Kaiserslautern
Alte Kammgarn-Sandsteinfassade wird als Teil eines Hochschul-Gebäudes restauriert
Bei einer Führung mit dem Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) durch das Innere des Rohbaus ist im Treppenhaus schon ein Blick darauf zu erhaschen: Dort schließt sich die Sandstein-Wand an den restlichen Stahlbetonbau an, in den Ende 2022 die Labore und Werkstätten der Hochschule einziehen sollen. Der rötliche Sandstein hält als Überrest der Halle der Kammgarn-Spinnerei auch künftig die Erinnerung an die Industrievergangenheit des Standorts wach. Auch von außen blitzt sie, zwischen den miteinander verbundenen Gebäuderiegeln, durch. Elf Meter ist die Fassade hoch, an der Stelle an der das Mittelrisalit thront sogar 15 Meter, insgesamt 109 Meter lang. „Damit ist eine Seite der Fassade etwa 1200 Quadratmeter groß. Wir haben es also mit 2400 Quadratmetern Mauer zu tun“, berichtet Michael Sprengart, einer der LBB-Projektleiter.
Oberste Priorität hat die Statik
„Es ist keine Schlossfassade, sondern eine Industriefassade. Wir restaurieren und sanieren sie so, wie es Jean Schoen auch gemacht hätte“, erzählt er. Schoen war ab Gründung der Spinnerei deren erster technischer Leiter. „Wir achten als allererstes auf die Statik, dann müssen wir natürlich auch die Bauphysik beachten und dann kommt die Schönheit.“ Und Fragen rund um die Restaurierung gibt es seit Beginn der Arbeiten genug, unter anderem wurde 2018 ein Stück des alten Gemäuers probesaniert, um verschiedene Dinge auszuprobieren. „Benutzen wir Vierungen, Steinersatzstoffe, war der frühere Putz eingefärbt oder gestrichen?“, das seien nur einige Beispiele gewesen, so Sprengart. „Wir müssen viel probieren und die Planung nach und nach fortschreiben. Wir können nicht wie bei einem Neubau die Planung machen und dann ausführen“, erklärt LBB-Niederlassungsleiter Norbert Höbel. Das alles unter Einhaltung der Vorgaben durch den Denkmalschutz.
Von vorne ist die Fassade fast vollständig verhangen. Dahinter arbeiten Handwerker daran die Fugen aufzuarbeiten. Im Frühjahr werde dann neu verfugt: „Wir brauchen dafür auch nachts Temperaturen über fünf Grad“, erklärt Sprengart. Auch die Fenster werden im neuen Jahr wieder eingesetzt „und vor Ort verglast“ – jedes einzelne besteht aus vielen kleinen Glasscheiben. Die aus Gusseisen bestehenden Rahmen wurden bereits herausgenommen, ausgeglast, entrostet und mit einem speziellen Schweiß-Verfahren erneuert. Sie lagern nun in einer Werkstatt. An einigen Stellen wurden frühere Fenster geschlossen, „weil dahinter das Hochspannungslabor mit einem entsprechenden Generator entsteht“, so Sprengart.
Weicher Stein erschwert die Arbeiten
Das eingeklinkerte Portal mit dem darüber befindlichen Schriftzug „Kammgarn-Spinnerei Kaiserslautern“, eines der Herzstücke der Sandsteinfassade, werde offen gelassen. Auch in diesem Bereich, wie im gesamten Teil der Fassade, mussten teilweise zu stark beschädigte Steine ausgetauscht werden, bei denen der Aufwand und die Kosten für einen Erhalt zu groß gewesen wäre. Ansonsten werde so viel wie möglich der alten Substanz erhalten und durch Ausbesserungen wieder hergerichtet. Ein weiteres Beispiel für die bei der Restaurierung zu beachtenden Komplexität: „Aus Sicht der Denkmalschutzbehörde waren die neuen Steine zu scharfkantig, da die verbliebenen Ursprungssteine eine Abbruchkante haben. Das müssen wir dann nachbearbeiten, außerdem erhalten sie Einkerbungen, ebenfalls wie die darum herum verbauten roten Sandsteine“, erklärt Sprengart. Überhaupt ist der Sandstein, der rote kommt aus dem Schweinstal, der gelbe ist sogenannter Udelfanger Stein, ein sensibles Material, erklären Höbel und Sprengart. „Es ist ein sehr weicher Sandstein, wie er bei uns üblich ist. Und auch der verwendete Mörtel ist sehr weich.“ Das mache die Arbeiten schwierig, denn immer wieder bestehe die Gefahr, dass sich beispielsweise beim Abklopfen des alten Putzes Risse in angrenzenden Steinen vergrößern, so ganze Stücke herausbrechen.
Charakteristische Details der Mauer wie die Aufbauten an mehreren Stellen bleiben erhalten. Im dritten Quartal 2021 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, im kommenden Jahr stehe zudem auch der Innenausbau des Rohbaus auf dem Plan. Die zahlreichen Besonderheiten bei dem alten Gemäuer sind auch ein Faktor bei den Kosten. Für den Abbruch der alten Lagerhalle sowie den Erhalt der Sandsteinfassade fallen etwa 5 Millionen Euro an.
„Für Kaiserslautern sehr gut“
Karin Kolb, Sprecherin der früheren Initiative „Pro Industrie – Denkmal“, die für den Erhalt der Mauer 4500 Unterschriften gesammelt hatte, ist „einfach froh, dass die Fassade erhalten bleibt, das war uns damals wichtig“. In Kaiserslautern fehle das Gefühl für solche Dinge wie den Denkmalschutz. Sie selbst engagiert sich als Vorsitzende auch im Verein für Baukultur und Stadtgestaltung, hat in den vergangenen Monaten regelmäßig Fotos vom Fortgang der Arbeiten auf dem Hochschul-Campus erhalten. Das ganze Areal habe sich gut entwickelt. „Es ist ein Stück der wesentlichen Industriegeschichte Kaiserslauterns, Generationen haben dort ihr Brot verdient, für Kaiserslautern und die Umgebung ist der Erhalt sehr gut“, so Kolb.