Kaiserslautern Aus dem Wald in die Welt

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Er gilt als einer der wichtigsten Reformatoren der Musikgeschichte: Christoph Willibald Ritter von Gluck, der heute vor 300 Jahren in Erasbach in der Nähe von Neumarkt in der Oberpfalz geboren wurde. Doch außer seiner „Orpheus“-Oper, mit der er sein Erneuerungswerk der Oper einläutete, wurde keines seiner Bühnenwerke richtig populär. Er ist deshalb noch immer in vielen Momenten ein zu entdeckendes Genie.

In seiner Biografie zum Beispiel liegt noch Manches im Dunkeln, besonders in den Jugend- und Lehrjahren. Klar ist, dass Gluck, dessen Vater Forstmeister war, keineswegs zu einer musikalischen Laufbahn bestimmt war. Er hätte, salopp gesagt, in den böhmischen Wäldern bleiben sollen. Doch früh zeigt sich seine musikalische Begabung. Über Prag kommt Gluck nach Wien und dann nach Mailand, wo er beim berühmten Sammartini Unterricht erhält. In Mailand wird 1741 auch seine erste Oper uraufgeführt, eine Opera seria auf eines der berühmtesten Textbücher des berühmtesten italienischen Textdichters Metastasio: „Artaserse“. Leonardo Vinci oder Johann Adolf Hasse haben es neben vielen anderen auch vertont. Gluck hat Erfolg als Opernkomponist. Er kommt in Europa umher, ist 1746 auch nach London, wo er Händel trifft. Er arbeitet für eine reisende Operntruppe und schreibt eine Oper um die andere: alles Werke im damals üblichen italienischen Stil mit viel Kunst und künstlichen Manieren. Diese Stücke, darunter ein „Ezio“ (einen solchen gibt es auch von Händel) oder lange vor Mozart eine „Clemenza di Tito“, zeigen die Meisterschaft Glucks in diesem Stil und werden mittlerweile mit Recht auch wieder gespielt. Immerhin wird der junge Meister von Wien mit einer Festoper zum Geburtstag der Kaiserin Maria Theresia beauftragt. Wien wird dann ab 1752 seine Heimat, wo er im Prinzip bis zu seinem Tod am 15. November 1787 lebt. Aber seine Opern erklingen in ganz Europa. Gluck ist ein „Kompositionsstar“ seiner Zeit. International ist er auch in seiner Arbeit, denn neben italienischen Opern komponiert Gluck zunehmend auch im Stil der französischen Opéra Comique. Eine solche wird 1759 auch im Schwetzinger Schloss bei Kurfürst Carl Theodor aufgeführt. Gluck pflegt Beziehungen zur Pfalz, zur Kurpfalz, auch nach Baden. Er ist mit Herzog Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken bekannt, in dessen Pariser Palais er 1773 residiert. Und er kommt mehrfach nach Karlsruhe, wo er Mitte der 1770er Jahre dem verehrten Dichter Klopstock begegnet, dessen Oden er in ebenso schlichter wie eindrucksvoller Weise vertont. Gluck ist mit den ästhetischen Entwicklungen seiner Zeit eng vertraut – und deshalb geradezu prädestiniert, in der Oper einen neuen Stil zu kreieren, der sich von der stilisierten barocken Weise absetzt. 1762 ist es so weit, in Wien hat die Oper „Orfeo ed Euridice“ Premiere, komponiert von Gluck auf ein Textbuch von Ranieri de’ Calzabigi. Dieser war in Paris mit den modernen empfindsamen Strömungen in Berührung gekommen und wohl der Motor der Erneuerung der Oper. An die Stelle kunstvoller Zierfiguren und anderer Effekte soll eine natürliche Art des Singens treten und mit den Stoffen sollen statt schwer durchschaubarer Intrigen und spezieller Affekte starke und eindeutige Gefühle zum Ausdruck gebracht werden. In der berühmten Vorrede zu ihrer zweiten Oper „Alceste“ bringen Calzabigi und Gluck ihr Credo auf den Punkt. Das heißt es unter anderem: „Es war mein Streben, die Musik ausschließlich ihrer wahren Bestimmung zuzuführen, nämlich dem Ausdruck der Dichtung zu dienen und die wichtigsten Handlungsmomente zu unterstützen, ohne die Handlung durch überflüssigen Zierrat zu unterbrechen oder zu behindern.“ Gluck führt damit die Oper wieder zurück zu ihren Anfängen, wo sie um 1600 in Florenz als vermeintliche Wiederbelebung der antiken Tragödie „erfunden wurde“. Die immerwährende Streitfrage, ob die Musik oder der Text in der Oper vorrangig sei , beantwortet Gluck eindeutig. Die Musik ist für ihn gehobene Deklamation. Entsprechend offen in der Form sind seine Reformopern, zu denen auch „Paride ed Elena“ gehört, und sind seine späten „Iphigenie“-Opern oder die „Armide“ auf einen Text von Quinault, den 100 Jahre früher schon Lully vertont hatte. Es verwundert nicht, dass für die Anhänger des Musikdramas Gluck ein wichtiger Meilenstein in der Opern- und Musikgeschichte darstellt. So hat Richard Wagner die Gluck’sche „Iphigenie in Aulis“ bearbeitet; eine nicht unbedingt authentische Version, die freilich bis vor kurzem auf den Bühnen gebräuchlich war. Das Ansehen Glucks, der in Paris im ästhetischen Wettstreit mit dem Italiener Piccinni seines größeren Nachruhms wegen letztlich der Sieger war, ist viel größer als die Kenntnis seiner Werke. Dabei sind sowohl seine Seria-Opern im alten Stil als auch seine der dramatischen Wahrheit und Darstellungen von Seelenzuständen verpflichteten jüngeren Kompositionen reich an musikalischen Schönheiten. Und spannend ist der geschichtliche Standort dieses Komponisten allemal, der in London Kollege Händels war und später in Wien ein Zeitgenosse Mozarts. Dieser hat übrigens in seinem „Figaro“ ein Thema aus Glucks Musik zum Ballett „Don Juan“ aufgegriffen.

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