Karlsruhe Auszeit für Ausbildungsverbund

„Wir haben uns einer nicht ganz einfachen Klientel zugewandt“, sagt Colab-Geschäftsführer Thomas Friedrich. Gemeint sind sozial benachteiligte Jugendliche im Alter zwischen 17 und 25 Jahren, die unter normalen Umständen kaum jemals eine Berufsausbildung erfolgreich absolvieren könnten – schon gar nicht in der Medienbranche. Die Gründe sind unterschiedlich. Mancher der Jugendlichen hat Schwierigkeiten mit der Familie, mancher ein Drogenproblem. „Die üblichen Hilfsangebote erreichen die Betroffenen oft nicht, mit unseren Medienangeboten kommen wir jedoch sehr gut an die jungen Leute ran“, erklärt Friedrich. Bei der Verbundausbildung haben Colab und der Offene Kanal (OK) ihre personellen und materiellen Möglichkeiten und Ressourcen ergänzt. Die Einstiegsqualifizierung etwa haben zwei Teilnehmer in Ludwigshafen gemeistert, ehe sie in Speyer die reguläre Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton beziehungsweise Digital und Print antraten. Während in Speyer zum Beispiel ein Ton-Studio für Hip-Hop-Aufnahmen zur Verfügung steht, bietet der Offene Kanal das komplette Handwerkszeug zum Herstellen qualitativ hochwertiger Fernsehbeiträge. „In den vergangenen Jahren haben diese Auszubildenden an mehreren anspruchsvollen Projekten mitgewirkt, zum Beispiel Theaterproduktionen im Pfalzbau“, berichtet OK-Leiter Wolfgang Ressmann. Theaterintendant Hansgünther Heyme habe die Jugendlichen dabei stets hervorragend eingebunden, ohne im Geringsten auf Niveau zu verzichten. Durch den kulturellen Schwerpunkt des Offenen Kanals habe sich für die Betreffenden zugleich die Tür in die Welt der Kunst geöffnet, zu der sie sonst eher selten Zugang fänden. Als weiteres gelungenes Projekt nennt Ressmann das Format Polizei-TV. „Das Spannende daran war der Perspektivwechsel. Zuvor waren einige unserer Azubis Teil der Polizeiarbeit, beim Drehen haben sie dann mit den Beamten zusammengearbeitet und ihnen geholfen“, sagt er. Und kommt damit auf einen wichtigen Aspekt zu sprechen, den der Offene Kanal nicht leisten kann: die sozialpädagogische Betreuung. „Unsere Zielgruppe hat sich in den letzten Jahren verschärft. Anfangs hatten wir es eher mit schulischen Problemen zu tun. Mittlerweile bestehen die Probleme oft in Drogenmissbrauch und dem Leben in einem Umfeld, das von Gewalt und Kriminalität geprägt ist“, erläutert Thomas Friedrich. Für besonders schwierige Fälle verfügt Colab inzwischen über eine Außenwohngruppe, wo Jugendliche weitab ihres Alltags einen Neustart wagen und rund um die Uhr betreut werden können. „Nicht jeder schafft es, manche stürzen wieder ab. Aber wer die nötige Willenskraft mitbringt, dem kann es mit unserer Unterstützung gelingen“, sagt er. Ressmann ist begeistert von der erfolgreichen Zusammenarbeit. Für die Ausbildungsplätze beim OK gebe es zig Bewerbungen von Abiturienten und Studenten. Ohne Colab hätten die besagten Jugendlichen daher keine Chance auf eine qualifizierte Berufsausbildung gehabt. Und: „Es war keine Ausbildung für die Arbeitslosigkeit. Alle Verbundazubis sind hinterher auf dem ersten Arbeitsmarkt untergekommen“, betont er. Einer vertreibe heute IT-Produkte und sei im Marketing tätig, ein anderer besitze eine kleine Agentur rund um Sport. Ein dritter sei im Sportreportagen-Geschäft erfolgreich. Zu seinen Kunden zähle unter anderem der Bezahlfernsehsender „Sky“. Darüber hinaus hätten alle Seiten von der gemeinsamen Ausbildung profitiert. Das OK-Team etwa habe durch die Colab-Radioprojekte zusätzliches Know-how im Ton erworben. Bleibt die Frage, warum die Zusammenarbeit trotz dieser Erfolge nun endet. Das liege daran, dass sein Geschäftsführerkollege Andreas Scherer aus gesundheitlichen Gründen bei Colab ausgeschieden ist, erklärt Friedrich. „Er war der Kopf unseres Medienbereichs. Wenn man das richtig machen möchte, braucht man jedoch einen zugelassenen Ausbilder. Ein solcher fehlt uns jetzt.“ Mit Medien werde Colab zwar weiterhin arbeiten, könne aber nur noch weniger anspruchsvolle Angebote machen. Die Verbundausbildung mit dem OK funktioniere daher erst mal nicht mehr. „Sollten wir einen geeigneten Nachfolger finden, spricht nichts dagegen, die Kooperation wiederzubeleben“, bekräftigt er. Ausbildungen für sozial benachteiligte junge Menschen werde Colab auch künftig anbieten, nur eben mit dem Fokus auf IT.

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