Betze-Geflüster RHEINPFALZ Plus Artikel Helene Fischer vor der Westkurve

Hans-Jürgen Schultz in seinem Element, bei einem U19-Spiel auf Platz vier am Stadion.
Hans-Jürgen Schultz in seinem Element, bei einem U19-Spiel auf Platz vier am Stadion.

Die Westkurve ist leer, auf der Nordtribüne räkeln sich ein paar FCK-Fans in den Ledersesseln, in der Ostkurve steht ein Grüppchen Auswärtsfans und singt. Hans-Jürgen Schultz steht im Spielertunnel an seinem Mischpult, dreht ein paar Regler und macht ein paar Mausklicks. Dann schallt das Betze-Lied durchs Fritz-Walter-Stadion.

Hans-Jürgen Schultz studiert noch mal die Mannschaftsaufstellung, lässt seinen Blick über den Rasen streifen und ist glücklich. Er liebt seinen Job und genießt die seltenen Auftritte auf dem Betze. Er ist Stadionsprecher durch und durch. Nicht der Mann für die großen Spiele vor zigtausend Zuschauern, sondern der für die kleinen, für den Nachwuchs des FCK, fürs Fußballcamp, für die U17, U19, U21. Jugendbundesliga bis Regionalliga, Auf- und Abstiegskämpfe, alles hat er erlebt und alles in sich aufgesaugt. Dass er einmal so für den Job und den Verein brennen würde, dass er es so lieben würde, dem Nachwuchs bei der Entwicklung zuzusehen, Spieler groß werden zu sehen, hätte er selbst nicht gedacht. Denn eigentlich hatte er einen ganz anderen Job.

Die Weinstraße für Lothringer

Hans-Jürgen Schultz war in den 70er Jahren DJ in Kaiserslautern. Bis ihn eines Tages ein Kollege von Radio Lothringen 1 in Bitsch ansprach und fragte, ob er sich nicht vorstellen könne, beim Radio zu arbeiten. Schultz probierte es aus und hatte bald eine eigene Sendung: Treffpunkt Weinstraße. Er brachte den Lothringern die Weinstraße näher, gab Veranstaltungstipps und arbeitete zusätzlich bei Radio Donnersberg in Kirchheimbolanden. Zehn Jahre lang, so lange es den Sender gab. Er hatte dort eine Fußballsendung, berichtete vom Spieltag, nahm drei, vier Interviews mit Tonband auf, schnitt sie zusammen und sendete sonntagmittags eine Stunde, analysierte das Spiel.

Fußball und Disko

Zum Fußball hatte Hans-Jürgen Schultz schon immer eine besondere Bindung. „Ich habe beim VfR Kaiserslautern angefangen, Fußball zu spielen, in der B-Jugend und in der A-Klasse“, erzählt er. „Der FCK war immer eine Sonderklasse. Wenn wir gegen Kaiserslautern keine zehn gekriegt haben, haben wir gefeiert.“ Werner Fuchs, Fritz Fuchs Bruder, war sein Gegenspieler beim FCK, erinnert er sich und erklärt, dass er zwar in Heidelberg geboren sei, aber in Kaiserslautern groß geworden sei und natürlich schon immer FCK-Fan war.

Der Schlüsselmoment

„Durch die Diskothek“ kam er in die Vorderpfalz und blieb in Bockenheim bei Grünstadt hängen, aber die Verbindung zum Fußball und zum FCK riss nie ab. Schultz war inzwischen Stadionsprecher beim VfR Grünstadt, als sein Verein dort spielte. Er kommentierte das Spiel. Da kam Michael Dusek auf ihn zu, erklärte ihm, dass die A-Jugend-Bundesliga gerade gegründet worden sei, der FCK einen Stadionsprecher brauche und fragte den Lauterer, ob er sich vorstellen könne, den Job zu übernehmen. Schultz, der mehrere Spiele um die Deutsche Meisterschaft gesehen hatte, „auf Platz vier, unter Gunther Metz“, wusste, „das war kein Jugendfußball mehr, das ist schon Erwachsenenfußball“. Schultz überlegte kurz in der Winterpause, moderierte ein Vorbereitungsspiel und sagte zu. Er fuhr jetzt zweigleisig, „ich machte die Rückrunde des VfR Grünstadt fertig in der Verbandsliga und machte beim FCK die Bundesliga mit.“ Schultz war damals 49 und fühlte sich mit offenen Armen aufgenommen. „Die Spieler haben mich alle akzeptiert. Ich habe so viele kommen und gehen gesehen. Das war eine schöne Zeit, ist es heute noch.“

Neue Aufgaben

Der Sportpark Rote Teufel wurde schnell seine neue Heimat. Als die B-Jugend in der Bundesliga spielte, baute er auch für die U17 die Anlage auf, später kam die U21 dazu. Schultz war viel unterwegs. „Ich hab alle Stadien gesehen.“ Auswärts war er Betreuer und mit Herz und Feuereifer bei der Sache. „Das gibt Dir viel“, sagt er.

