Grünstadt / Bobenheim
Schweizer Gastschülerin: Wie die Pfalz Leipzig geschlagen hat
Die 18-jährige Juliette wohnt in Fribourg in der französischen Schweiz und besucht dort die 12. Klasse. Deutsch als Fremdsprache hatte sie bereits seit rund acht Jahren. „Wir haben in der Schule aber überwiegend die Grammatik gelernt, richtig gut sprechen konnte ich nicht“, sagt sie in nunmehr perfektem Deutsch. Über die Organisation YFU (Youth for Understanding) habe sie sich zum Schüleraustausch für Deutschland beworben, habe ein Profil von sich erstellt, das ihre Hobbys und Neigungen – wie Sport, Natur, Treffen mit Freunden und aktiv sein – umfasste.
Im August 2022 startete dann tatsächlich ihr Austauschprogramm. Es führte die Schülerin zunächst in die Nähe von Leipzig. Ihre Gastmutter dort sei eine ältere Frau, wie sie sagt „eine Oma“, gewesen. „Ich habe damals noch nicht viel Deutsch gesprochen und meine Gast-Oma konnte weder Englisch noch Französisch“, berichtet Juliette. Hände, Füße und auch der Google-Übersetzer hätten geholfen, aber trotzdem habe es viele Missverständnisse gegeben und der Aufenthalt sei für sie schwierig gewesen.
In der Zeit in Leipzig viel geweint
„Ich habe oft geweint in der ersten Zeit, saß viel zu Hause rum, hab mit der Oma ferngesehen, war eine Art Gesellschafterin für sie, bin nicht viel rausgegangen – das war nicht schön für mich“, fasst sie bedauernd zusammen. Die deutsche Kultur des „Wurstbrots“ zum Abendessen habe sie kennengelernt und nicht gemocht, die Schule in Leipzig sei aber okay gewesen. Dort habe sie auch ein paar Freunde gefunden. Dennoch sei der Aufenthalt für sie immer schwieriger geworden. Auch zu Weihnachten sei sie nicht zu Hause in der Schweiz gewesen. Und in dieser Zeit habe sie entschieden, die Gastfamilie zu wechseln.
Nach nur zwei Wochen fand YFU eine neue Gastfamilie für sie: Maren und Norbert Schindler aus Bobenheim am Berg. „Freitagabends kam die Information per Telefon bei mir an, sonntags ging mein Zug und montags war ich bereits in der neuen Schule, im Leininger Gymnasium (LG) in Grünstadt“, erzählt Juliette lachend. Sie sei mit der großen Hoffnung gekommen, dass ab jetzt alles besser werde – und so sollte es dann auch sein: Bei ihrer neuen Gastfamilie fand sie ein offenes Haus, freundliche Gasteltern und zwei Gastschwestern, die 14-jährige Helena und die 13-jährige Charlotte, die auch das LG besuchen.
In Bobenheim und Grünstadt „angekommen“
„Schon nach einer Woche wusste ich: Hier ist alles gut, ich bin angekommen“, erzählt Juliette. Die Betreuung habe perfekt geklappt und in der Schule habe sie Freunde gefunden, obwohl der Altersunterschied von drei Jahren – durch die Sprachbarriere kam sie in die neunte Klasse – doch recht hoch war: „Die Interessen sind da schon unterschiedlich.“ Juliette wollte aber die Klasse nicht wechseln, die sechs Stunden pro Tag seien für sie okay gewesen. Im Weingut Schindler habe sie außer der Sprache auch viel über Wein gelernt.
„Es gibt immer viel zu tun, ich habe die Arbeit im Weinberg erlebt, war auf einer Weinmesse, habe Weinkeller und Weinproben kennengelernt, Weinfeste besucht und viele neue Vokabeln rund um den Wein gelernt“, sagt sie. Mit ihrer Gastfamilie sei sie sogar eine Woche in Italien gewesen. Sie verstehen sich alle so gut, dass Juliette sagt: „Ich habe meine Familie in der Schweiz, aber die Familie Schindler ist jetzt meine neue Familie in Deutschland, ich bin ein Teil von ihr.“ Ihren Gastschwestern würde sie empfehlen, auch einen Schüleraustausch zu machen, denn nirgendwo sonst könne man so gut eine Fremdsprache sprechen lernen, Erfahrungen sammeln und in eine andere Lebenswelt eintauchen.
Ein Abschied unter Tränen
Mittlerweile ist das Austausch beendet, Juliette heim in die Schweiz gefahren. „Ich habe erst mal Urlaub mit meiner Familie und mit Freunden in Italien und Spanien geplant, muss dann noch zwei Jahre in die Schule gehen, bevor ich mein Baccalauréat mache, was vergleichbar mit dem deutschen Abitur ist“, erzählt sie. Beruflich könne sie sich etwas in Richtung Sprachen oder Psychologie vorstellen, habe sich aber noch nicht festgelegt. Und der Abschied von „ihrer“ Pfälzer Familie? Schon vorab wusste sie: „Der wird nicht ohne Tränen gehen – vermutlich auf beiden Seiten.“
Zur Sache
Die gemeinnützige Austauschorganisation „Youth for Understanding“ (YfU) mit Sitz in Hamburg vermittelt weltweit Schüleraustausche, wobei in Gastfamilien gewohnt und vor Ort die Schule besucht wird. Die Aufenthalte sind unterschiedlich teuer, je nachdem, für welches Land sich ein Schüler entscheidet. „Es gibt aber zahlreiche Möglichkeiten, die Kosten voll oder teilweise erstattet zu bekommen, beispielsweise durch Stipendien-Programme für Kinder aus nicht akademischen Familien“, erklärt Heike Kurzidem aus Bobenheim am Berg, die als Jugendliche einst selbst mit YfU im Schüleraustausch in USA war und die jetzt als Ansprechpartnerin für Juliette Kauffmann sowie die Gastfamilien fungiert hat. Ihre 14-jährige Tochter wird im September mit YfU ein Jahr nach Kanada gehen. Näheres zur Organisation: www.yfu.de.