Idar-Oberstein RHEINPFALZ Plus Artikel Evangelische Kirche: Von Mitgliederschwund und neuen Strukturen

Der Unterhalt der Offenbacher Abteikirche ist ein Knackpunkt, mit dem sich die Kirchenvertreter beschäftigen werden.
Der Unterhalt der Offenbacher Abteikirche ist ein Knackpunkt, mit dem sich die Kirchenvertreter beschäftigen werden.

Der evangelische Kirchenkreis Obere Nahe wird nach eigenen Berechnungen bis 2030 knapp 23 Prozent seiner Mitglieder verlieren. Der starke Schwund sowie fehlender Pfarrernachwuchs lässt den Ruf nach Strukturveränderungen lauter werden. Mit möglichen Zukunftsszenarien hat sich die Kreissynode befasst.

Stand Dezember 2020 zählt der rheinische Kirchenkreis 34 Kirchengemeinden mit rund 45.290 Mitgliedern von Bosen bis Medard und von Pfeffelbach bis Wickenrodt. Im Kreis Kusel gehören dazu die Kirchengemeinden Burg Lichtenberg, Grumbach-Herren-Sulzbach, Medard-Wiesweiler, Niederalben-Niedereisenbach, Offenbach sowie Pfeffelbach mit insgesamt 5159 Mitgliedern.

Allein von 2019 auf 2020 schrumpften die Mitgliederzahlen in den 34 Gemeinden um bis zu 5,3 Prozent. Ausgerechnet eine kleine Gemeinde aus dem Kreis Kusel, Medard-Wiesweiler, gehörte in diesem Zeitraum zu den überdurchschnittlich starken Verlierern. Während eines Jahres sank die Zahl der Mitglieder von 588 auf 559 – ein Verlust um 4,93 Prozent, der zweithöchste Wert aus der jüngsten Statistik.

Hält der Mitgliederschwund im Kirchenkreis an, rechnet die Kirchenverwaltung in Idar-Oberstein in neun Jahren nur noch mit rund 35.000 Evangelischen. Für den Kirchenkreis stünden dann 13,5 Pfarrstellen – von derzeit 22,75 Stellen – zur Verfügung, verdeutlichte Superintendentin Jutta Walber. „Nach wie vor verlieren wir massiv an Gemeindegliedern und damit auch an Finanzkraft“, sagte Walber. Noch dramatischer sei allerdings, dass der Altersschnitt von Pfarrern, Mitarbeitern und Ehrenamtlichen sehr hoch sei. „Viele werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen, und bisher ist es uns nicht wirklich gelungen, eine Verjüngung einzuleiten“, bedauerte die Superintendentin vor der online abgehaltenen Synode.

Künftig vier bis neun Gemeinden?

Vor diesem Hintergrund waren die 61 teilnehmenden Synodalen zur kreativen Lösungssuche aufgerufen. In acht Gruppen wurden innerhalb von zwei Stunden in einer Art „Planspiel“ mögliche Zukunftsszenarien erarbeitet. „Allen Synodalen war klar, dass wir künftig wesentlich größere Gemeinden als die derzeit üblichen brauchen, um handlungsfähig zu bleiben“, betonte Walber im Nachgang gegenüber der RHEINPFALZ. Am Ende konnten sich sieben Gruppen eine Aufteilung des Kirchenkreises in vier bis neun Gemeinden vorstellen. Um jedem Kirchenmitglied den Zugang zu Verkündigung und Seelsorge zu gewährleisten, soll es in jeder Kirchengemeinde ein gottesdienstliches Zentrum geben.

„Kirche wird anders sein, als wir sie vor der Pandemie gelebt und kennengelernt haben“, sagte Walber. Auch auf dem Land sei sie „in einem viel umfassenderen Maße als den meisten von uns das bewusst ist, nur noch ein Player unter vielen, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit und das Interesse von Menschen zu gewinnen“, fügte die Theologin hinzu.

Gebäudekataster begonnen

Vor diesem Handlungsdruck beauftragte die Synode den Kreissynodalvorstand, bis zur nächsten Zusammenkunft Mitte November Vorschläge für die zukünftige Gemeindestruktur sowie die daraus resultierende Personalplanung zu erarbeiten. Ferner befassten sich die Kirchenvertreter mit einem Gebäudekonzept. Der Umgang mit nicht mehr benötigten kirchlichen Gebäuden soll ebenso in den Blick genommen werden wie eine mögliche Kooperation mit ökumenischen oder kommunalen Partnern. Der Unterhalt der Offenbacher Abteikirche ist so ein Knackpunkt. Immer weniger Kirchenmitglieder können dafür aufkommen.

Ein Gebäudekataster für den Kirchenkreis wurde bereits begonnen. Aktuell gibt es im Kirchenkreis Obere Nahe 61 Kirchen, wovon 47 unter Denkmalschutz stehen. Hinzu kommen 32 Gemeindehäuser, 16 Pfarrhäuser, neun Kitagebäude, acht Wohnhäuser sowie fünf sonstige Gebäude. Im nächsten Schritt sollen fachliche Bewertungen der Substanz inklusive des energetischen Zustandes erfolgen. Dies alles soll in Empfehlungen für die künftige Verwendung fließen. Zudem wird ein Überblick über mögliche Investitionen erstellt. Zur Beurteilung der Gebäude werden Architekturstudenten der Hochschule Rhein-Main eingesetzt.

Jutta Walber
Jutta Walber
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