Landstuhl / Steinwenden RHEINPFALZ Plus Artikel Namensgeber von Straßen unter Nazi-Verdacht

Namenspate eines Mondkraters: Astronom Philipp Fauth vor seiner Sternwarte auf dem Kirchberg bei Landstuhl.
Namenspate eines Mondkraters: Astronom Philipp Fauth vor seiner Sternwarte auf dem Kirchberg bei Landstuhl.

83 Jahre nach seinem Tod herrscht in Bad Dürkheim Streit um die Frage, ob eine Straße den Namen des Astronomen und Nazi-Parteigängers Philipp Fauth tragen kann. In Landstuhl, wo es ebenfalls eine Philipp-Fauth-Straße gibt, geht man gelassener damit um. Derweil wird der Steinwendener Kirchenpräsident und Straßennamenspate Hans Stempel vom Verdacht der Nazi-Nähe entlastet.

Der Stadtrat von Bad Dürkheim hat im vergangenen Frühjahr die Umbenennung einer nach Philipp Fauth benannten Straße beschlossen. Jetzt soll Ende September dazu ein Bürgerentscheid stattfinden. Der 1941 verstorbene Lehrer und Himmelskundler, nach dem ein Krater auf dem Mond benannt ist, kam in der Kurstadt zur Welt und betrieb Sternwarten in Kaiserslautern und Landstuhl, später auch in Grünwald bei München. Er ging nach den 1923er-Unruhen von der Westpfalz nach Bayern.

Mehrere Städte haben eine Straße nach dem Wissenschaftler benannt. In Landstuhl erinnern zudem ein Findling und eine Plakette an die Zeit, die er hier als Lehrer verbrachte. Fauths Nachruhm als Kartograf des Weltalls beruht außerdem auf einem (postum veröffentlichten) „Mond-Atlas“ und seinem Eintreten für die inzwischen widerlegte „Welteislehre“, nach der die meisten Körper des Weltalls aus Eis oder Metall bestehen sollen.

„Nähe zum Nazi-Regime“

Im Dritten Reich verkaufte der Pfälzer seine Sternwarte in Grünwald ans „Deutsche Ahnenerbe“, eine Forschungsgemeinschaft der Nazis. Seinen Professorentitel verdankte er dem SS-Chef Himmler. Politische Äußerungen von ihm sind nicht überliefert. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer anderen Parteiorganisation wird zwar vermutet, lässt sich aber nicht nachweisen.

Fauths Nähe zur SS und ihrem „Deutschen Ahnenerbe“ steht dagegen unbestreitbar fest. In Bad Dürkheim wird deshalb schon seit Jahren darum gestritten, ob die dortige Philipp-Fauth-Straße angesichts seiner „Nähe zum NS-Regime“ unbenannt werden soll. Im vorigen März hat der Stadtrat eine Namensänderung beschlossen, am 24. September folgt ein Bürgerentscheid übers umstrittene Votum.

Der Himmel, die Sterne und der Führer

Während in Dürkheim weiterhin heftig debattiert wird, regt sich in Landstuhl und Kaiserslautern niemand über Fauths Namenspatenschaft für eine Straße auf. In Steinwenden – dem Geburtsort des Pfarrers und Straßennamensgebers Hans Stempel – erfuhr der Ortsbürgermeister vor drei Jahren sogar erst durch eine RHEINPFALZ-Anfrage von den Vorderpfälzer Streitigkeiten um dessen vermeintliche Verstrickung ins Nazi-Milieu.

Ein neues Buch könnte den früheren Präsidenten der Pfälzischen Landeskirche, der 1894 in der Bruchgemeinde zur Welt kam, vom Zwielicht befreien. Geschrieben wurde es vom englischen Rechts- und Kirchenhistoriker Nicholas John Williams. 2018 hatte die Evangelische Akademie der Pfalz ein Forschungsprojekt zu Stempels Rolle im Dritten Reich initiiert.

„Stille Hilfe“ für verurteilte Mörder?

Der kürzlich verstorbene Historiker Roland Paul, der gleichfalls aus Steinwenden kam und zeitlebens die Geschichte der Judenverfolgung dokumentiert hat, schreibt über seinen Landsmann, Stempel habe zwar „zu Beginn der NS-Zeit eine gewisse Faszination für den nationalsozialistischen Aufbruch“ gehegt. Sehr bald jedoch sei er zur Bekennenden Kirche und Pfälzischen Pfarrbruderschaft gestoßen, die während der Diktatur für die Freiheit des Evangeliums eintraten.

