Kreis Kaiserslautern
Wochenendkolumne: Ausbauen statt aussieben!
Der Altersdurchschnitt bei den Fachärzten, vor allem aber bei den Allgemeinmedizinern ist hoch, erschreckend hoch: Mehr als die Hälfte der Hausärzte in der Westpfalz ist über 60 Jahre alt. In Stadt und Landkreis Kaiserslautern sind es 42 Prozent, wobei zehn Prozent dieser ergrauten Mediziner sogar schon den 70. Geburtstag hinter sich haben.
Eigentlich längst Zeit, um in Rente zu gehen. Doch wer soll sie ersetzen? Potenzielle Nachfolger gerade für Landarztpraxen zu finden, gleicht fast schon der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Denn angesichts der dramatischen Überalterung, die nicht nur hier bei uns zu Tage tritt, werden viel zu wenige junge Ärzte ausgebildet. Diese Handvoll frischgebackener Mediziner hat nach der Ausbildung die freie Auswahl, wo sie sich niederlässt – und die allerwenigstens entscheiden sich eben für eine Praxis auf dem flachen Land.
Um dieses Problem zu lösen und die Versorgung in den Dörfern auch mittel- und langfristig sicherzustellen, bräuchte es in Rheinland-Pfalz (und andernorts) schnellstens deutlich mehr Studienplätze für Medizinstudenten. Doch statt auszubauen, wird ausgesiebt: Ein Numerus clausus von 1,0 türmt sich beim Run auf die wenigen Studienplätze für viele junge, medizininteressierte Menschen als unüberwindbare Hürde auf.
Soziale Kompetenz wichtiger als Bestnoten
Diese rigorose Zulassungsbeschränkung sollte dringend überdacht werden, auch aus anderen Gründen: Wenn ich einen Arzt brauche, ist es mir herzlich egal, ob der Mediziner einst in seinem Abschlusszeugnis mit einem Einser-Abi glänzen konnte. Viel wichtiger ist mir, wie der Arzt mit mir umgeht. Natürlich muss ein Medizinstudent den nötigen Intellekt haben, um die komplizierte Materie zu erlernen. Aber braucht es dafür unbedingt Bestnoten? Gibt es nicht ganz andere Kriterien, die gerade für einen guten Mediziner ausschlaggebend sind oder zumindest sein sollten? Ich denke da an die so genannten Soft Skills, wie man Neudeutsch sagt: beispielsweise Empathie und Mitgefühl, echtes Interesse am Gegenüber, die Geduld, anderen zuzuhören – kurz: ausgeprägte soziale Kompetenz! Ganz ehrlich, ist das die Eigenschaft, die Ihnen als erstes in den Sinn kommt, wenn Sie an die schulischen Überflieger Ihrer eigenen Schulzeit zurückdenken?
Dass es bei genügend Studienplätzen auch ohne den berüchtigten Numerus clausus geht, zeigt das Ausland – etwa Ungarn. An der Universität Pécs sitzen schon jetzt viele deutschsprachige Studenten im Hörsaal. Ab dem Wintersemester sollen jährlich bis zu 16 junge Menschen aus der Westpfalz dazukommen und nach ihrem Abschluss dem Ärztemangel in unserer Region entgegenwirken. Das ist die Idee des gemeinnützigen Vereins „Ärzte für die Westpfalz“, der sich diese Woche gegründet hat. Dahinter stecken acht Gebietskörperschaften, darunter auch die Stadt und der Landkreis Kaiserslautern, die gemeinsam dem drohenden Mangel an Medizinern in ihrem Bereich etwas entgegensetzen wollen. Um die Besetzung der Praxen auch künftig sicherzustellen, übernehmen sie für die angehenden Mediziner die in Ungarn anfallenden Studiengebühren – und die sind happig: 1600 Euro werden pro Semester fällig. Bei zwölf Semestern Regelstudienzeit sind das pro Student insgesamt immerhin um die 20.000 Euro. Doch dieses Geld ist gut investiert, denn die jungen Leute verpflichten sich im Gegenzug, nach Abschluss ihrer Ausbildung mindestens drei bis fünf Jahre in der Westpfalz als Arzt oder Ärztin tätig zu sein. Und da die jungen Mediziner aus der Region stammen (so zumindest der Plan), stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie dieser auch nach ihrer verpflichtenden Phase treu bleiben könnten.
Land und Bund in der Verantwortung
Das Interesse an einem Studium in Pécs ist offenbar hoch, wie die Anmeldezahlen zeigen. Daher ist diese interkommunale Eigeninitiative auf jeden Fall der richtige Ansatz, um das Problem zumindest mal anzugehen und nicht weiter zu verschlafen.
Grundsätzlich stellt sich aber bei allem Pragmatismus doch die Frage: Warum müssen die Kommunen (!) in Ungarn (!) Studienplätze finanzieren, um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum in Deutschland (!) sicherzustellen? Wo bleibt hier die Verantwortung von Land und Bund, die dem Wahlvolk ja immer wieder gleichwertige (!) Lebensbedingungen in Stadt und Land versprechen? Wenn Linkenpolitiker Alexander Ulrich dies einen Offenbarungseid nennt, kann ich ihm nicht widersprechen.