Interview
Pflegedirektorin des Westpfalz-Klinikums im Interview: „Es ist nicht jeden Tag ,Land unter’“
Frau Bergsträßer, die Corona-Pandemie mit einer enormen Arbeitsbelastung ist vorbei. Ist irgendwann so etwas wie Ruhe eingekehrt?
Natürlich war die Pandemie für alle etwas, das noch nie jemand von uns erlebt hat und von daher auch in Bezug auf unsere Tätigkeit herausfordernd. Aber im Gesundheitswesen ist es immer spannend, weil sich viel bewegt. Ständig gibt es neue Herausforderungen. Jedoch ist die Pflege für ganz viele immer noch ein total schöner Beruf.
Ist „spannend“ einfach die höfliche Umschreibung für extrem arbeitsreich?
Nicht unbedingt. Aus meiner Sicht ist die Pflege ein toller Beruf, für eine Vielzahl an Pflegenden sogar eine Berufung. Wenn man auf die Geschichte der Pflege schaut und auf eine Frau wie Florence Nightingale, die als Begründerin der modernen Krankenpflege gilt, dann gilt das, was sie damals vertrat, heute noch: nämlich der Wunsch, kranken Menschen zu helfen, gepaart damit wissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden. Das ist für die meisten die Motivation, den Beruf zu ergreifen: der Wunsch, jemandem zu helfen und ihn gut zu versorgen. Dabei ist jeder Mensch anders, aber genau das macht den Beruf aus.
Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch schwierige und anstrengende Patienten ...
Ja, das ist manchmal tatsächlich eine Herausforderung. Es ist auch nicht immer klar, wie sich Menschen unter Therapie und Versorgung verhalten. Wir helfen, so gut wir es können. Da reagiert nicht jeder gleich. Aber es gibt eine neue Allensbach-Befragung der Pflegekammer: Danach sagen 75 Prozent der Befragten, dass sie zufrieden sind mit ihrem Beruf, auch wenn ich eine hohe Arbeitsbelastung natürlich nicht verschweigen möchte.
Gilt das auch am Westpfalz-Klinikum? Wie ist die Arbeitsbelastung aktuell in der Pflege?
Ich kann nicht verlässlich sagen, ob es auch bei uns exakt 75 Prozent der Pflegenden sind, die zufrieden sind. Allerdings gehe ich zurzeit einmal pro Woche auf eine Station, um dort mit den Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Ich schaue genau, welche Rückmeldungen ich von der Basis bekomme. Wenn ich mich dort unterhalte, berichten die Leute natürlich schon davon, dass es Hürden im System gibt. Aber am Ende sagen die meisten doch: Ich bin zufrieden und will eigentlich nichts anderes machen. Ich möchte das auch nicht schön reden, unsere Mitarbeiter müssen schon viel arbeiten, leisten auch sehr viel. Es ist nicht jeden Tag ein Spaziergang, aber es ist auch nicht jeden Tag „Land unter“. Nach Corona war bei vielen ein bisschen die Luft raus, das hat man deutlich gemerkt. Es war für uns als Klinikum eine sehr, sehr anstrengenden Zeit. Wir unternehmen als Arbeitgeber allerdings einiges, um gegenzusteuern. Wir haben beispielsweise seit Dezember 2021 sehr erfolgreich unser Flexteam etabliert – mittlerweile an allen vier Standorten.
Wie viele Neueinstellungen haben Sie über das Flexteam erreicht? Und wie viele Stellen in der Pflege sind aktuell am Klinikum vakant?
Wir haben seit Ende 2021 rund 150 Personen alleine für den Standort Kaiserslautern rekrutiert. Es arbeiten zurzeit 52 Vollkräfte im Flexteam in Kaiserslautern. Ein Teil der Pflegenden ist mittlerweile fest auf eine Station gewechselt. Wir akquirieren in der Pflege dauerhaft – gerade in der OP- und Anästhesiepflege suchen wir aktuell Personal. Wir spüren in der Pflege auch eine etwas erhöhte Krankheitsquote seit der Corona-Pandemie, aber wir liegen damit im Bundesdurchschnitt. Was wir zurzeit ausprobieren, ist ein Projekt „Ich schreibe meinen Dienstplan selbst“. Für uns spielt das Thema Arbeitszufriedenheit eine immense Rolle, gerade wenn es darum geht, Fachkräfte zu finden und zu halten. Da spielen Aspekte wie New Work, Work-Life-Balance eine Rolle. Die jungen Leute wollen etwas anderes als die alten Hasen.
Im Flexteam können die Mitarbeiter selbst bestimmen, zu welchen Zeiten sie eingesetzt werden, dafür müssen sie flexibel sein, wenn es um die Station geht. Mit dem Wunschdienstplan geht es in eine ähnliche Richtung. Wie lässt sich das in der Praxis regeln, gerade mit Blick auf Urlaubszeiten oder Ausfälle durch Krankheit?
