Grünstadt The Brew’s schwindelerregendes Schlagzeugsolo
Hitze liegt über dem alten Albsheimer Sportplatz. Die, die dort das 35. Festival vorbereiten und die, die dort ihre Zelte aufbauen und vergeblich sich mühen, die Heringe in den festen Untergrund zu rammen, sind nicht zu bedauern. Das Wetter verzögert den Aufbruch des Berichterstatters, indes auf dem Festivalplatz, weil das eigentlich engagierte Folktrio kurz vorher abgesprungen ist, der junge Frankfurter Liedermacher Frank Albersmann das musikalische Geschehen eröffnet. „Ich bin als Ein-Mann-Show die geborene kurzfristige Vertretung“, kommentiert er später launig. Und er macht, wie zu hören ist, seine Sache ganz gut. Kurz nach acht Uhr sind die Parkplätze auf dem Stoppelacker nebenan schon bemerkenswert gut gefüllt. Der Zeltplatz auch, es wären nicht mehr viele freie Stellen zu ergattern, wobei einige Camper ihre Claims allerdings sehr großzügig abgesteckt haben. Durch die noch immer drückend heiße Luft wummert anziehend der fette Sound von The Wedge. „Im Gegensatz zu anderen Bands des High-Energy-Rock`n`Roll ist die Gruppe in der Lage, sehr eingängige Songs zu schreiben, die mit dem Material ihrer Helden der psychedelischen 60er und der hardrockenden 70er mithalten können“, lässt Wedge vollmundig und bemerkenswert konkret verkünden – und hat damit völlig recht: Das ist harter, gerader Rock. Nicht neuartig, aber ehrlich und gut, mit wuchtig donnernden, virtuosen Schlagzeuggewittern, klasse gespielt, selbst bei dieser – sich langsam legenden - Hitze mitreißend. Bei den Hamburger Jungs von Montreal will der Funke indes nicht so recht überspringen. Ihren knalligen Punkrock hat man so oder so ähnlich schon zu oft gehört. Die Itchy Poopzkids können’s besser und lockerer. Der Frontmann des Trios redet zwischen den Stücken viel, bellt aber seine Ansagen so schnell und undeutlich, dass wenig zu verstehen ist, auch von den deutschen Texten der Songs. Instrumental sind die Musiker fit, aber alles ist halt doch etwas nördlich s-teif. Firkin dagegen schießen den Vogel ab. Funkelnde, überbordende Spielfreude, musikalische Vielfalt, witzige Kombinatorik (auf einmal fetzt einige Takte lang Offenbachs Cancan über den staubigen Sportplatz) geben dem Ohr und dem Verstand immer wieder neuen Stoff – aber genau so gut lässt sich das rockige Gefiedel als pure Partymusik genießen. Zum Rockquartett – Sänger, Gitarre, Bass, Schlagzeug kommen Flöte und Fiedel. Irisch-englische Traditionals über Whiskey und Beer, altüberlieferte Tanzrhythmen und rauhe Seemannshantys werden mit Lust verrockt: Die sechs Ungarn machen sogar „What shall we do with the drunken sailor“ zum Punkrock-Ereignis. Ein furioser, gelungener Ausklang des ersten Festivalabends. Wer am Samstag im Schatten bleiben darf, geht nicht in die Sonne. Also keine Highlandgames, keine Newcomerbands, Festival erst, wenn die Sonne hinter der Haardt verschwunden ist. Und doch gibt es am frühen Nachmittag Unentwegte, die mit viel Spaß in den urtümlichen Wettkämpfen ihre Kräfte messen, während andere vom Campingplatz ans Wasser fliehen. No Face, eine noch recht junge Schüler-Newcomer-Band, covert recht anhörbar, indes Unherz, an Unheilig und die Onkelz anknüpfend, meinem Subtileres bevorzugenden Gewährsmann nicht gefallen hat. Als ich parke, schweben zarte psychedelische Gitarrengespinste über den Platz. Jetzt genau das Richtige. Und richtig gut, das ist gleich zu merken. Auf der Bühne: The Brew aus England, bestehend aus dem ungemein energiereich selbst bei diesen Temperaturen über die Bühne jumpenden Frontmann Jason Barwick und den Herren Tim (Bass) und Kurtis Smith (Schlagzeug), ihres Zeichens Vater und Sohn. Sie bringen hinreißenden, fantasievollen, immer ungemein druckvoll gebrachten Bluesrock, für den sie in Fachkreisen durchaus berühmt sind. Barwick gibt alles, singt mit vollem Einsatz, bearbeitet seine Gitarre mit dem Bogen und erzeugt so die erstaunlichsten Saitengewitter, Vater Smith gibt mit dem Bass ein solides Fundament, indes der Sohn am Ende ein gefühlt halbstündiges Schlagzeugsolo hinlegt, dass du den Mund nicht mehr zukriegst. Da ist keine Minute langweilig, kein Leerlauf, da ist so viel Variation drin und immer wieder Witz, dann wirft er die Stöcke weg und bearbeitet seine Geräte mit der Hand, dass einem anderen die Hände wegfliegen würden. Großartig. Coppelius reiten auf der Steampunkwelle. Sphärische Orchesterklänge werden eingespielt, im Bühnennebel zeichnen sich hagere Gestalten mit großen Zylinderhüten ab, auf durchaus ironische Weise wird hier auf Retro gemacht. Die Musik der groß besetzten Berliner Gruppe, vielfältig, aus mancherlei, besonders metallischen Stilen schöpfend, auf klassischen Instrumenten gespielt, ist durchaus komplex erfunden und vorzüglich gespielt, aber irgendwie wirkt die Show recht konstruiert und artifiziell, was nach dem erfrischenden Draufgängertum von The Brew besonders auffällt. Mono und Nikitaman sind Monika Jaksch und Nick Tilstra, die Sänger der gleichnamigen Band, die schonmal vor zehn Jahren das Festival abschloss und nun an gleicher Stelle für gute Laune sorgt. Gar nicht wenige Menschen sind erst spät, nur zu ihrem Auftritt, auf den Albsheimer Sportplatz gekommen. Preußisch exakt skandierter Reggae trifft auf härtere Gangarten. Die Texte machen auf gesellschaftskritisch, die Ansagen wettern gegen AfD und NPD. Aber all das wird völlig entwertet, indem jeder Refrain doch nur davon spricht, sich nicht darum zu kümmern, sondern lieber Party zu machen. Fröhlicher Eskapismus mit tendenziell aufdringlichen Straßenmusiker-Applaus-Spielen, der sein begeistertes Publikum findet. Begeisterung über ein – trotz zeitweiser Mängel an der Bierzapfanlage – alles in allem bestens gelungenes und gut besuchtes Festival, das mit dem traditionellen „Country Roads“, gesungen vom großen Helferchor, noch lange nicht zu Ende war, äußerte am Ende ein Vertreter des Trägervereins von der Bühne. Mit Recht.