Deidesheim
„Gorbi, Gorbi!“
10. November 1990: Als der dunkelgraue Reisebus mit Bundeskanzler Helmut Kohl, dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow und ihren Ehefrauen eintrifft, ist der Beifall der Menschen, die sich auf dem Deidesheimer Marktplatz versammelt haben, riesengroß. Die örtliche Kolping-Kapelle spielt das alte Volkslied „Ein Jäger aus Kurpfalz“, und viele rufen „Gorbi, Gorbi!“.
Dann gehen die beiden Staatsmänner mit ihren Ehefrauen Hannelore und Raissa zum Mittagessen die Treppen hoch in den Deidesheimer Hof. Dort kredenzt Küchenchef Manfred Schwarz ein Vier-Gänge-Menü mit Pfälzer Spezialitäten: Gebackene Griebenwurst auf Apfel-Meerrettich-Gemüse, Saumagen, Leberknödel und Kartäuserklöße auf Vanilleeis. Zu trinken gibt es einen Pfälzer Riesling eines bekannten pfälzischen Weinguts aus dem Geburtsjahr Gorbatschows (1931).
Im Deidesheimer Hof ist noch heute ein Foto von dem Besuch zu sehen, das renommierte Restaurant ist stolz auf seine prominenten Gäste. Und im Deutschen Weinbaumuseum in Mainz-Oppenheim ist die 30 Jahre alte, signierte Menükarte ausgestellt.
Nur eine Stunde fürs Essen
Die RHEINPFALZ berichtete damals in mehreren Artikeln über das private Treffen der Ehepaare Kohl und Gorbatschow in der Pfalz. Auch außerhalb des politischen Geschäfts sei der Zeitplan sehr eng gestrickt gewesen, heißt es da. Nur eine gute Stunde konnten die Vier sich das Essen schmecken lassen, dann ging es weiter. Es scheint aber lecker gewesen zu sein, denn beide Politiker bestellten sich dem Bericht zufolge einen Nachschlag.
In der RHEINPFALZ ist auch zu lesen, dass Kohl noch kurz vor der Abfahrt kaute, was einen Mann zu der Aussage verleitet haben soll: „Man sieht, dass der Mann satt geworden ist.“
Eine weitere Anekdote: Eine Demonstration der sogenannten „Deutschen Gesundheitspartei“ gegen das angeblich ungesunde Menü mit Pfälzer Spezialitäten habe der Alt-Kanzler ziemlich locker genommen: „Mag sein, dass Saumagen nicht den neusten ernährungswissenschaftlichen Gutachten entspricht. Aber er schmeckt.“
Menschen waren sehr nahe dran
Vor Ort war damals auch der langjährige RHEINPFALZ-Redakteur Elmar Hoffmann. Er erinnert sich noch gut an die Geschichte mit der Gesundheitspartei: „Ja, es gab ein kleines Flugzeug mit einem Banner und der Aufschrift: „Gorbi, niet, Saumagen!“ Hoffmann weiter: „In Deidesheim gab es viele Besuche mächtiger Politiker, der von Michail Gorbatschow war der emotionalste. Es war das Jahr der Wiedervereinigung, und das jahrzehntelange Feindbild Sowjetunion war in dieser Form verschwunden.“ Gorbatschow habe den Weg zur Deutschen Einheit freigemacht. Die Menschen seien auf dem Deidesheimer Marktplatz sehr nahe an den Politikern dran gewesen, die Stimmung sei sehr freundlich gewesen.
Noch näher dran war der ehemalige Küchenchef des Deidesheimer Hofs, Manfred Schwarz: „Die beiden Männer haben sich beim Mittagessen das Du angeboten und zugeprostet“, erzählt er. Der Besuch von Gorbatschow sei eines der herausragendsten Ereignisse seines beruflichen Lebens gewesen. An diesem Nachmittag sei in Deidesheim Weltgeschichte geschrieben worden, ein privates Treffen zweier mächtiger Politiker, die die Deutsche Einheit ebneten.
Nachschlag bestellt
Schwarz war damals erst 34 Jahre alt, er erinnert sich gut daran, dass es den Gästen geschmeckt hat. Und er bestätigt, dass die beiden Männer einen Nachschlag bestellt haben. Neben den Ehepaaren Kohl und Gorbatschow wurde auch der 15 bis 20 Menschen umfassende Stab der Politiker verköstigt – natürlich mit Saumagen. Schwarz führt heute übrigens in Kirchheim zusammen mit seiner Frau ein Restaurant mit dem passenden Namen „Schwarz Restaurant“.
Der dunkelgraue Bus mit den Ehepaaren Kohl und Gorbatschow ist lange abgefahren. Doch die Erinnerungen an den Besuch werden in Deidesheim noch lange Zeit wach bleiben.