Ganz klar, am Ende bedeutet Pflege, dass ein Mensch nicht nur zu bestimmten Zeiten, sondern 24 Stunden am Tag betreut und versorgt werden muss. Unsere Mitarbeiter sind schon gefordert. Den Wunschdienstplan testen wir auf sechs Stationen in Kaiserslautern und es hat tatsächlich eine absolut höhere Zufriedenheit zur Folge. In Kusel gibt es das Projekt auch schon, in Kirchheimbolanden und Rockenhausen steht es in den Startlöchern. Wir hängen drei Monate vorher einen leeren Dienstplan aus, dann kann sich jeder eintragen, je nachdem wie viele Dienste er absolvieren muss. Wenn es Überschneidungen gibt, werden sie von der Stationsleitung dokumentiert, der Plan erneut ausgehängt. Dann regelt sich das in vielen Fällen schon. Ansonsten muss die Stationsleitung vermitteln oder bei kurzfristigen Ausfällen noch mal umplanen. Aber die Mitarbeiter haben das Gefühl, dass sie in die Entscheidungen eingebunden werden. Das ist für die Motivation sehr wichtig.
Das Klinikum muss solche neuen Konzepte auch deshalb machen, weil es nur so als Arbeitgeber attraktiv bleibt, oder?
Es zeigt sich auf jeden Fall, dass man mit solchen Dingen am Ende erfolgreich ist. Wir haben auch einen Einspringbonus, für diejenigen, die bereit sind, kurzfristig Dienste zu übernehmen. Finanzielle Anreize sind immer ein probates Mittel, haben aber nach meiner Erfahrung keine langfristige Wirkung. Aber wenn jemand Leistung bringt, auch über das Normale hinaus, muss das ordentlich entlohnt werden. Der Fachkräftemangel und die Suche nach passenden Bewerbern ist etwas, was die ganze Branche beschäftigt. Wir dürfen als Gesundheitsbranche nicht nachlassen, uns zu bewegen und zu schauen, was macht uns attraktiv. Ein wichtiger Punkt ist auf jeden Fall die Berufszufriedenheit. Und in der Pflege gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten, der Beruf ist sehr vielfältig. Das geht über fachliche Spezialisierungen, aber auch die langfristigen Karrierechancen sind großartig, das System ist sehr durchlässig. Dass in der gesamten Republik Pflegepersonal fehlt, ist darüber hinaus etwas, was durch die Demografie einfach vorgegeben ist.
Bewerben sich am Westpfalz-Klinikum überhaupt noch genügend Leute? Und gibt es Unterschiede zwischen der Stadt Kaiserslautern und den Standorten in Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen?
Das ist ein wenig unterschiedlich, je nachdem, welchen Bereich wir uns anschauen. Es arbeiten ja nicht nur auf Station Pflegekräfte: beispielsweise auch in der Endoskopie, im OP, in der Anästhesie. Da merken wir schon, dass wir aktuell im Umfeld des OPs einen größeren Bedarf haben. Auch deshalb haben wir im letzten Jahr eine eigene Schule gegründet und bilden nun Operationstechnische und Anästhesietechnische Assistenten selbst aus. Pauschal kann man nicht sagen, dass es zwischen Stadt und Land einen großen Unterschied gibt. Was wir sagen können ist, dass die Menschen in der Pflege meist regional gebunden sind. Wenn sie aus der Westpfalz kommen, möchten sie in der Regel auch gerne in der Westpfalz arbeiten. Für uns ist es daher ganz wichtig, selbst auszubilden, die eigene Ausbildung zu stärken und Fortbildungsmöglichkeiten bei Interessenten herauszustellen. Wir haben das eigene Weiterbildungszentrum, das ist etwas, worauf wir sehr stolz sind.
Können Sie trotz der finanziell schwierigen Situation des Westpfalz-Klinikums genügend Pflegekräfte einstellen?
Wir haben in der Pflege im Krankenhaus ja das Pflegebudget. Das bedeutet, dass es für alle Kosten, die durch die Pflege am Bett anfallen, momentan eine 100-prozentige Refinanzierung gibt. Wir sind bei der Pflege am Bett zurzeit finanziell nicht eingeschränkt trotz der angespannten Situation am Klinikum. Da können wir in unserem Bereich frei agieren. Wir stellen nach wie vor dreijährig examinierte Pflegefachkräfte ein.
Wie sehr ist das Klinikum auf ausländische Pflegekräfte angewiesen?
Wir haben am Standort Kaiserslautern rund 160 ausländische Pflegekräfte, die in der Anerkennung waren beziehungsweise es noch sind. Es kommen im Jahr etwa 30 dazu. Natürlich kostet das viel Zeit, viel Energie und es ist Aufwand, bis sie alleine am Patienten arbeiten können. Aber das ist es bei Auszubildenden auch. Für uns sind die ausländischen Kolleginnen und Kollegen total wichtig – und im Alltag nicht wegzudenken. Es ist für uns eine Möglichkeit, aktiv Fachkräftesicherung zu betreiben, da müssen wir alle Register ziehen. Es reicht nicht aus, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.
