Kaiserslautern
Lautrer Start-up: Mentalport hat die seelische Gesundheit von Arbeitnehmern im Fokus
Psychische Belastungen am Arbeitsplatz gehören laut Mentalport-Geschäftsführer Tim Kleber zu den häufigsten Gründen, wieso Arbeitnehmer erkranken und sogar den Arbeitsplatz wechseln. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und Arbeitgeber in die Pflicht genommen, Arbeitsplätze auf psychische Gefahren hin zu untersuchen. Daraus müssen Maßnahmen abgeleitet werden, um die Situation, wenn nötig, zu verbessern. Unter anderem in diese Nische stößt das Kaiserslauterer Start-up Mentalport vor.
In der App lassen sich die vorgeschriebenen Belastungsanalysen ausführen – und jährlich ohne großen Aufwand wiederholen, wie Kleber erklärt. Zudem sei es für viele Firmen mittlerweile ein Problem, dass die Beschäftigen „innerlich gekündigt haben“, zwar ihrer Arbeit nachkommen, aber sich nicht mit dem Betrieb identifizieren. In Zeiten des Fachkräftemangels könne sich das eigentlich kein Unternehmer mehr leisten. Kleber wirbt: „Wir bieten Unternehmen alles rund um mentale Gesundheit.“
Individuelle Infos, passend zum Betrieb
In Zusammenarbeit mit der Personalabteilung würden individuelle Fragebögen formuliert, um eine Gefährdungsbeurteilung für den jeweiligen Betrieb erstellen zu können. „Das läuft bei uns maximal anonym ab. Die Personalverantwortlichen können nicht auf einzelne Mitarbeiter schließen“, sagt Kleber. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die Beschäftigten dadurch ehrlicher antworten. „Im Team und womöglich noch mit der Führungskraft zusammen, räumt doch kaum jemand eine psychische Belastung ein.“ Auf Wunsch des Unternehmens lassen sich in die App bestimmte Arbeitsschutzmaßnahmen zum Nachlesen einfügen. Das Management könne fürs eigene Unternehmen auf eine Übersicht verschiedener Statistiken zugreifen, nicht jedoch auf die Infos und Appnutzung einzelner Mitarbeiter.
Währenddessen nutzen die Arbeitnehmer die für alle erhältliche Mentalport-Smartphone-App (iOS und Android), deren monatliche Kosten vom Betrieb übernommen werden. In der App können sie ein Ziel definieren, unter anderem besser mit Stress umzugehen lernen oder mehr Selbstliebe empfinden, und werden täglich mit kleinen Aufgaben versorgt. Die sollen helfen, das Ziel zu erreichen. Kleber nennt Beispiele: „Das können kurze Tagebucheinträge sein, Entspannungsübungen oder Spaziergänge.“ Meist dauerten die Übungen fünf Minuten, wer konkrete Ziele verfolge, müsse zwischen 15 und 20 Minuten investieren. „Die Übungen sollen nicht überfordern und sich leicht in den Alltag integrieren lassen – sonst macht das ja keiner.“
Künstliche Intelligenz spielt eine wichtige Rolle
Welche Aufgaben für die Nutzer ausgewählt werden, entscheide eine Künstliche Intelligenz (KI) mit. Ebenso ist KI im Einsatz, wenn der Nutzer seinem Coach Fragen stellt oder sich die App mit motivierenden Chatnachrichten äußert. Einmal im Monat, bei Bedarf gegen Gebühr öfter, können Mentalport-Nutzer optional für gut eine halbe Stunde mit echten Coaches sprechen, mit menschlichen Trainern. Wird im Chat oder Gespräch die Grenze zwischen Krankheit und Coaching überschritten, was bei einer Depression oder einem Burnout vorkommen könne, verweise die App auf professionelle Hilfe: „Wir machen keine Therapie, wir bieten Coachings an“, betont der 26-jährige Mit-Gründer. Für akute Notfälle gibt’s in der App einen Soforthilfe-Knopf. Mentalport sei im vorklinischen Bereich unterwegs.
Während der „Zukunft Personal Europe“, einer Fachmesse für Personalleiter von Firmen in Köln, sei das Interesse an Mentalport groß gewesen, berichtet Kleber: „50 Unternehmen haben ganz konkret Interesse. Die größten davon mit fünfstelligen Mitarbeiterzahlen.“ Derzeit führe das Mentalport-Team viele Gespräche mit Interessenten. Bis Jahresende sollen mindestens sechs Verträge unterschrieben sein, sagt Kleber, der in Altenglan (Kreis Kusel) aufgewachsen ist. Er zeigt sich optimistisch, dass das Ziel übertroffen wird. Wer die App privat nutzen möchte, kann das seit Mitte September tun. Auf einen kostenlosen Probezeitraum folgt dann ein Abo-Modell.
Das junge Unternehmen hat unter anderem ein Büro in Kaiserslautern im Business + Innovation Center, außerdem werde viel auf Homeoffice gesetzt. Neben Kleber (Ingenieur und Wirtschaftspsychologe) gehören Andrea Vosikova (Psychologin) und Jens Schehlmann (Betriebswirt und Programmierer) zum Gründungsteam, das mittlerweile mehrere Angestellte beschäftigt. Mentalport sei übrigens absichtlich eine zweideutige Wortschöpfung aus „mental“ (geistig) und „support“ (Unterstützung) oder „port“ (Hafen), verrät Kleber.