Kreis Kusel Melodien für Frieden und Toleranz
Aus 20 verschiedenen Nationen kamen die Mitglieder des Projektorchesters, das am Freitagabend vor der malerischen Kulisse von Burg Lichtenberg in einem Open-Air-Konzert unter weißen Zelten die Lieder vorstellte, die sie in dem zehntägigen Ethno-Camp, veranstaltet von Jeunesse musicale, gemeinsam erarbeitet haben.
Zahlreiche Besucher von nah und fern, darunter auch Migranten, hatten es sich an Tischen und Bänken im Burghof, aber auch auf Decken auf dem Boden gemütlich gemacht; es herrschte eine Atmosphäre wie bei einem Volksfest, als Moderatorin Kathryn Döhner von der Organisation Jeunesse musicale Musiker und Gäste begrüßte. „Hier machen Laien und Profis zusammen Musik und jeder der Teilnehmer schlüpft sowohl in die Rolle des Lernenden wie auch des Lehrenden“, erläuterte sie das Konzept des Ethno-Camps. „Peer to peer-learning nennt man diese Methode, mit flachen Hierarchien und einem Kontakt auf Augenhöhe. Die Wertschätzung der Differenzen, um die die Politik sich so bemüht, wird hier bei uns praktisch gelebt. Die Musik ist nicht alles, was wir hier teilen – es ist eine Oase für Begegnung und Austausch.“ Zusammen mit dem Australier Kieren Alexander, Suchet Malhotra aus Indien und Gregor Schulenburg hat sie in den vergangenen zehn Tagen die 49 Musiker aus aller Welt im Alter von 16 Jahren bis Ende 40 dabei unterstützt und begleitet, sich gegenseitig Lieder beizubringen, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben – nach Gehör und ohne Noten. Und das Ergebnis konnte sich hören lassen: In einer spannenden, stimmungsvollen Percussion gestaltete eine Gruppe von fünf Musikern aus Deutschland, Indien, Bulgarien, Uganda und dem Iran ein selbst entwickeltes Stück, das sich im Wechsel mit rhythmisierten Vokalisen zu einem immer kunstvolleren rhythmischen Muster entwickelte. Die Trommeln nahmen immer mehr Fahrt auf, Paare tanzten spontan vor der Bühne und winkten auch Freunde und Bekannte nach vorne. Sehr romantisch war das Volkslied „Chula Velha“ aus Portugal, das Jacinta Correia und Geiger André Oliveiro vorstellten, zu der schwungvollen Begleitung des Festivalorchesters. Zu den Höhepunkten des Abends zählte der Auftritt von Mouloud Maameri an der Mandole und Sängerin Ikra Asma Slaim aus Algerien mit dem Folklorelied „Faramtou bik novaassi“, einer sehnsuchtsvollen Ballade im Ethnopop-Stil, deren erzählerischer Charakter urplötzlich in ein lebensfrohes Tanzlied umschlug. Sehr kehlig und emotional war die Stimme der Sängerin auch in dem melodischen syrischen Volkslied „Maj Albahr“, für den Originalton sorgten Mohammed Karzon am Akkordeon und Ahmad Almir mit seiner Oud, einer kleinen, vor allem im vorderasiatischen Raum gebräuchlichen Laute. Vor allem ein sehr virtuoses und ausdrucksvolles Solo auf der Oud faszinierte die Zuhörer. Exotisches Kolorit steuerten auch Razieh Amirian mit der Daf, einer kleinen, aus dem iranisch-zentralasiatischen Raum stammenden Rahmentrommel, und Geiger Alireza Rizmanchian aus Iran mit dem Volkslied „Barun“ bei. Aber auch die Europäer hatten temperamentvolle Lieder im Repertoire, wie unter anderem die Geigerinnen Alva und Engla Marander aus Schweden mit „Efter Flint-Mårten“ zu schwungvoll-stampfenden Polkarhythmen eindrucksvoll bewiesen. Als Hommage an die Gastgeber stand das „Kusellied“ des unvergessenen Kuseler Sängers Fritz Wunderlich auf dem Programm. Aber damit war noch lange nicht Schluss: Nach mehreren Zugaben meinte Kathryn Döhner gut gelaunt: „Das Ethno-Camp 2016 lädt euch alle zum Tanz ein.“ Und viele Besucher folgten dieser Aufforderung nur zu gerne. Für die junge iranische Studentin Razieh Amirian aus Isfahen, die seit drei Jahren in Stuttgart studiert und promoviert, war das Ethno-Camp eine Erfahrung, die sie auf keinen Fall missen möchte: „Die Musik brauche ich für meine Seele, und von diesem Camp habe ich Frieden und Toleranz anderen Kulturen gegenüber gelernt. Der Austausch hier hat mir so viel gegeben – woher jemand kommt, hat hier keine Rolle gespielt.“