Kaiserslautern
Neuer Schwung an Friedenskirche
Für die Friedenskirchengemeinde findet eine Akzentbetonung statt, wie Pfarrer Tilman Grabinski es formuliert. Wie am Sonntag dort erlebt, bringen neue Akteure frische Ideen mit und bewirken eine Öffnung zu anderen Stilrichtungen. Dass mit einem Generationenwechsel eines jungen, ins Amt eingeführten Chorleiters keine Wertung verbunden ist, macht das Folgegespräch mit dem seit drei Jahren dort wirkenden Pfarrer jedoch ebenso deutlich. Er würdigt zunächst die ausgeklungene Ära und damit die Verdienste der Familie Sitzmann, die hier Großartiges geleistet habe und sich ebenfalls im Jahr 2009 an einen Wendepunkt befand.
Damals befreite die Familie die Gemeinde aus der Notlage ohne Organist ad hoc Aushilfen engagieren zu müssen. Helmut Sitzmann, als Professor eigentlich im Fachbereich Chemie eine Koryphäe, bestätigte dies auch als ständiger Organist der Gemeinde. Es war ein weiterer Glücksfall, dass zudem mit dessen Ehefrau Jaemie eine examinierte Pianistin und Chorleiterin hier einen Kirchenchor gründete und damit der Aufschwung der Kirchenmusik eingeleitet wurde. Zwei hochbegabte Söhne brachten sich zudem bei vielen kammermusikalischen Aufführungen ein: Christian ist heute selbst Geigenprofessor in Seoul und sein Bruder, ein Cellist, ist mittlerweile als Theologe in Heidelberg und Jerusalem tätig. Als Trio AGAPE umrahmten die Brüder zusammen mit der Mutter am Konzertflügel der Friedenskirche viele Aufführungen und herausragende Festgottesdienste.
Handglocken läuten neue Ära ein
Für solche Vorhaben spendete die Familie Sitzmann einen Konzertflügel, und 2013 wurde durch diese Familie, genauer durch die Mutter, ein weiterer denkwürdiger Meilenstein gelegt. Sie gründete ein Chimebellenensemble, das sie im Studium in Korea kennen und lieben lernte: das Spiel mit Handglocken. Die Kirchengemeinde kaufte einige dieser Instrumente, und 2013 erklangen diese erstmals im Ensemble beim Gottesdienst. Chorglockenspiel oder Chorglöckchen läuteten wahrlich eine neue Ära der Musik in dieser Kirche ein.
Eine kosmopolitische Öffnung gelang dann mit der von Sitzmanns initiierten und organisierten Konzertreise des Chors nach Südkorea 2012, und in der Folge gastierten im Kulturaustausch mehrfach koreanische Chöre hier. Diese ließen immer wieder durch ihre hohe künstlerische Reife aufhorchen.
Auf zu neuen Ufern
Am Sonntag wurde jetzt von Bezirkskantorin Beate Stinski-Bergmann und Pfarrer Tilman Grabinski der neue Chorleiter Philip Valentin Schreyer eingeführt. Die Konzeption des musikalischen Gottesdienstes deutete schon den Umbruch an. Aufbruchstimmung im Lockdown?
Pfarrer Grabinski klärt auf: Der zuletzt an der Friedenskirche wirkende Vikar Daniel Götzfried initiierte Familiengottesdienste, formierte aus Gemeindemitgliedern Vokal- und Instrumentalensembles, intensivierte die Jugendarbeit und gab den Anstoß, auf eigene Kräfte anstelle von Aushilfen zu setzen. Mit der auch an der Stiftskirche wirkenden Musikpädagogin Claudia Botzner setzt sich eine weitere bewährte Fachkraft für die Bandbetreuung ein, die sich zunehmend etablierte: Botzner leitet, arrangiert und probt, schafft die Voraussetzungen, dass eine gemischte, kunterbunt zusammengewürfelte Formation aus klassischen Bandinstrumenten der Rhythmusgruppe (Schlagzeug, Keyboard, Bass) von Saxophon, Trompete und sogar von Geige ergänzt werden kann. Dazu fanden sich verschiedene Vokalisten ein. So war die Basis bereitet, um zusammen mit dem Chor auch Pop und alternative Musikstile mit geistlichen Textinhalten aufzuführen. Für die Bewahrung des klassischen Erbes an der Friedenskirche soll demnächst der Erfenbacher Organist und Orgelprofessor Torsten Laux stehen, der nach Darstellung Grabinskis ab Januar 2022 auch regelmäßige Orgelkonzerte plane.
Kooperation ist Trumpf
Der neue Chorleiter Schreyer gibt seinerseits zu bedenken, dass der Kirchenchor derzeit nur aus elf Vokalisten (von ehemals 20) besteht und das Bassregister gar nicht besetzt sei. Zudem hätten die Kirchenchöre seit der Coronakrise kaum geprobt; der der Friedenskirche hätte aber immerhin für die gestreamten Gottesdienste (was hohe Einschaltquoten und somit starke Außenwirkung habe) als Ersatz für die Gemeinde gesungen. An dieser Stelle: Während, so Schreyer, der Gemeindegesang bei Gottesdiensten verboten war, durfte aber der Kirchenchor singen und nutzte dies zur Profilierung.
Schreyer bearbeitet ebenfalls für diese Minimalbesetzung und nutzt auch zweistimmige Motetten bis zu eigenen Arrangements. Wie Pfarrer Grabinski, so setzt auch Schreyer auf ökumenische Kooperation mit der katholischen Nachbargemeinde St. Theresia, was auch der Chorarbeit zugute kommen könnte. Prinzipiell strebe er die Öffnung nach verschiedenen Facetten des Chorgesangs von Taizé-Gesängen über Klassik bis zu den verjazzten Fassungen neuer Chorliteratur an und suche die Zusammenarbeit mit Band und Organist, derzeit sei allerdings noch eine Art Festigung und Grundlagenvermittlung gefordert. Philip Schreyer absolvierte Bischöflich Kirchenmusikalischen Institut (BKI) eine Ausbildung zum C-Kirchenmusiker, versah schon etliche Orgeldienste – etwa in St. Martin – und war als Chorleiter beim katholischen Kirchenchor Morlautern tätig. Ansonsten studiert er Technophysik an der TU.