Kaiserslautern Mutig voranschreiten, die Freiheit verteidigen
Mutig voran, mutig der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen: Diese Botschaft aus der Urkunde zur pfälzischen Kirchenunion zog sich wie ein roter Faden gestern Nachmittag durch die Rede von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck. Die 200 Jahre alte Botschaft sei heute genauso aktuell wie damals, sagte der 78-Jährige vor rund 500 Gästen, unter ihnen der frühere Ministerpräsident Kurt Beck und der stellvertretende Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Volker Wissing. Gauck appellierte an die Menschen, sich Retro-Politikern zu widersetzen und „das beste Deutschland, das wir je hatten“, zu verteidigen und weiterzuentwickeln. „In diesen Tagen brauchen wir den Mut derjenigen, die sich entschlossen denen gegenüber stellen, die wie vor wenigen Tagen in Chemnitz Wut, Hass und pure Aggressivität in die verunsicherten Stadtgesellschaften tragen“, sagte Gauck. All dies solle geschehen auf der Basis „wohlgeprüfter Wahrheiten“. Die wohlgeprüfte Wahrheit könne heute nicht nur im Glauben leiten und stärken, sondern auch im Politischen Orientierung geben, vor allem, seit es Politiker und sogar Regierungen gibt, „die ein bestenfalls taktisches Verhältnis zur Wahrheit haben“, so der Theologe. Jeder solle so mutig sein, wie es ihm möglich ist, formulierte es Gauck. Das könne der Mut zu Kindern sein, der Mut über seinen Glauben zu sprechen, aber auch der Mut, wo andere meckern, Verantwortung zu übernehmen, im Presbyterium oder in der Kommunalpolitik. Beim Publikum kam nicht nur die Rede von Gauck gut an, etliche Kaiserslauterer Bürger, die eine Einlasskarte hatten ergattern können, nutzten auch die Gelegenheit, bei Streuselkuchen und Kaffee im Theaterfoyer ein paar Worte mit dem ehemaligen Bundespräsidenten zu wechseln, Autogramme musste der 78-Jährige fleißig schreiben. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ sagte er, es sei sein erster Besuch in Kaiserslautern. In der Pfalz zu Gast war er zuletzt im Juni beim Festakt anlässlich der Weihung des Wormser Doms vor 1000 Jahren. „Ich nehme nur Einladungen zu ganz besonderen Veranstaltungen an“, betonte Gauck augenzwinkernd. In seiner Rede hatte er unterstrichen, dass die Pfälzer Kirchenunion, bei der sich 1818 die reformierten und lutherischen Gemeinden vereinten, politisch eine historische Wegmarke war, „ein Baustein der deutschen Demokratiegeschichte“. Viel Applaus hatte der Festredner für einen seiner Schlusssätze erfahren. Er freue sich sehr, den katholischen Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, in der ersten Reihe zu sehen. Mit Blick auf weitere 200 Jahre sei für ihn schließlich noch eine andere Union vorstellbar. Oberbürgermeister Klaus Weichel attestierte Gauck, eine ergreifende Rede gehalten zu haben. „Das geht unter die Haut.“ In Zeiten wie diesen sei es wichtig, dezidiert Stellung zu beziehen. Harald Jenet, Präsident des größten pfälzischen Landgerichts in Frankenthal, sagte, Gauck habe ihm aus der Seele gesprochen. „Er hat uns aufgefordert, privat und im Beruf den Sessel zu verlassen, um unsere Demokratie und den Rechtsstaat gegen Andersdenkende zu verteidigen.“ Mit dem Festakt im Pfalztheater setzte die Evangelische Kirche der Pfalz einen glanzvollen Schlusspunkt hinter die dreitägigen Feiern zum 200. Jubiläum der pfälzischen Kirchenunion. Dass der im Theater stattfand, zeigt laut Kirchenpräsident Christian Schad, wie eng Kirche und Kultur in Kaiserslautern verbunden sind. „Das ist hervorragend.“ Kirchenrat Wolfgang Schumacher, der die Unionsfeierlichkeiten organisiert hatte, sagte in einem ersten Resümee, mit dem breitgefächerten Fest sei es gelungen zu demonstrieren, wie vielfältig Kirche heute ist. Der Unionsplatz, wo viel Musik war, habe als Veranstaltungsort etabliert werden können. Das Unionsfest sei bewusst nicht als Kirchentag veranstaltet worden, aber gerade die Kirchenbänke in der Stadt, die zum Gespräch einluden, hätten Kirche mal anders erlebbar gemacht. Wohltuend beim Festakt: Er kam ohne Grußworte aus, die musikalischen Beiträge hätten passender nicht sein können. Das Homburger Vokalensemble sang das Hambacher Lied und „Die Gedanken sind frei“. POLITIK, SÜDWEST