Ilbesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Bomber-Absturz, Angriff auf Landau: Sohn des Dorfarztes erinnert sich an Kriegsende

In der Chronik zum 780-jährigen Bestehen von Ilbesheim ist einiges über die Familie des ehemaligen Landarzts Klaus Diehl zu lese
In der Chronik zum 780-jährigen Bestehen von Ilbesheim ist einiges über die Familie des ehemaligen Landarzts Klaus Diehl zu lesen.

Familie Diehl betreibt seit drei Generationen die Dorfarztpraxis von Ilbesheim. Als der Zweite Weltkrieg endete, war Klaus Diehl noch ein junger Bub. Er beobachtete den Angriff auf Landau von der Kleinen Kalmit, erlebte mit, wie ein abgestürzter Flieger auf dem Behandlungstisch seines Vaters starb und probierte zum ersten Mal Kaugummi.

Es sind die letzten Monate des Kriegsgeschehens in der Südpfalz. Ein schönes Frühjahr, klar, viel Sonnenschein. Klaus Diehl ist gerade elf Jahre alt, als er Zeuge eines Luftkampfes über seinem Heimatdorf Ilbesheim wird. Es ist der 25. Februar 1945. Zwei deutsche Jagdflugzeuge greifen eine amerikanische Boeing an, die gerade von einem Feindflug auf deutsche Großstädte zurückkehrt. „Fliegende Festungen“ werden die Bomberverbände der US-Truppen genannt. Der Rumpf der Maschine steht bereits in Flammen. „Sie flog direkt auf uns zu“, erinnert sich der heute 88-Jährige, der das bedrohliche Geschehen am Himmel vom Garten seines Elternhauses aus beobachtet. Im letzten Moment zieht der Pilot den Flieger noch mal kurz hoch und bewahrt das Dorf vor einer Katastrophe. Der Bomber stürzt in einen Weinberg bei Ranschbach.

Einigen Besatzungsmitgliedern gelingt der Absprung mit ihren Fallschirmen. Zwei von ihnen werden zu Klaus Diehls Vater gebracht. Er ist der Dorfarzt von Ilbesheim. Ein Soldat kommt mit einem gebrochenen Knöchel glimpflich davon. Der andere hat eine riesige Fleischwunde am Gesäß und Oberschenkel. „Er ist bei uns in der Praxis gestorben“, erzählt Klaus Diehl. 1963, nach seinem Medizinstudium in Saarbrücken, Heidelberg und München und anderthalb Jahren als Jungarzt in den USA, wird er in die Fußstapfen seines Vaters treten und dessen Praxis übernehmen.

Luftschutzsirenen ersetzen Schulglocke

Doch noch ist Klaus Diehl ein junger Bub, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Auch wenn man sich als Kind ja eher an die guten Dinge erinnere, wie er erzählt. Zum Beispiel den frühen Schulschluss. Er besucht damals das Gymnasium in Landau. Der Unterricht beginnt bereits um 7 Uhr. Oft endet er schon eine Stunde später. Morgens fliegen die ersten „Jabos“, tieffliegende Jagdbomber. Das Heulen der Luftschutzsirenen ersetzt das Klingeln der Schulglocke zum Unterrichtsschluss. „Dann wurde die Schule geschlossen, und wir durften nach Hause radeln“, erzählt Diehl, der heute in Annweiler-Queichhambach lebt.

Sein Heimatdorf übersteht den Weltkrieg verhältnismäßig unbeschadet. Es gibt keine Evakuierungen, keine Beschießungen, keine Bombenangriffe. Doch spurlos geht diese grausame Zeit an keinem vorbei. „Einmal bin ich zu meinen Großeltern nach Wilgartswiesen geradelt“, berichtet Diehl. Plötzlich ein Angriff. Landser, die im Straßengraben liegen, schreien zu dem kleinen Jungen, er solle von der Straße weg. „Und da kam schon eine MG-Salve neben mir runter.“ Er bleibt unverletzt. Aber der Schock sitzt tief.

