Kaiserslautern Der kometenhafte Aufstieg der Landkreissinfoniker
In der Kaiserslauterer Konzertreihe „Sonntags um 5“ ist die Musikwelt noch meistens in Ordnung. Da pulsierten unsterbliche Melodien aus Operette, Oper und Musical sowie Konzertstücke in dem Musentempel der Fruchthalle. Jetzt wirbelte allerdings ein kometenhaft aufsteigendes Sinfonieorchester des Landkreises Kaiserslautern die bisherige Rangordnung gehörig durcheinander.
Die Rede ist ausgerechnet von einem Repräsentanten des Laienmusizierwesens, und der wurde im ausgelegten Programmblatt noch nicht mal genannt. Welch ein gravierender Fauxpas! Immerhin moderierte Christoph Dammann, der Direktor des Kulturreferates, persönlich diese unerwarteten Höhenflüge eines Orchesters, das an diesem Nachmittag in die Phalanx der regionalen Top-Orchester aufstieg und alle erstaunte.
Dicht gefüllte Fruchthalle
Das Orchester sorgte schon vorab für die Überraschung, denn es füllte am Sonntagnachmittag die Fruchthalle sehr dicht und scheint auch hinsichtlich Besucherresonanz und Akzeptanz aufzuholen. Die Landkreissinfoniker haben sich einen festen Platz im regionalen Konzertwesen erobert, sie haben einen hohen Grad an Identifikation mit diesem Orchester bewirkt, mobilisieren eine große Anhängerschaft und sind auf der Überholspur.
Die intensive Proben- und Aufbauarbeit des aus dem Saarland stammenden künstlerischen Leiters Alexander Mayer zahlt sich aus. Da er aus hauptberuflichen Gründen verhindert war, fand er im ersten Kapellmeister des Pfalztheaters, Olivier Pols, einen würdigen und den Konzerterfolg ebenfalls sichernden Einspringer.
Programm am Publikum orientiert
Der zweite Pluspunkt ist die überlegte Programmzusammenstellung, die nicht wie in manchen Konzertreihen am Publikum vorbei gestaltet ist, sondern mitten hinein ins Herz und die Gunst des Stammpublikums trifft. Im „Land des Lächelns“ nach der gleichnamigen Operette und mit einer musikalischen Reise von Wien nach Fernost packte nicht nur das Orchester das Reisefieber und die Spielfreude – auch das Publikum schwelgte mit im Zeitalter der silbernen Wiener Operette der Ära von Franz Lehár und Franz von Suppe´oder der großen Zeit der Familie Strauß mit Vater und Sohn Johann Strauß an der schönen blauen Donau-Metropole. Klangbeispiele von Giacomo Puccini führten in die japanische Kultur, die des amerikanischen Leroy Anderson (1908-1975) in die chinesische.
Bis auf ganz wenige Solostellen verwischten die Landkreissinfoniker die starren Grenzen zwischen vermeintlicher Professionalität, die auch eine Frage der persönlichen Einstellung ist, und Liebhaberei. Amateure können hart an sich arbeiten und erstaunliches leisten und Professionelle von Grabenkämpfen oder manchem Zipperlein sowie Kompetenzgerangel zerrieben und hörbar zermürbt sein. Das kann – wie hier zu erleben – zu Neubewertungen führen, wenn das Laienmusizierwesen durch Idealismus, Enthusiasmus sowie gezieltes Konzentrieren auf wenige Programme beachtliche Werte erreicht. Die waren in manchen Punkten sogar den regionalen Kulturorchestern einiges voraus.
Klanglich ausgewogen
Zunächst einmal: Die vorgestellten Interpretationen der Gattungen Ouvertüre, Ballettsuite oder Walzer sind expressiver, konziser, präziser in den Abläufen und dynamisch wie klanglich ausgewogener und ausbalancierter kaum denkbar. Sie avancierten sogar zu exemplarischen Werten. Dagegen neigen mitunter an gleicher Stelle Berufsmusiker zu solistischem Ehrgeiz, wo klangliches Einfügen gefordert ist.
Doch an diesem denkwürdigen Nachmittag spürte man ein kollektives Denken im gemeinsamen Wohlklang, ein Hang zum sensiblen gegenseitigen Einhören. Selbst die Begleitung der Gesangssolistin Meike Hartmann erfolgte in subtiler Feinabstimmung ohne sie übertönen zu wollen. Kurz: Dieses Orchester wuchs beflügelt durch die Gunst der Stunde über sich hinaus und bereitete auch den Boden für den Erfolg der Sopranistin.
Der wiederum basierte auf einer großen, strahlenden und sicher geführten Stimme mit großer Entfaltung, aber mit einem zu überprüfenden Hang zur Übertreibung beim Gebrauch von Vibrato und Messa di Voce, dem Anschwellen auf Haltetönen. Nicht jeder Ton ist ein großes Ereignis, und nicht alles muss in dieser Drastik ausgereizt, ja überreizt werden. Dies galt vor allem für Hartmanns Beitrag aus der Operette „Land des Lächelns“ und weniger für die folgenden Beiträge wie das „Wienerlied“ von Rudolf Sieczynski, als sie genau die schwärmerische Stimmung dieser Ode traf.