Kaiserslautern Streik-Kultur

Der französische Festival-Sommer hat dieses Jahr Streik-Theater auf dem Spielplan: Die für gestern programmierten Eröffnungsveranstaltungen des renommierten Theater-Festivals von Avignon sind am Vormittag abgesagt worden. Mit Kleists „Prinz von Homburg“ und dem Ballett „Coup fatal“ sollte die Ära des neuen Festival-Leiters Olivier Py beginnen.
Bislang ist diese Streikbewegung in Deutschland relativ unbeachtet geblieben. Spätestens aber, wenn die deutschen Frankreich-Urlauber sich statt an den im Sommer im ganzen Land sprießenden Festivals zu erfreuen, mit Streik-Theater konfrontiert sehen, werden sie sich fragen: Wer sind sie eigentlich, diese „Intermittents“, die gerade dabei sind, einen Wirtschaftszweig lahm zu legen? Erinnerungen werden wach an den Sommer 2003, als neben Aix-en-Provence auch das wichtigste Theaterfestival Europas, das von Avignon, abgesagt wurde. Jetzt ist es wieder so weit. Unter Intermittents versteht man in Frankreich alle Menschen mit Bühnenberufen, vom Darsteller bis zum Kabelträger, aber auch Fernsehmoderatoren, Kameramänner, Trickfilmer oder Tiertrainer für Kino und TV. Alle arbeiten sie mit Zeitverträgen. Festangestellte mit Tarifverträgen des Öffentlichen Dienstes wie an deutschen Theatern kennt man nicht. Wer innerhalb eines Zeitraums von zehn Monaten 507 Stunden (etwa dreieinhalb Monate) Arbeit aufweisen kann, erhält acht Monate Unterstützung. Die Höhe dieser Beträge: durchschnittlich 1150 Euro monatlich, nach einigen Monaten Wartezeit. Jetzt soll es für die Intermittents weniger Geld geben, auf das sie auch noch länger sollten, sieht eine Reform vor. Die Sonderregelungen für künstlerische Berufe gibt es in Frankreich seit 1936, geschaffen damals, um auf die besonderen Bedürfnisse der Filmgesellschaften einzugehen: ein aufblühender Wirtschaftszweig. Die wachsende Anzahl der Intermittents indes ist heute das Problem. 1984 waren 9060 Antragsteller zu verzeichnen, 2013 bereits 106.000, die einem Bericht des Rechnungshofs zufolge Kosten von einer Milliarde Euro verursachen: ein Viertel des aktuellen Defizits der Arbeitslosenversicherung, verursacht von nur drei Prozent der Arbeitnehmer. Eine Reform der Versicherung wurde im März dieses Jahres von den Sozialpartnern – dem Arbeitgeberverband Medef und drei Gewerkschaften (CFDT, FO und CFTC) – ausgehandelt, ohne Vertreter der künstlerischen Berufe am Verhandlungstisch und auch ohne Zustimmung der mächtigen vierten Gewerkschaft, der CGT du spectacle. Zwar blieb die von den Arbeitgebern geforderte komplette Abschaffung der Sonderregelungen aus, die Bedingungen allerdings wurden verschärft. Die neue Vereinbarung wurde am 1. Juli auch vom französischen Arbeitsminister François Rebsamen unterzeichnet – mit den neuen Regelungen für die Intermittents. Im Herbst soll nun nachverhandelt werden, kündigte Premierminister Valls bereits an. Kulturministerin Aurélie Filippetti blieb in der Debatte lange stumm. Ihre dann erfolgte Solidaritätserklärung mit den Künstlern ändert nichts an deren Wut – und an der Gefahr für die Sommerfestivals.