Kreis Germersheim
Helme schützen Radfahrer bei Stürzen
Bei einem Zusammenstoß mit einem Auto wurde kürzlich ein Pedelec-Fahrer in einer Dorfmitte so schwer verletzt, dass er in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Pedelecs sind Fahrräder mit elektrischer Unterstützung, die 25 Kilometer schnell sein können. Nach Polizeiangaben war der Senior an einem Nachmittag mit seinem Pedelec unterwegs und überfuhr an einer Straßenkreuzung ein Stoppschild. Dadurch stieß er mit einem Auto zusammen, das Vorfahrt hatte. Der Radfahrer stürzte und zog sich trotz eines Fahrradhelmes eine Platzwunde am Kopf zu und darüber hinaus Schürfwunden an den Armen.
Der Unfall ist kein Einzelfall, wie die Verkehrsunfallstatistik 2020 aufzeigt. Verunglückt war auch ein S-Pedelec-Fahrer (das Rad erreicht eine Geschwindigkeit bis zu 45 Stundenkilometer), der von Westheim kommend in Bellheim am Kreisel Postgrabenstraße stürzte. „Es war eigentlich ein schöner Tag, die Straße war etwas feucht“, erinnert sich Martin Moritz an den Sonntag am Juli. Es sei letztlich zwar ein Unfall wegen „für die Witterung nicht angepasster Geschwindigkeit“ gewesen, doch ist der 40-Jährige überzeugt, dass etwas auf der Straße gewesen sein muss. „Ich sah noch, wie das Vorderrad wegrutschte, dann lag ich auf dem Boden, fiel um wie ein nasser Sack“, sagt der Wasserschutzpolizist heute. Ein Autofahrer habe die Polizei und den Rettungsdienst verständigt. „Je höher die gefahrene Geschwindigkeit, desto wichtiger ist das Tragen eines Fahrradhelms“, sagt Dennis Dobberstein von der Germersheimer Polizei. Es könne nur erahnt werden, was seinem Kollegen passiert wäre, hätte er keinen Helm getragen.
Oft Schädel-Hirnverletzungen
Dr. med. Oliver Schoierer, Chefarzt der Unfallchirurgie in der Germersheimer Asklepios-Südpfalzklinik, spricht sich ganz deutlich für das Tragen eines Fahrradhelmes aus und geht sogar darüber hinaus: „Ein klares und zweifelsfreies Ja für Helmpflicht.“ Patienten, die nach einem Fahrradunfall in die Klinik eingeliefert werden, haben meist Schädel-Hirnverletzungen, die, wenn blutverdünnende Medikamente eingenommen werden, einen schwierigen Verlauf nehmen. Je nach Ausmaß der Verletzung kann die Genesung „Monate dauern“.
Martin Moritz, der S-Pedelec-Fahrer, kam unter anderem mit sieben Rippenbrüchen, Schlüsselbeinbruch und einer Gehirnerschütterung auf die Intensivstation. Er lag fünf Tage im Krankenhaus, davon rund drei auf der Intensivstation. Danach war er bis zur Genesung zwei Monate zuhause. „Noch immer fahre ich Kurven langsamer, habe ein ungutes Gefühl“, sagt Moritz. Das werde vielleicht noch Jahre dauern. Dabei sei es nicht sein erster Sturz mit dem Fahrrad gewesen. Mit dem Rennrad sei er einmal gestürzt und auch da sei der Helm danach zerstört gewesen und er habe eine Gehirnerschütterung davongetragen. Beim S-Pedelec-Fahren sei das Tragen eines Helms sowieso vorgeschrieben, beim Rennrad fahren trage er auch immer Helm – „wie zu 95 Prozent meiner Radfahrten“, sagt der Wasserschutzpolizist.
Chefarzt Oliver Schoierer spricht bei Radunfällen von „Extremitätenverletzungen aller Art“ und Wirbelsäulenverletzungen. Hier „insbesondere Halswirbelsäule, auch mit Halsmarkbeteiligung“, spezifiziert der Unfallchirurg diese Art der Verletzungen. Da viele Senioren zunehmend mit dem Elektrofahrrad mobil seien, gebe es natürlich mehr Verletzungen in dieser Altersgruppe.
