Dunzweiler
Neue Nutzung fürs verkaufte Gemeindehaus: Heavy Metal statt Kirchenlieder
„Dauerhaft geschlossen“ vermeldet Google für das Paul-Gerhardt-Haus in der Dunzweilerer Hauptstraße. Die evangelische Kirchengemeinde hat das Gemeindehaus verkauft. In der früheren Wirtschaft mit Tanzsaal und Bühne ist der neue Besitzer schon kräftig am Werkeln.
Sein Fotostudio hatte der Tausendsassa Nicolas Bremm bisher Zuhause in Schönenberg eingerichtet. Das soll zukünftig im Saal viele Möglichkeiten auch für Video-Drehs bieten – anthrazit sind die Wände bereits gestrichen, wo früher nicht nur getanzt, sondern auch geturnt wurde. Die Bühne soll zum Büro werden. Von dort aus werden dann beispielsweise Busse und Equipment an Bands vermietet, die durch Europa touren. Oder es werden Konzerte organisiert. Bremm gehört zum Team des Heavy-Metal-Open-Airs Iron Fest, das dieses Jahr zum vierten Mal stattfinden wird – wie in den beiden Vorjahren am Ohmbachsee.
Webshop-Lager im Keller
Marketing macht der Unternehmer auch, entwickelt Webseiten, vor allem Shop-Lösungen sind sein Metier. Einen eigenen für Rock und Metal betreibt er auch. Für Lager und Versand von M+ hatte er bisher den ehemaligen Bruchmühlbacher Bahnhof angemietet: Regal an Regal, Kiste neben Kiste standen in der ehemaligen Empfangshalle – und werden künftig im Keller des Gemeindehauses untergebracht. Ein Teil ist bereits ausgebaut, erste neue Fenster sind drin, einige Regale stehen.
In den Kisten befinden sich nicht nur T-Shirts oder Schallplatten von Heavy-Metal-Bands, sondern zum Beispiel auch Olivenöl und Limoncello. Die versendet Bremm – mit Hilfe von Aushilfskräften – für Kunden, deren Webshop er betreut. „Boutique Fullfillment“ nennt er das: „Fullfillment“ ist die Auftragsabwicklung für Online-Shops – bei Bremm mit dem gewissen Etwas und ganz individuell edel verpackt, also „Boutique“. „Im Moment passiert noch viel mit Hand und Fuß“, sagt er. Doch die Automatisierung von Prozessen sei geplant.
Neuer Boden für die alte Kneipe
Eine Idee für die neuen Räumlichkeiten: Wie bei einer Art Pop up Store könne dank der kurzen Wege vom Lager in die Halle auch mal hervorgeholt werden, was sonst online verkauft wird. Denn gerne will Bremm Menschen zu sich einladen. Etwa auch jene, mit denen er als ehrenamtlicher Digitallotse arbeitet. Der ehemalige Kneipenbereich biete sich da an. Dort neuen Boden zu verlegen, sei eines der nächsten Projekte.
Noch weiter entfernte Zukunftsmusik ist der mögliche Ausbau des Dachgeschosses. Die Wohnung im ersten Stock bleibe vermietet. Mit Dauerbeschallung mit Heavy Metal müssen die Mieter nicht rechnen, obwohl sich so vieles im Leben von Nikolas Bremm um die Musik mit lauten Gitarren, dröhnendem Schlagzeug und Schreigesang dreht.
Heavy Metal im Gemeindehaus
Es erscheint auf den ersten Blick sehr gegensätzlich, dass nun Heavy-Metal-Merchandise verkauft wird, wo früher die Kirchengemeinde zusammengefunden hat. Aber immerhin fand schon früher einmal eine Umnutzung von der Wirtschaft zum Gemeindehaus statt. Außerdem ist die Liebe zur Musik auch passend für das Haus, das nach einem bedeutenden Kirchenlieddichter benannt worden war.
Paul Gerhardt wirkte im 17. Jahrhundert im heutigen Brandenburg sowie in Berlin. Zahlreiche seiner Lieder sind noch heute in Gesangbüchern zu finden, darunter „Geh aus, mein Herz und suche Freud“, „Ich singe Dir mit Herz und Mund“ und „Ich steh an Deiner Krippen hier“. Er studierte während der Zeit des 30-jährigen Krieges an der Universität von Wittenberg neben Theologie auch Philosophie. Gerhardt war überzeugter Lutheraner. Kriegserlebnisse sowie Pestseuchen beeinflussten sein Wirken. Mit seinen Liedern und Gedichten wollte er Mut und Hoffnung machen.
Kirche hätte Heizung nicht erneuern können
Zwar wurde die heutige evangelische Kirche in Dunzweiler in den Jahren 1840 und 1841 errichtet. Doch gab es einen mittelalterlichen Vorgängerbau, der nach der Reformation im 16. Jahrhundert dann Ende des 17. Jahrhunderts abgerissen worden war – kurz nach dem Ableben von Paul Gerhardt. Ein Pfarrhaus habe es nie gegeben, berichtet Pfarrerin Ilse Gutt-Müller. Sie ist auch für Breitenbach zuständig. Zwar wurde ein Zusammengehen bereits beschlossen, doch sind Breitenbach und Dunzweiler weiterhin zwei eigenständige Kirchengemeinden, erklärt sie. Gutt-Müller geht Ende des Jahres in Pension, dann wird Breitenbach/Dunzweiler wohl Waldmohr angeschlossen.
Als Hauptgrund für die Veräußerung des Gebäudes, das in den 1970er Jahren von der Kirchengemeinde als Gemeindehaus gekauft wurde, nennt Gutt-Müller den sehr desolaten Zustand der Heizungsanlage. Eine neue hätte her gemusst. „Speyer hat empfohlen, so schnell wie möglich zu verkaufen, weil wir das nicht stemmen können.“
Noch keine weiteren Entscheidungen im Dekanat
Sowieso hat die Landeskirche vorgegeben, dass bis 2030 die Gebäudelasten um 30 Prozent reduziert werden sollen. Wie Dekan Thomas Holtmann auf Nachfrage mitteilt, werde dazu in den Kirchengemeinden des Protestantischen Dekanats Homburg beraten, doch seien noch keine abschließenden Entscheidungen getroffen worden, ob und welche Gebäude aufgegeben und gegebenenfalls veräußert werden sollen.