Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Psychologin zur Rückkehr des Wolfs: „Die Fakten zu kennen, ist die beste Waffe gegen Ängste“

„Rein nach Faktenlage müsste ich als Spaziergänger mehr Angst vor Wildschweinen haben – aber der Wolf ist der bessere Angstreiz“
»Rein nach Faktenlage müsste ich als Spaziergänger mehr Angst vor Wildschweinen haben – aber der Wolf ist der bessere Angstreiz«, sagt Psychologin Lisa Mühlhan.

Dass ein Wolf im Landkreis unterwegs ist, versetzt manche Menschen in Angst. Psychologin Lisa Mühlhan ordnet das Phänomen ein und erklärt, wie man Phobien begegnen kann.

Zwar ist es momentan ruhiger geworden um den „großen Beutegreifer“ GW4433m, aber die Rückkehr des Wolfs in den Landkreis Kusel hat nicht nur die Tierhalter beschäftigt. Wie Leserbriefe und Kommentare in sogenannten sozialen Medien gezeigt haben, gibt es Menschen, die wirklich Angst vor dem Tier haben. Das geht so weit, dass manche sich sogar alleine oder zu zweit nicht mehr in den Wald trauen und nur noch in unmittelbarer Nähe der Wohnbebauung spazieren gehen – obwohl es dafür rational keinen Grund gibt. Psychotherapeutin Lisa Mühlhan gibt Einblicke ins Thema Angst – und was jeder selbst dagegen tun kann.

Frau Mühlhan, was ist überhaupt Angst?
Angst ist eine der Grundemotionen, die wir alle von Geburt an haben. Und Angst zu haben, ist zunächst einmal völlig normal und notwendig. Diese sogenannte Primäremotion macht uns auf Gefahren und bedrohliche Situationen aufmerksam und ist ein biologisch angelegtes Alarmsignal. Menschen ohne Angstempfinden sterben in der Regel recht früh.

Angst vor etwas zu haben, ist also okay?
Natürlich. Allerdings sollte man darauf achten, dass Ängste nicht außer Kontrolle geraten wie beispielsweise bei einer Panikstörung.

Was passiert da?
Wenn dem Menschen eine Gefahr begegnet, gibt’s im Grunde zwei Optionen: Kampf oder Flucht. Auch wenn die wenigsten von uns im Alltag wirklich gefährliche Situationen erleben, können solche Bereitstellungsreaktionen fürs Angreifen oder Wegrennen stattfinden – ohne reale Bedrohung, manchmal sogar völlig unvermittelt. Das nennen wir dann eine Panikattacke, eine starke körperliche Empfindung, die oft mit Schwitzen, Herzrasen und Schwindel verbunden ist. Wer das zum ersten Mal erlebt, der kann das selten richtig einordnen, zumal die Symptome mitunter einem Herzinfarkt ähneln können.

Wie lange dauert eine solche Panikattacke?
Fünf, zehn, vielleicht mal 15 Minuten. Aber in der Regel nicht länger. Das ist für den Körper sehr anstrengend, er wirft schließlich alle Ressourcen für die Reaktion an die Front. Deshalb fühlt man sich nach einer solchen Attacke sehr erschöpft. Das alles verunsichert viele.

Panikattacken sind ja eine besonders krasse Angststörung. Aber es gibt ja auch Ängste, denen ich durch Vermeidung gezielt aus dem Weg gehen kann.
Das wäre dann eine Phobie. Beispielsweise Ängste vor bestimmten Tieren, vor Höhe oder Spritzen beim Arzt. Solche Phobien sind weit verbreitet. Wie Sie schon sagten, lässt sich damit oft gut leben, wenn Menschen die Angstreize recht gut vermeiden können. Aber wenn es einen Leidensdruck gibt, sollte ich etwas tun. Phobien lassen sich therapeutisch eigentlich sehr gut behandeln.

Wie denn?
Nun, ich kläre zunächst mal ab, für wie wahrscheinlich Menschen etwas halten. Im Falle des Wolfs wäre die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass man einem in freier Wildbahn begegnet? Statistisch gesehen ist das derzeit sehr, sehr unwahrscheinlich. Sich solchen Wahrscheinlichkeiten bewusst zu werden, darin sind Menschen sehr schlecht – und deshalb sind Realitätschecks so wichtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass mich ein Wolf angreift, ist schließlich noch mal geringer ... Rein nach Faktenlage müsste ich als Spaziergänger mehr Angst vor Wildschweinen haben – aber der Wolf ist der bessere Angstreiz.

„Wer sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzen will, muss raus aus seiner Social-Media-Bubble und selbst recherchieren“,
»Wer sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzen will, muss raus aus seiner Social-Media-Bubble und selbst recherchieren«, rät Verhaltenstherapeutin Lisa Mühlhan.

