Unruhestand RHEINPFALZ Plus Artikel Engagiert in der Flüchtlingshilfe

Reinhold Hartweg.
Reinhold Hartweg.

„Eigentlich mache ich die Arbeit gerne, obwohl ich manche Tage unter Vollgas angehen muss.“ So bilanziert Reinhold Hartweg im RHEINPFALZ-Gespräch seine Arbeit bei der Bürgerinitiative Flüchtlingshilfe, für die er 15 bis 20 Stunden bei der Betreuung von Flüchtlingen wöchentlich aufwendet. Besonders intensiv kümmert er sich um die Belange einer Mutter mit zwei Kindern aus Eritrea.

Hartweg (69) hat in Landau fürs Lehramt an Grund- und Hauptschulen studiert. Fünf Jahre lang unterrichtete er an Grundschulen in Leimersheim und Bad Kreuznach, bevor er an die Eduard-Orth-Grundschule in Germersheim wechselte; dort blieb er 29 Jahre bis zu seiner Pensionierung 2017. Da er hauptsächlich in Klassen mit überwiegend ausländischen Kindern unterrichtete, hat er keinerlei Hemmschwellen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund.

Während der Flüchtlingskrise hat Hartweg „das ganze Elend“ verfolgt und sich entschlossen, „da mach ich auch mit“. Als bald darauf die ersten Flüchtlinge in Rülzheim eintrafen, war er mit dabei und half mit, diesen „auf die Sprünge zu helfen“. Daraus haben sich Freundschaften entwickelt, die größtenteils auch heute noch bestehen. Bei seinen Bemühungen um die Flüchtlingsfamilien hat Hartweg nie schlechte Erfahrungen gemacht. Alle waren und sind froh, dass ihnen geholfen wird, besonders bei der Überwindung der vielen bürokratischen Hürden: vor allem das Ausfüllen von Formularen sowie der Kontakt zu Behörden, Schulen, Vermietern und zum Jobcenter. Dem Vorwurf, dass Flüchtlinge nicht arbeiten wollen, widerspricht er entschieden.

Familie aus Eritrea braucht Hilfe

Ab Oktober 2015 betreute Hartweg eine Familie aus Syrien mit sechs Kindern, dann, ab 2017, eine mit drei Kindern. Seit 2018 kümmert er sich sehr intensiv um eine Frau mit zwei Kindern (8 und 14 Jahre) aus Eritrea. Diese waren 2011 aus ihrem Heimatland geflohen und lebten bis 2017 in Israel, wo der Ehemann, der nicht ausreisen darf, heute noch lebt. 2017 erfolgte über Rumänien die Weiterreise nach Deutschland. Im September 2020 wurden sie aufgefordert, binnen drei Wochen nach Rumänien auszureisen, wo sie erstmals europäischen Boden betreten hatten. Hartweg schaltete sofort die Härtefallkommission ein mit der Bitte, die Abschiebung auszusetzen. Nach langem Hin und Her geschah dies im März. Die Frau arbeitet nun im Rülzheimer Seniorenheim, der Sohn besucht die Grundschule in Rülzheim und die Tochter die Realschule in Bellheim. Aktuell steht die Beschaffung von Pässen an, weil sie durch ihre Flucht alles zurücklassen mussten. Dafür war er mit der Ehefrau auch beim eritreischen Konsulat in Frankfurt. Die Familie wohnt aktuell noch in einer von der Gemeinde Rülzheim zur Verfügung gestellten Wohnung, sucht aber eine neue Bleibe.

15 bis 20 Stunden wöchentlich kümmert sich Reinhold Hartweg um Flüchtlinge in der Region. Doch trotz dieser zeitlichen Belastung macht er die Arbeit gerne, bringt sie ihm doch viel. Er hat engen Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern, „die teilweise Unsägliches erlebt haben“, lernt deren Kultur kennen und lernt auch viel über diese Länder selbst. Als Nachteil sieht er an, „dass zuhause viel liegen bleibt“. Besonders froh ist er über das Verständnis seiner Familie und dass „die häusliche Balance“ immer stimmt.

Zahlreiche weitere Hobbys

Doch die Flüchtlingshilfe ist nicht Hartwegs einziges Hobby. So ist er seit bereits 20 Jahren Vorsitzender des Naturschutzvereins und pflegt unter anderem die über 200 Nistkästen im Wald. Auch versorgt er immer wieder verletzte Vögel, die ihm Menschen aus der ganzen Südpfalz bringen. Nicht alle kann er wieder „aufpäppeln“ und in die Freiheit entlassen. Seit 2019 engagiert er sich in der Gruppe „Natürlich Rülzheim“ und sitzt für die Grünen im Umweltausschuss der Gemeinde. Einen Ausgleich für seine vielfältigen und zeitraubenden Hobbys findet er beim Radfahren, wobei er jährlich mehrere tausend Kilometer, auch bei Mehrtagestouren, zurücklegt. Gespannt ist er, „wie es ist, wenn ich das Gaspedal nicht mehr so tief durchtrete wie bisher“.

Die Serie

Der Lebensabschnitt nach den Berufsjahren bietet viele Möglichkeiten. Manche freuen sich, mehr Zeit für Familie, Hobbys oder Reisen zu haben. Anderen fällt es schwer, ihr früheres Leben loszulassen. Uns interessieren Ihre Geschichten. Engagieren Sie sich gesellschaftlich? Oder kennen Sie jemanden, der als Rentner etwas Außergewöhnliches gewagt hat? Melden Sie sich bei uns unter Telefon 06341 281-180 oder per E-Mail an redlan@rheinpfalz.de.

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