Es fahren mehr Leute Rad
Insgesamt gab es vergangenes Jahr im Landkreis Germersheim 215 Unfälle unter Beteiligung von Radfahrern. Während die Zahl der Radunfälle im Bereich der Germersheimer Polizei leicht rückläufig war (von 111 im Jahr 2019 auf 105 vergangenes Jahr), gab es im südlichen Landkreis (PI Wörth) einen Fünf-Jahres-Höchststand mit 110 Unfällen (89 im Jahr 2019). Die Wörther Polizei sieht die Zunahme im geänderten Freizeitverhalten während der Pandemie. Mehr Leute waren mit dem Fahrrad unterwegs. Und die wenigsten Radfahrer trugen bei den Unfällen einen Helm. Von den insgesamt 105 Unfällen im Bereich der PI Germersheim wurde von 23 Radfahrern ein Helm getragen – nicht ganz ein Viertel. 87 Radfahrer verletzten sich bei den Unfällen – leicht (75) oder schwer (12). Von den Schwerverletzten haben fünf einen Fahrradhelm getragen, von den Leichtverletzten 16.
Pedelec-Fahrer waren an 16 der 105 Unfälle beteiligt. Hierbei gab es drei Unfälle mit Schwer- (25 Prozent) und elf Unfälle mit Leichtverletzten. Die jeweils unfallbeteiligten Pedelec-Fahrer hatten lediglich in fünf der insgesamt 16 Verkehrsunfällen einen Schutzhelm angelegt. Auch im Bereich der Wörther Polizei hat die Zahl der Pedelec-Unfälle zugenommen: von 13 im Jahr 2019 auf nun 17 der insgesamt 110 Radfahrunfälle im Jahr 2020. Verletzt wurden 92 der 110 Radler. Die meisten Radfahrunfälle – mit über 80 Prozent – ereignen sich in den Gemeinden und nicht außerhalb.
Studien bestätigen Schutz
Dass Fahrradhelme bei Unfällen schützen wurde durch mehrere Studien bewiesen – eine der neueren Studien stammt aus Baden-Württemberg und aus Thüringen (Sicherheitpotentiale durch Fahrradhelme). Die Autoren kommen zum Schluss, dass „durch das Tragen von Fahrradhelmen zwischen 20 Prozent der Kopfverletzungen bei Leichtverletzten bis zu über 80 Prozent der Kopfverletzungen bei besonders Schwerverletzten vermieden“ werden. In dieser Studie wurde erstmals die Wirksamkeit des Helmes bei Kopfverletzungen differenzierter in Abhängigkeit der Verletzungsschwere berechnet. Forscher in den USA sind in Studien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Das Tragen eines Radhelmes vermindert „das Risiko von Kopfverletzungen um 58 Prozent und das Risiko getötet zu werden um 59 Prozent“. Ebenfalls wird durch das Helmtragen „das Risiko einer Kraniotomie (öffnen des Schädels zum Freilegen des Gehirns) und von Frakturen des Gesichtsschädels um 26 Prozent“ reduziert, schreibt die Koordinierungs- und Entwicklungsstelle Verkehrsunfallprävention des Landeskriminalamts Baden-Württemberg.
An 40 der insgesamt 105 Unfälle sind die Radfahrer selbst schuld, haben diese ohne Beteiligung einer anderen Person verursacht, wie beispielsweise beim Absteigen hängengeblieben geblieben oder mit dem Vorderrad an den Bordstein gekommen sowie ähnliches, sagt Dennis Dobberstein. Doch am häufigsten ereignen sich Unfälle, „an denen zwei Fahrräder beteiligt sind – nämlich 42“. Das klassische Auto gegen Fahrrad mache also die wenigsten Unfälle aus. Dann seien bei acht Unfällen Alkohol im Spiel gewesen und bei 30 sei die Geschwindigkeit nicht den Verhältnissen angepasst gewesen – wie beispielsweise beim S-Pedelec-Fahrer, der in Bellheim stürzte. 21 Radunfälle ereigneten sich 2020 auf Radwegen, davon 17 in Germersheim.