen. Er ist zertifizierter Hundetrainer und Betreiber einer Hundeschule in Rohrbach. Sein Ziel ist es, „Mensch und Tier für eine harmonische Beziehung fit zu machen, damit sie zusammen einen vernünftigen Lebensweg gehen können“. Ergo trainiert Paul ein Mensch-Hund-Team. Denn am jeweiligen Ende der Leine laufen zwei unterschiedliche Lebewesen, zwischen denen es leicht zu Missverständnissen kommen kann.

Paul selbst ist im Alter von 20 Jahren „auf den Hund gekommen“, als er sich den Rottweiler Rico aus dem Ludwigshafener Tierheim ins Haus holte. Tieren aus dem Heim eilt generell der Ruf voraus, nicht gerade pflegeleicht zu sein, Rottweilern ganz besonders. Allen Unkenrufen zum Trotz sind die stämmigen Vierbeiner mit dem schwarzen, kurzen Fell seine Lieblingshunde, „weil sie treu, loyal, stark, furchtlos und schlau sind“, schwärmt Paul.

Wie das blinde Vertrauen entsteht

Da er damals keine Ahnung von Hundeerziehung hatte, wandte er sich an einen Trainer in Bayern. Paul lernte von ihm, mit Hunden zu kommunizieren. Er nennt es „den Hund lesen lernen“. Die Arbeit mit den Tieren machte ihm so viel Freude, dass er seinen Beruf aufgab und eine Ausbildung zum Hundetrainer absolvierte. Seit 2008 betreibt er seine Hundeschule. Auf seinem Übungsgelände an der Rohrbacher Ortsrandstraße bietet er Gruppen- und Einzeltraining für alle Hunderassen an, vom Chihuahua bis zur Deutschen Dogge.

„Vertrauen-Respekt-Geborgenheit-Sicherheit“ sind die Grundpfeiler seiner Philosophie. „Nach diesen vier Werten sollte jeder mit seinem Hund umgehen“, erklärt Dieter Paul. Dieses Ziel erreicht er „gewaltfrei und ohne Leckerli“, indem er den Hundeführern beibringt, mithilfe von Körpersprache mit ihrem Vierbeiner zu kommunizieren. Denn Mimik, Gestik und souveränes Handeln des Menschen müssen vom Tier verstanden werden, damit sie sich gegenseitig blind vertrauen.

Was sich hinter Agility und Decility verbirgt

Die Jüngsten gehen in die Welpengruppen und toben sich auf dem Spielplatz aus. In den Kursen für Junghunde steht das Erlernen von Körpersprache, Leinenführung, Grundkommandos und Impulskontrolle auf dem Lehrplan. Sobald sie ein Jahr alt sind, können sie sich sportlich betätigen. Agility heißt die Sportart, bei der Mensch und Hund zusammen einen Hindernisparcours bewältigen. Das Gegenteil, die Langsamkeit und Konzentrationsfähigkeit, wird durch Decility trainiert.

Außer mit Hundeerziehung beschäftigt man sich in Rohrbach auch mit Kindererziehung. Die Kinderkurse besuchen aber keine Mädchen und Jungen mit ihren Vierbeinern. Ganz im Gegenteil: Es kommen Kinder, die riesige Angst vor Hunden haben. Mit Hilfe eines Therapiehundes lernen sie einen entspannten Umgang mit den Tieren.

„Nicht die Rasse ist das Problem“

Für problematische Hunde bietet Paul Einzeltraining zu Hause an. Dabei korrigiert er unerwünschtes Verhalten wie Aggressivität, bissiges Verhalten, Ausbüxen, Zerstörungswut und Ähnliches. Für den Hundeflüsterer gibt es keinen Hund, der von Geburt an aggressiv ist. Deshalb hält er auch nichts davon, manche Rassen als Listenhunde zu führen, denen per se eine Gefährlichkeit unterstellt wird. Der Hauptgrund für aggressives Verhalten und Beißattacken seien „falsche Haltungsbedingungen, nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse“, sagt der Experte und erklärt es am Beispiel seines Lieblingshunds.

