Kaiserslautern
Interview: Achim Wätzold spricht über Probleme im Turnsport
Achim Wätzold, Vizepräsident beim Pfälzer Turnerbund (PTB), Lehrbeauftragter für Gerätturnen an der TU Kaiserslautern, Sportlehrer, Trainer und aktiver Turner, spricht im Gespräch mit RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Doris Theato Probleme im Turnsport an. Für ihn war und ist Turnen eine der Kernsportarten, wovon Kinder mehr denn je durch die erworbenen koordinativen Fähigkeiten ein Leben lang zehren können.
Wird in der Grundschule eigentlich noch geturnt?
Es gibt nach wie vor Grundschulen, die das Turnen zur vielseitigen motorischen Ausbildung der Kinder nutzen. Beispielsweise die Grundschule Miesau turnt über Winter und schließt dies sogar mit Bundesjugendspielen im Gerätturnen sowie einer Teilnahme am Vielseitigkeitswettbewerb Gerätturnen ab. Wie in den weiterführenden Schulen zu erkennen ist, scheint dies bedauerlicherweise nicht überall der Fall zu sein. Da Sportunterricht an Grundschulen oftmals fachfremd unterrichtet wird – an einigen Grundschulen am Standort sogar keine Lehrkräfte mit entsprechendem sportwissenschaftlichem Studium vorhanden sind –, wird Sport, leider viel zu oft, auf Fang- und Ballspiele reduziert. Viele Perspektiven des Sports wie Bewegungsgestaltung, Ausdruck, Eindruck, Leistung werden nicht berücksichtigt. Das ist dann ungefähr so, als würde man Musik auf ein Instrument reduzieren.
Ballspielen ist doch auch Bewegung!
In dieser sensiblen Entwicklungsphase der Kinder kommen – sofern außerschulisch keine Angebote geschaffen werden – zentrale motorische Erfahrungen viel zu kurz. Bereits die Ausbildung von einfachen Roll-, Sprung- und insbesondere Schwungbewegungen fehlt häufig komplett, was in einer Gesellschaft mit zunehmend sitzenden Tätigkeiten doch unerlässlich ist, um Haltungsschäden im weiteren Lebensverlauf vorzubeugen.
Leidet nur der Turnunterricht?
Auch die Ballsportarten haben im Schulsport ähnliche Probleme wie das Gerätturnen. Wer glaubt, einfach einen Ball in die Halle werfen zu können und dadurch ein Fußballspiel zu entfachen, wird ebenso scheitern wie eine Lehrperson, die ein Rad von den Kindern einfach einmal turnen lassen möchte.
Woran liegt’s?
Umgang mit Misserfolg, das eigene Leistungsvermögen abschätzen zu können oder zu akzeptieren muss erst erlernt werden, und darin besteht in unserer Leistungsgesellschaft eine zentrale Aufgabe des Sportunterrichts. Hierbei ist ein Mix aus Mannschafts- und Individualsportarten unerlässlich.
Wenn es so klar ist, warum setzen es die Schulen dann nicht um?
Wie bereits gesagt, oftmals hängt es an räumlichen und personellen Begebenheiten. An meiner Dienststelle, dem Sickingen-Gymnasium Landstuhl, haben wir das Glück, in der Fachschaft viele Facetten des Sports abdecken zu können. Zudem ermöglicht die infrastrukturelle Ausstattung das Unterrichten nahezu aller Sportarten, ein Umstand, der insbesondere in vielen städtischen Schulen mit kleinen Sporthallen nicht überall gegeben ist.
Fehlende Hallen sind das Problem?
Nicht nur. In Schulsporthallen fehlen häufig moderne Turngeräte, gelenkschonende Absprunghilfen und eine ausreichende Anzahl an Matten mit angemessener Dämpfungseigenschaft. Eine ganz andere Herausforderung ist die Digitalisierung. Elektronische Medien faszinieren Kinder sowie Jugendliche. Auch im Sportunterricht gilt es, diese sinnvoll, unterstützend und zielführend einzusetzen statt diese nur als Gegensatz zum Sport kategorisch abzulehnen.
Wie jetzt, Digitalisierung als Problemlöser?
Es ist unsere Aufgabe, Kindern einen sinnvollen Umgang mit den Medien zu zeigen, um beispielsweise ihr eigenes sportliches Leistungsniveau zu verbessern. Gerade im Gerätturnen lassen sich heute unkompliziert mit zeitverzögerter Wiedergabe eigene Bewegungen beobachten und kriterienbezogen bereits von jüngeren Schülern beurteilen.
Der PTB hat das Prädikat „PTB-Turnschule“ eingeführt und an einige Vereine verliehen. Bringt das Aufschwung?
Die PTB-Turnschule ist ein Prädikat für leistungsorientieren Wettkampfsport und hat zu einer vereinsübergreifenden Zusammenarbeit in der Pfalz etwa in der Rhythmischen Sportgymnastik geführt. Zahlreiche Erfolge des kleinen pfälzischen Verbandes bis auf Bundesebene sind das Ergebnis. Ähnliche Tendenzen lassen sich im weiblichen Gerätturnen und in etwas reduzierter Form im Trampolinturnen erkennen. Auch beim Gerätturnen der Männer sind positive Entwicklungen wie eine gemeinsame Bundesliga-Mannschaft zu verzeichnen.
Wie sieht es beim Turn-Team Sickingen aus?
Dem Turn-Team Sickingen hat das Prädikat für das weibliche als auch für das männliche Gerätturnen sehr gut getan. Es ist ein Qualitätssiegel, das die wettkampforientierte Ausrichtung des Vereins belegt und hat bei unseren Jüngsten sehr zum Zuwachs der Mitglieder beigetragen und Kooperationen mit benachbarten Vereinen ermöglicht.
Also alles auf einem guten Weg?
Nicht ganz. Viele Eltern fahren ihre Kinder bereits im jüngsten Alter über 50 Kilometer zu uns ins Training. Wir würden uns im Kreis der Westpfalz weitere Vereine mit Gerätturnangeboten für Kinder wünschen, die alle Turngeräte integrieren und kooperativ für den Sport zusammenarbeiten möchten.
Letzte Frage an den Wettkampfturner Achim Wätzold: Wo geht die Entwicklung hin?
Durch die Weiterentwicklung der Geräte wurde die Gesundheitsverträglichkeit des Sports optimiert. Zeitgleich hat die Professionalisierung des Sports und der Trainingsstätten zugenommen. Neue Höchstschwierigkeiten sind möglich. Die Schere zwischen internationalen Profis und führenden Athleten auf Landesebene wird weiter auseinandergehen. In den internationalen Wertungsvorschriften sind bedauerlicherweise einfache Elemente für die breite Basis verloren gegangen. Diese Lücke gilt es, auf Bundes- und Landesebene zu schließen, um diese schöne Sportart nicht nur auf Bundesebene im attraktiven Wettkampfmodus erleben zu können. INTERVIEW: DORIS THEATO