Wörth / Germersheim / Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Protest: Schweigemärsche durch drei Innenstädte

In Germersheim fanden sich auf dem Nardiniplatz zunächst zirka 70 Menschen ein. Am Paradeplatz waren es dann über 100 Teilnehmer
In Germersheim fanden sich auf dem Nardiniplatz zunächst zirka 70 Menschen ein. Am Paradeplatz waren es dann über 100 Teilnehmer.

Stiller Protest: Auf „Spaziergängen“ sind Menschen in drei Städten im Landkreis gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gegangen. Die RHEINPFALZ hat sich vor Ort ein Bild von der Atmosphäre gemacht und Teilnehmer nach ihren Beweggründen befragt.

In den sozialen Medien wird für den Montagabend zu „Spaziergängen“ aufgerufen. Dahinter stecken die „Freien Pfälzer“. Sie wenden sich gegen die von den Regierungen der Länder und des Bundes beschlossenen Corona-Schutzmaßnahmen. Drei der Treffpunkte befinden sich im Landkreis Germersheim.

Der erste ist um 18 Uhr in Wörth. Dort laufen zwischen 40 und 50 Menschen entlang der Ludwigsstraße zum Karl-Josef-Stöffler-Platz. Dabei tragen einige Teilnehmer Kerzen, teils als Windlicht. Am Ende werden es laut Zählung der Polizei 60 bis 70 Menschen gewesen sein, die sich zirka eine Stunde lang auf den Weg durch die Stadt machen. Es gibt einige Beobachter, auch Bürgermeister Dennis Nitsche machte sich ein Bild vor Ort. Die Stimmung ist ruhig und friedlich. Plakate oder Transparente sind nicht zu sehen.

„Wir gehen doch nur spazieren“

Ein Teilnehmer weist darauf hin, dass es keine Demonstration sei, sondern ein Spaziergang: „Haben Sie jemanden demonstrieren sehen?“ Als Grund für den auffälligen Spaziergang nennt er die frische Luft. Auch wolle er darauf aufmerksam machen, dass die Meinung von Minderheiten in Deutschland nicht gehört werden würde, erklärte er. Details nennt er jedoch nicht.

„Wir machen nur einen Spaziergang, aber wir sind gegen Hass und Unwahrheiten“, heißt es an anderer Stelle. Die Äußerungen sind stets ähnlich: „Wir sind für unsere Freiheit, gegen die Unwahrheiten, gegen die Spaltung der Deutschen.“ Auf die Bitte an einen Teilnehmer, doch eine Maske aufzusetzen, entgegnet dieser: „Dann sage ich gar nichts, wenn Sie zu denen gehören.“ Ein anderer Teilnehmer sagt auf die Frage nach der Impfpflicht, man müsse auch auf das Volk hören und ihm seine Freiheiten lassen.

Nardini-Platz ist voller Menschen

Um 18.30 Uhr füllt sich der Nardini-Platz in Germersheim. Immer mehr kleine Grüppchen stehen locker herum. Das ist ungewöhnlich für einen Montagabend in der Festungsstadt. Auf den Parkplätzen finden sich Fahrzeuge mit Kennzeichen aus anderen Landkreisen. Die Gespräche verlaufen gedämpft. Eine Gemeinsamkeit: Niemand trägt Maske. Das ist unter freiem Himmel zwar nicht vorgeschrieben. Aber auch als es auf dem Weg durch die Stadt später manchmal ziemlich eng zugeht, zieht niemand eine Maske auf.

Es sind alle Generationen vertreten, auch Familien mit Kindern sind darunter, die in Thermoskannen warme Getränke mitgebracht haben. Einige wenige haben Teelichter dabei, vereinzelt sind auch Grablichter zu sehen. Für ein angeblich zufälliges Zusammentreffen führt der Weg der „Spaziergänger“ auffällig koordiniert durch die Innenstadt, über den Königsplatz zum Paradeplatz und über eine lange Schleife wieder zurück. Keiner biegt aus Versehen falsch ab, jeder weiß, wo er hin muss. Auffällig unauffällige Streckenposten stehen an Kreuzungen.

Zufällig kennen alle den Weg

Aus etwa 70 Menschen zu Beginn werden schließlich über 150, die sich leise ihren Weg bahnen. Inzwischen sind es keine lockeren Gruppen mehr, es ist ein Zug, der durch die Straßen geht und durchaus eine beklemmende Atmosphäre hinterlässt. Das Geschehen wird gut dokumentiert: Einzelne fotografieren oder filmen, immer wieder, an den unterschiedlichen Stationen. Manche Spaziergänger tragen gut sichtbare Warnwesten. Nach etwa einer Stunde trennen sich die Wege wieder. Es gab keine Vorfälle, Plakate oder Parolen.