Der Rottweiler wurde früher im baden-württembergischen Rottweil als Arbeitshund gezüchtet, um Viehherden zu bewachen und schwere Wagen der Metzger zu ziehen. Werden die anerzogenen Eigenschaften nicht mehr gebraucht, müsse der Halter für Ersatzarbeiten sorgen. Ansonsten sei der Hund nicht ausgeglichen, denn arbeitsfreudig bleibt er ja. Deshalb sei der Rottweiler der perfekte Dienst- und Polizeihund, findet Paul. Im privaten Bereich heißt das: jede Menge körperliche Bewegung, am besten im Hundesport, und geistige Auslastung, wie zum Beispiel beim Fährtensuchen.

Was der Hundetrainer fordert

Fest steht: Der Rottweiler ist kein Schoßhündchen. Jeder Tierhalter müsse über Genetik, Wesensart und Bedürfnisse seines Hundes Bescheid wissen. Und zwar, bevor er sich ein Tier ins Haus holt. Deshalb plädiert Paul dafür, den Hundeführerschein einzuführen, also eine Bescheinigung für souveränes Führen des eigenen Hundes. Zwar hat die Landestierärztekammer einen solchen Nachweis ausgearbeitet, aber es bleibe alles unverbindlich, solange die Landesregierung nicht handelt. „Wie so oft kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen“, sagt Paul mit Blick auf die Verordnungen der Länder.

Neben seiner Arbeit als Hundetrainer betreibt Paul mit Herzblut ein privates Projekt: Bereits vor 20 Jahren eröffnete er bei sich den „Rottihof“, ein Gnadenhof mit Familienanschluss. So werden die Besucher nicht nur vom Hausherrn und seiner Frau begrüßt. Sechs neugierige Rottweiler – kräftiger, gedrungener Körperbau, jeder über 50 Kilogramm schwer – bilden ein veritables Empfangskomitee für die RHEINPFALZ. Wobei die Bezeichnung Gnadenhof nicht ganz korrekt ist. Denn sobald sie rudeltauglich sind, steht ihnen neben Hof und Garten das Haus zur Verfügung.

„Alle Hunde bringen ihr Köfferle mit“

Alle sechs Hunde kommen aus dem Tierschutz und haben vor ihrem Einzug bei Paul ein elendes Leben gefristet. Außer dem fünfjährigen Leon sind alle alt und krank. Lisa, Dony und Maya stammen aus dem rumänischen Tierheim Smeura, in dem circa 6000 Hunde auf engem Raum leben. Ihre Namen bekamen sie erst bei Paul, zuvor waren sie lediglich Nummern. Leon und Kimi stammen aus Frankreich. Als Kettenhund und als Streuner misshandelt, sind die vernarbten Wunden immer noch sichtbar. Lucy kommt aus einem Tierheim in München, wohin sie von ihrem früheren Besitzer entsorgt worden war, nachdem sie für die Zucht nicht mehr taugte. Lange Zeit war sie lediglich eine Gebärmaschine, wurde in einem Raum gehalten ohne soziale Kontakte und ohne Gassi-Gang. Bis heute fällt ihr deshalb das Gehen schwer.

Dieter Paul sagt: „Alle Hunde aus der Tierrettung bringen ihr Köfferle mit.“ Heißt: Sie haben schreckliche Dinge erlebt. Dennoch gibt es für ihn keine hoffnungslosen Fälle. Auch wenn sie alt und eingeschränkt sind, brauchen sie Bewegung und Anregung. Auf dem Rottihof bleiben sie bis zu ihrem Ende – und sogar noch darüber hinaus. Im Garten befinden sich die Ruhestätten von 22 eingeäscherten vierbeinigen Familienmitgliedern, versehen mit Namensschildchen und Lebensdaten.

Info

Infos zu den Öffnungszeiten der Hundeschule und zum Rottweiler-Gnadenhof gibt es online unter www.hundetrainer-rohrbach.de.

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