Kreis Südliche Weinstraße Ökumene in Reinkultur
Von den 64 evangelisch-katholischen Simultankirchen in Deutschland gibt es mit 29 (45,3 Prozent) die meisten in Rheinland-Pfalz, gefolgt von Bayern mit 19 (29,7 Prozent) und Baden-Württemberg mit vier (6,3 Prozent). Vier der 29 rheinland-pfälzischen Simultankirchen – auch Simultaneum oder paritätische Kirche genannt – verteilen sich auf Gemeinden im Landkreis. Dass es in der Südpfalz Simultankirchen gibt, hat historische Gründe. Der französische König Ludwig XIV. (1643 bis 1715) bestimmte als oberster Landherr, dass in Orten mit einer Kirche diese beiden Konfessionen gehören sollte. Im Landkreis Südliche Weinstraße gibt es die Wehrkirche und Kirchenburg St. Martin in Dörrenbach, die im Mittelalter dem Heiligen Ulrich geweiht war, die Kapelle St. Johannes Baptist in Appenhofen, Ortsteil der Gemeinde Billigheim-Ingenheim, die Simultankirche St. Michael in Rohrbach, eine der eindrucksvollsten spätgotischen Landkirchen in der Vorderpfalz, und die Simultankirche St. Quintinus in Siebeldingen. Im Besitz der protestantischen und katholischen Kirche befindet sich auch die einschiffige gotische Oberessinger Kirche, die Wendelinuskapelle, die 1280 der Jungfrau Maria geweiht wurde. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche nicht mehr als Gotteshaus genutzt. Nach Initiativen des Wendelinus-Vereins finden dort seit 1998 wieder im Sommer Gottesdienste der protestantischen Kirchengemeinde Essingen-Dammheim-Bornheim statt. Von Konfessionsstreit gibt es keine Spur. „Es gibt keine Probleme“, sagen die zuständigen Geistlichen der vier Simultankirchen im Kreis auf Anfrage der RHEINPFALZ. Das Verhältnis zwischen den Konfessionen sei „sehr gut“. So gut, dass es beispielsweise in der Wehrkirche in Dörrenbach keine zwei Opferstöcke mehr gibt, sondern die Kollekten in einen Topf wandern und später „brüderlich geteilt“ werden, sagt Pfarrerin Margarete Lingenfelder, die mit dem katholischen Pfarrer Bernd Höckelsberger für die Kirche zuständig ist. Die Wehrkirche ist seit 1684/85 Simultankirche. Am 14. Juli 1717 wurde amtlich festgelegt, zu welchen Stunden der evangelische oder katholische Gottesdienst zu halten sei, und dass keine der beiden Konfessionen der anderen bei der Verrichtung ihrer Gottesdienste hinderlich sein dürfe. In Dörrenbach spürten die Menschen schon früh, dass man aufeinander angewiesen ist. Seit der letzten Renovierung im März 2006 feiern beide Konfessionen im Gegensatz zu früher an einem Altar ihre Gottesdienste, das von beiden Kirchengremien ausgewählte Kreuz prägt den Kirchenraum seit dem Jahr 2008. Beide Kirchengemeinden nutzen die Sakristei in Eintracht. Die Unterhaltungskosten werden geteilt. Pfarrerin Lingenfelder sagt, dass immer mehr gemeinsame Veranstaltungen und Aktionen von dem guten, christlichen Geist in Dörrenbach zeugen. Die zwischen 1479 und 1520 anstelle der romanischen Vorgängerkirche errichtete Simultankirche St. Michael in Rohrbach ist bis heute im Besitz der beiden Kirchengemeinden. Im Laufe der Zeit gab es unterschiedliche amtliche und vertragliche Nutzungsregelungen. Ursprünglich war den Katholiken im Wesentlichen der Chorraum zugewiesen. Die heutige Vereinbarung überlässt beiden Gemeinden mit Ausnahme der Sakristeien das gesamte Gotteshaus zur Nutzung. Mit der großen Renovierung 1989/90 erhielt die Kirche, die als Europäisches Kulturdenkmal geschützt ist, ihre heutige Gestalt. 1997 haben beide Gemeinden einen gemeinsamen Altar angeschafft, der nun mitten im Chorraum steht. Pfarrer Dieter Wenzel und Anja Haaf für den erst seit Kurzem zuständigen katholischen Pfarrer Robert Maszkowski in Klingenmünster bestätigen ein gutes ökumenisches Miteinander. Die Termine der Gottesdienste werden mit dem Pfarrbüro abgesprochen, die Unterhaltungskosten geteilt. Reibungslos verläuft das Miteinander in der seit 1689 bestehenden Simultankirche St. Quintinus in Siebeldingen, bestätigt Pfarrerin Eva Weißmann, die mit ihrem katholischen Kollegen Karsten Geeck zuständig ist und davon spricht, dass Ökumene lebbar geworden sei. Auch dort gibt es gemeinsame Gottesdienste, werden Baulast der Kirche durch den ökumenischen Kirchbauverein unterstützt oder die Unterhaltungskosten nach einem bestimmten Schlüssel aufgebracht. Seit 2013 gibt es einen gemeinsamen Taufstein. Im Jahr 2006 wurde das als Kleinod gotischer Baukunst aus dem 15. Jahrhundert geltende Simultankirchlein St. Johann Baptist am Kaiserbach in Appenhofen nach umfangreichen Sanierungsarbeiten und einer tollen Gemeinschaftsleistung der Gläubigen wieder seiner Bestimmung übergeben, nachdem es seit 2004 für den gottesdienstlichen Gebrauch geschlossen war. Heute feiern die evangelischen Christen in unregelmäßigen zeitlichen Abständen Gottesdienste in der Kapelle, die für Hochzeiten und Taufen zu einem Lieblingsort geworden ist.