Auch in Kandel ist ein Treffpunkt. Montagabend, kurz nach 18 Uhr. Seit Einbruch der Dunkelheit „leuchtet“ es wieder in der Bienwaldstadt. Die weihnachtliche Illumination an vielen Geschäften und öffentlichen Gebäuden ist eingeschaltet. Die Geschäfte in der Hauptstraße und in den angrenzenden Passagen schließen nach und nach. Nur der Imbisswagen vor dem alten Rathaus hat noch geöffnet, hält sein Angebot an Speisen und Getränken bereit. Im östlichen Bereich des Marktplatzes stehen zwei große Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr. Die Jugendfeuerwehr hat eine Übung angesetzt, auch die große Drehleiter ist an der Westseite der Stadthalle im Einsatz. Auf dem Plätzl gegenüber stehen einige Personen. Sie scheinen auf etwas zu warten.

Und tatsächlich, kurz vor 19 Uhr, treffen immer mehr Menschen auf dem Platz unter dem St. Georgsturm ein. Einige tragen Kerzen in Gläsern vor sich her, eine Frau hat ein kleines Plakat auf dem Rücken ihrer Jacke befestigt. Also doch. Nicht genau ausmachen lässt sich, wer da alles zusammenkommt. So 100 Menschen dürften es wohl sein, genau gezählt hat sie niemand. Die Polizei, die mit drei Beamten vor Ort ist und sich ein Bild verschafft, greift nicht ein. Auch Michael Gaudier, der Erste Beigeordnete der Stadt, kommt vorbei, ebenso Verbandsbürgermeister Volker Poß. Beide werden angesprochen, auch aufgefordert, doch etwas zu unternehmen, denn die Leute, die da aus allen Richtungen zusammenkommen, tragen weder einen Mund- und Nasenschutz, noch halten sie den Mindestabstand von 1,50 Metern ein.

Schweigender Zug durch die Stadt

Es gibt keine Reden, keine Musik. Schweigend ziehen sie über die Hauptstraße bis zur Verbandsgemeindeverwaltung und kommen dann wieder zurück. Niemand ist als Veranstalter auszumachen, angemeldet und genehmigt ist das Treffen nämlich nicht. „Jetzt waren wir so froh, dass das rechtsradikale Frauenbündnis nicht mehr in Kandel demonstriert“, sagt eine Frau und drückt damit wohl das Gefühl vieler Kandeler Bürger aus. Andere zeigen sich aufgebracht über die Zurückhaltung von Polizei und Ordnungsamt. Vor allem Inge Heimer, Sprecherin der Gruppe „Omas gegen Rechts“, ist erbost darüber, dass die Querdenker nach einem Aufruf der „Freien Pfälzer“ eine Versammlung durchführen konnten und nicht von der Polizei gehindert wurden, durch Kandel zu laufen. Auch die Aussagen von Bürgermeister Poß („Solange sie friedlich sind“) und vom Beigeordneten Gaudier („Wir können ja froh sein, dass es nicht so viele wie andernorts sind“) könnten sie und ihre Mitstreiterinnen überhaupt nicht begreifen. „Wir sind alle fassungslos. Geht gar nicht!“ fasst Inge Heimer ihre Eindrücke der RHEINPFALZ gegenüber zusammen.

Tatsächlich wird keine der drei Veranstaltungen vorab bei der Verwaltung angemeldet. Vertreter des Ordnungsamts und der Polizei sind nach entsprechenden Hinweisen in den sozialen Medien in Wörth, Germersheim und Kandel vor Ort. Sie wollen sich ein Bild davon machen, wie viele Menschen im Kreis an diesen „Spaziergängen“, die nun wohl regelmäßig stattfinden sollen, teilnehmen.

Eine Maskenpflicht gilt nicht. Denn diese ist laut der 29. Corona-Bekämpfungsverordnung nur in geschlossenen Räumen vorgesehen oder dann, wenn sie per Verordnung angeordnet ist. Da sich die Spaziergänge jedoch im Freien abspielen und zunächst nicht als Versammlung eingestuft werden, muss kein Mund-Nasenschutz getragen werden. am Tag danach meldet das Polizeirevier Ludwigshafen, dass bei zwei Personen in Kandel die Identität festgestellt wurde. Da sich eine Person zunächst weigerte, wurde gegen sie eine Ordnungswidrigkeitenanzeige erfasst.

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