Nach dem Krieg wurde der Pfarrer zum Kirchenpräsidenten gewählt und behielt dieses Amt bis 1964. Zugleich engagierte er sich in der Organisation „Stille Hilfe“, die Kriegsgefangene in Internierungslagern unterstützte. Weil dies rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher einschloss, wird der Verein von seinen Gegnern als eine Art Gefangenenseelsorge für Nazis, Massen- und Völkermörder kritisiert.

Kriegsgefangene und Kriegsverbrecher

Hans Stempel agierte im Geheimen, aber mit offizieller Order als „Beauftragter der Evangelischen Kirche für die Seelsorge an deutschen Kriegsverurteilten in ausländischem Gewahrsam“. In der „Stillen Hilfe“ mischten eine Himmler-Tochter und die Frau von Rudolf Heß mit. Unterstützung erhielten unter anderem Klaus Barbie, der „Schlächter von Lyon“, der als „Henker von Buchenwald“ verschriene SS-Scherge Martin Sommer und Hans Hüttig, der sadistische Kommandant des elsässischen KZ Struthof, der nach seiner Haftentlassung an der Weinstraße lebte. In Struthof hatte der mit Stempel befreundete Arzt Otto Bickenbach nachweislich über 50 Sinti und Roma bei Giftgasversuchen getötet.

Die Verurteilung dieser Männer sah die „Stille Hilfe“ als „Siegerjustiz“. Zudem stellte sie die inhaftierten Kriegsverbrecher als schuldlose Opfer dar. Die Kirchen zogen sich Ende der 1950er Jahre aus der „Stillen Hilfe“ zurück. Im 2013 erschienenen Buch „Landau und der Nationalsozialismus“ ist nachzulesen, dass Hans Stempel förderndes Mitglied der SS und in sechs weiteren Nazi-Organisationen war, nicht jedoch in der NSDAP. Seine Verflechtung mit der Hitler-Partei hatte der Publizist Ernst Klee bereits 1992 in der „Zeit“ und später in seinem grundlegenden „Personen-Lexikon zum Dritten Reich“ aufgezeigt.

„Das Schild muss weg!“

Seit 2015 stellt der pensionierte Jurist Burkhart Denger die Benennung einer Landauer Straße nach Hans Stempel offen in Frage. Der RHEINPFALZ sagte er: „Herr Stempel war in seiner Zeit als Kirchenpräsident darauf bedacht, im Ausland verurteilte Schwerkriegsverbrecher aus der Haft zu holen. Ich halte es für falsch, durch Straßennamen einen Mann zu ehren, der sich diesen Lebenszweck gewählt hat.“ Auf dieser Position beharrt Denger auch nach Erscheinen des Buchs von Williams.

Historiker Williams blickt auf „Die Betreuung deutscher NS-Täter“ durch Stempel und seinen Amtsbruder Theodor Friedrich (1899-1961), der unter anderem Seelsorger in Herschberg und nach dem Krieg ein prominenter „Lagerpfarrer“ war. Im Vorwort weist der Autor ausdrücklich auf den Unterschied zwischen Kriegs-Gefangenen und abgeurteilten Kriegs-Verbrechern hin. Unverständlich ist für den Historiker der Versuch Stempels, „die Täter von ihrer Schuld zu entlasten“. Doch trotz seines Engagements für NS-Verbrecher sei er kein Nazi Parteigänger Hitlers gewesen, so Williams.

Seufzer der Erleichterung

„Kirchenpräsident Stempel (war) laut Historiker kein Nazi“, hieß es im vergangenen Juni im „Evangelischen Kirchenboten“. Es klang wie ein Seufzer der Erleichterung. Bei der Buchvorstellung rief Stempels Nach-Nachfolgerin Dorothee Wüst dazu auf, neben den Tätern die Opfer nicht zu vernachlässigen und „sich selbst ein Bild über den Theologen zu machen“.

Burkhard Denger hat das getan – und bleibt bei seiner Kritik am Landauer Straßennamen. Erst kürzlich erklärte er: „Das Schild muss weg!“ Landstuhls SPD-Stadtbürgermeister Ralf Hersina dagegen sagt, wer den Straßennamen nach Fauth ändern wolle, müsse auch den Mondkrater umbenennen. „Wir müssen aus der Geschichte lernen und bewusst damit umgehen“, so Hersina. „Es wäre nicht richtig, solche Dinge einfach totzuschweigen.“

Hans Stempel führte die Pfälzische Landeskirche.
Hans Stempel führte die Pfälzische Landeskirche.
Straßennamen-Kritiker Burkhard Denger
Straßennamen-Kritiker Burkhard Denger
Landstuhls Stadtbürgermeister Ralf Hersina
Landstuhls Stadtbürgermeister Ralf Hersina
Buchautor Nicholas Williams
Buchautor Nicholas Williams
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