Fakten und Statistiken zu nennen, hilft also schon?
Das kommt darauf an. Ein guter Schritt ist, sich diesen Realitätscheck anzugewöhnen und innerlich abzugleichen: Was ist mein Gefühl, was sind die Fakten? Oft haben sich solche Phobien über Jahre eingeschlichen und chronifiziert. Wenn eine oder sogar mehrere Ängste das Steuer übernehmen, braucht es lange, aus den Denkmustern herauszukommen. Da braucht es viele innerliche Diskussionen und Realitätschecks. Der erste Schritt ist es, Dinge zu hinterfragen.

Es heißt ja immer, dass man sich seinen Ängsten stellen soll ...
Jein. Ohne professionellen Beistand ist das nicht immer hilfreich. Es ist wichtig, angstbesetzte Situationen vernünftig vorzubereiten und gegebenenfalls nachzubesprechen. Dann klappt es auch, die Ängste nach und nach abzubauen.

Woher kommt die Angst vorm Wolf?
Der Wolf wird in kulturellen Erzählungen eher selten positiv dargestellt. Meistens ist er der Bösewicht. Dazu kommt der Konflikt, dass das Tier erst gezielt ausgerottet wurde und jetzt plötzlich wieder da ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sich ungern umgewöhnt. Das macht es uns in neuen Situationen oft zusätzlich schwer. Den Wolf gab es nun mal eben seit weit mehr als 100 Jahren nicht bei uns.

Und für Tierhalter ist er eine reale Gefahr ...
Genau! Viele von ihnen haben enge Verbindungen zu ihren Tieren, gerade hier in der Region mit vielen kleinen und mittleren Betrieben. Die Besitzer sorgen sich zu Recht um ihre Schafe. Dazu kommt, dass man sich in Dörfern untereinander kennt und auch eigentlich unbeteiligte Menschen bei einem Riss geradezu mitleiden, weil sie nah dran sind.

Aber Angriffe auf Menschen sind extrem selten. Im Internet habe ich trotzdem kürzlich gelesen, dass man bei uns die Kinder nun nicht mehr allein zum Bus laufen lassen könnte.
Vielen Menschen ist nicht bewusst, was die aktuelle Forschungslage ist. Gesunde Wölfe haben null Interesse am Menschen, im Gegenteil. Aber der Wolf eignet sich gut für Ängste. Er hat schließlich auch schon Großmütter gefressen – zumindest im Märchen.

Welche Rolle spielen die sogenannten sozialen Medien bei Ängsten, speziell beim Wolf?
Wenn irgendwo Schafe gerissen worden sind, kriege ich das schnell mit. Das wird hundertfach geteilt. Aber was für faszinierende Tiere Wölfe sind und wie sie vielleicht für das Wald- und Wildgefüge Vorteile bringen, das muss ich selbst recherchieren. Also spielt dabei die Verfügbarkeit von Informationen eine große Rolle. Viele Informationsquellen, auch Medien, berichten da nicht ausgewogen.

Wir als Lokalredaktion haben genau das beim Wolf versucht und mit den unterschiedlichsten Menschen gesprochen, die mit dem Thema zu tun haben.
Das glaube ich sofort. Zeitunglesen ist da eine gute Sache, weil Dinge oft ganzheitlich betrachtet werden, aus verschiedenen Perspektiven. Allerdings ...

... ja?
Welche Artikel wurden denn häufiger gelesen oder zumindest angeklickt? Die mit Informationen zum Wolf oder die mit den Wolfsrissen?

Die mit getöteten Schafen und Damtieren.
Genau diese schlechten Nachrichten werden auch öfter geteilt als Texte mit Einordnungen oder Erklärungen. Wer sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzen will, muss raus aus seiner Social-Media-Bubble und selbst recherchieren. Und dabei natürlich darauf achten, wo man sich informiert. Das braucht Zeit und ein gewisses Level an Medienkompetenz.

Jetzt sind wir weit weg vom Wolf und vom Thema Angst ...
Überhaupt nicht! Die Fakten und die Forschungslage zu Themen zu kennen, ist die beste Waffe gegen Ängste. Als Therapeutin kann ich diese Saat bei meinen Patienten pflanzen und hoffen, dass sie aufgeht. Dazu lese ich mich auch schon mal in Themen ein, um in der Therapie sanft widersprechen zu können.

Zur Person

Lisa Mühlhan aus Kaiserslautern ist Verhaltenstherapeutin und hat in Heidelberg studiert. Die 38-Jährige führt seit 2021 eine Psychotherapeutische Praxis in Glan-Münchweiler.

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