Dass er von Bockenheim aus pendelt, zwischen den Spielen auch mal zwei, drei Stunden Wartezeit hat, bevor die nächste Partie ansteht, macht dem FCK-Fan nichts aus. Er kommt, wenn er gerufen wird und baut auf, wo er gebraucht wird. Auf Platz sieben auf dem Fröhnerhof, bei den Camps am Kunstrasen, früher noch öfter als jetzt auf Platz vier am Stadion, und vor allem zu Regionalligazeiten der zweiten Mannschaft regelmäßig im Spielertunnel des Fritz-Walter-Stadions.

Schultz hat viel gelernt, auch über Schulungen. Wie er sich verhält bei extremen Situationen wie beim Spiel der U21 um die letzten Punkte, die fürs Erreichen der Aufstiegsrunde fehlten, als sich Spieler plötzlich in die Haare bekamen und neben ihm in Rage gerieten. „Da musst Du deeskalierend wirken“, sagt er, erzählt von Bengalos und Fans, die er zu beruhigen versuchte.

Freunde fürs Leben

Hans-Jürgen Schultz beobachtet, genießt und freut sich, wenn er die Nachwuchsspieler von damals heute als Profis sieht. Alexander Esswein, Willi Orban, Dominique Heintz, zählt er auf. Zu manchen der früheren Spieler hat er noch heute Kontakt, besucht sie auch, zum Beispiel Dominique Heintz, „Salami haben sie zu ihm gesagt, und keiner hat solche scharfen Ecken und Freistöße getreten wie er.“ Das sind die Dinge, die bei Schultz haften bleiben. „Carlo Sickinger gratuliert mir immer zum Geburtstag und ich ihm auch. Es sind viele, zu denen ich heute noch Kontakt habe.“

Mit Shipi im Bus

Für manchen von ihnen war er der Psychologe, der Ruhepol, ein Ansprechpartner. Zum Beispiel für Nicklas Shipnoski. „Shipi war ein Kopfspieler“, erzählt er von einem denkwürdigen Ereignis, dem Abstieg der U19 aus der Bundesliga. Im Bus auf der Fahrt zum Pfingstturnier nach Ostrach war Shipi arg deprimiert, haderte mit seinem Schicksal, machte sich Gedanken über Anfragen aus Mainz, Hoffenheim und seine Zukunft. Schultz sprach zwei Stunden mit ihm, erklärte ihm, dass er den Karren mit in den Dreck gefahren hatte und wieder herausziehen musste und dass er beim FCK in der Regionalliga ein Führungsspieler wäre. Am Ende blieb „Shipi“ bei den Roten Teufeln, die U19 stieg wieder auf. „Er ist mir glaube ich heute noch dankbar.“

Schultz hat viele solche Erinnerungen, von denen er zehrt. An den FCK-Fußballtalk, den er im Offenen Kanal moderierte, die unzähligen Spiele, davon auch so manches im Fritz-Walter-Stadion. Wo er Helene Fischer über den Rasen trällern ließ, weil Julian Löschner, der damalige Kapitän der zweiten Mannschaft des FCK „die Helene so gern hörte“.

Die letzte Saison

Seit einiger Zeit denkt Hans-Jürgen Schultz ans Aufhören. Inzwischen ist er 72, will vermeiden, dass er Fehler macht. „Ich wollte eigentlich vor zwei Jahren schon aufhören, dann kam Corona. Dabei wollte er sich doch ordentlich verabschieden, mit einer schönen letzten Saison.“ Was ihm die Entscheidung leichter macht ist, dass er einen würdigen Nachfolger gefunden hat. Seinen Sohn Julian. Dass der das Talent am Mikro hat, hat sein Vater bei der Abiturfeier gesehen, als sein Sohn (30) plötzlich das Mikrofon in der Hand hatte und moderierte. Die Liebe zum Fußball hat er ohnehin geerbt. Er hat bei Südwest Ludwigshafen in der Landesliga gespielt, beim VfR Grünstadt, jetzt kickt er beim TSV Bockenheim in der B-Klasse, ist dort Co-Trainer.

Hans-Jürgen Schultz gibt sein Arbeitsgerät, das Mikro, und die Macht über die Musikauswahl gern an ihn weiter. „Es reicht. Es war schön, war eine andere Zeit. Ich bereue keine Sekunde. Und wenn er mal nicht kann, werde ich weiter da sein …“

Der Stadionsprecher und sein Sohn und Nachfolger: Hans-Jürgen und Julian Schultz.
Der Stadionsprecher und sein Sohn und Nachfolger: Hans-Jürgen und Julian Schultz.
Maria Huber
Maria Huber

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