Angriff auf Landau von Kleinen Kalmit beobachtet

Der 16. März 1945 ist einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Landaus. Bei einem Bombenangriff auf das Stadtgebiet kommen 176 Menschen ums Leben. Klaus Diehl läuft mit ein paar Freunden auf die Kleine Kalmit, um das schaurige Geschehen zu beobachten. Erst brennen Häuser, dann ganze Straßenzüge. Die Familie ist besorgt, halten sich doch Angehörige in der Stadt auf. Eine Tante und ihr jüngstes Kind werden verschüttet und überleben nur knapp. Auch Klaus Diehls 15-jähriger Bruder Fritz ist in Landau. Die älteren Jahrgänge seien damals als Fronthelfer eingezogen worden, erklärt Klaus Diehl. Als Luftschutzwart habe sein Bruder Frauen ausbilden sollen, wie man Brände löscht und sich bei Angriffen verhält. Abends fährt die Familie in die brennende Stadt, um nach Fritz zu suchen. Sie findet ihn – schlafend in einer Nachrichtenbaracke. Den Angriff hatte er unversehrt unter einer Steinbank an der Queich überstanden.

Als vom Nazi-Regime sozialisierte „kleine Hitlerjungen“ habe es anfangs zu Hause schon die ein oder andere Diskussion mit dem Vater gegeben, erinnert sich Klaus Diehl. Denn der sei „Gott sei Dank immer ein deutlicher Regime-Gegner“ gewesen, der auch zu seinen jüdischen Freunden gestanden habe. „Er hat uns aufgerüttelt und klar gemacht, was dahintersteckt.“ Heimlich verfolgt die Familie auf ihrem Radio BBC-Nachrichten, die über die Truppenbewegungen ganz anders berichten als die deutschen. Die Reden Hitlers erinnert Diehl als „furchtbar bellende Sprache“, die er veräppelnd nachahmt. „Was das KZ Dachau ist, wusste hier jeder“, bilanziert er über das Mitwissen der Bevölkerung.

„Die Amis kommen“

Am 22. März 1945 heißt es: „Die Amis kommen!“ Der Führer des Ilbesheimer Volkssturms hisst die weiße Fahne an der Kirche. Einen Tag später rückt ein Vortrupp an, am 24. März die Panzerabteilung. Die Diehls haben zu dieser Zeit zwei deutsche Soldaten im Haus versteckt, die von der Front geflohen waren. Die Amerikaner durchsuchen das Haus, nehmen die beiden als Kriegsgefangene mit, plündernde Soldaten werden vom Sergeant zurückgepfiffen. „Alles lief sehr korrekt ab“, resümiert Klaus Diehl. Auch wenn man später von einigen „Zwischenfällen mit Ilbesheimer Frauen“ hören wird. Auch Klaus’ Schwestern und Cousinen werden vorsorglich in alte Klamotten gesteckt, „hässlich gemacht“ und auf dem Speicher versteckt. Stolz ist der junge Klaus Diehl, dass ihm mit seinen paar Brocken Schulenglisch eine erste Kommunikation mit den Besatzern gelingt – „fast alle Schwarze, das hatten wir bis dahin noch nie gesehen“. Zur Belohnung gibt’s den ersten Kaugummi seines Lebens und Hershey-Schokolade. „Ein Traum“, schwärmt Diehl.

Wie ein gestrandeter Pottwal ragt der Rumpf des amerikanischen Bombers aus dem Weinberg bei Ranschbach. Klaus Diehls Vater behan
Wie ein gestrandeter Pottwal ragt der Rumpf des amerikanischen Bombers aus dem Weinberg bei Ranschbach. Klaus Diehls Vater behandelte zwei der abgestürzten Besatzungsmitglieder, nur eines überlebte.
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