Obrigheim
Renaturierungsgebiet: Wie der Biber die Landschaft verändert
Am unteren Lauf der Pfrimm, also ihrer Einmündung in den Rhein bei Worms, haben sich bislang noch keine Biber niedergelassen. Eleonore Bittner, die Vorsitzende der IG Pfrimm, glaubt aber, dass es sich nur noch um eine Frage der Zeit handeln kann. Denn an einigen Seitenarmen des Flusses sowie bei Monsheim und Sippersfeld leben die Nager bereits, und auch an der Isenach und dem Eisbach gibt es mehrere Reviere.
Um sich für den ersten Biber im Beritt ihres Vereins schon mal präventiv zu wappnen, haben die Wormser kürzlich eine Fischbacherin in die Verbandsgemeinde Leiningerland eingeladen: Die Biber-Beauftragte von Rheinland-Pfalz, Stefanie Venske, sollte ihnen in Obrigheim anhand anschaulicher Beispiele erläutern, was es bedeutet, wenn eines dieser streng geschützten Tiere anfängt, sich häuslich einzurichten.
Biber als Gütesiegel
Dass ein Biber im Obrigheimer Renaturierungsgebiet lebt, ist schon länger bekannt. Der Gewässer-Beauftragte im Leiningerland, Landschaftsarchitekt Andreas Valentin, war dem Nager auf die Spur gekommen, als sich 2021 immer mehr verdächtig angenagtes Totholz im Eisbach ansammelte. Er ließ seine Vermutung von Fachleuten – unter anderem Stefanie Venske – überprüfen und nahm die Gewissheit freudig auf – allerdings auch mit einer gewissen Sorge.
Freudig, weil der Zuzug des Nagers so etwas wie ein Gütesiegel für das von ihm geschaffene Renaturierungsgebiet darstellt. Besorgt, weil Biber einen großen Gestaltungswillen haben und bei ihren Eingriffen in die Landschaft wenig Rücksicht auf Architektenpläne nehmen. So wenig wie auf Rohre zur Entwässerung von Straßen und Industrieanlagen, die nur einen gewissen Pegel erlauben. Von einem Biberdamm verursachtes, anhaltendes Hochwasser kann in einer solchen Konstellation nämlich zu durchaus ernsthaften Problemen führen.
Kein Schutz für die Bäume
Solche Rohre und auch zwei Pumpen gibt es im östlichen Teil des Obrigheimer Renaturierungsgebiets, das nicht zuletzt in der Nähe einer Kläranlage und des Südzucker-Werks liegt. Deshalb beobachtet Valentin den Wasserstand dort mit Argusaugen. Außerdem gibt es einige große, schützenswerte Bäume, die im Frühjahr 2022 mit blauen Punkten markiert wurden. Sie sollten Metallmanschetten zum Schutz vor Nagerzähnen erhalten.
Das ist bis heute nicht geschehen, was aber nicht etwa daran liegt, dass Valentin, die Ortsgemeinde oder die Verwaltung das Interesse verloren hätten. Vielmehr hat der Biber seinen Wirkungsbereich verlagert. Er ist vom östlichen Teil des Renaturierungsgebiets in den westlichen umgezogen – hinter die Holzbrücke, die den Eisbach überspannt. Um seinen ersten Damm kümmert er sich mittlerweile nicht mehr. Er ist mit Grünzeug bewachsen und weniger dicht, als er es vergangenes Jahr war. Dadurch ist das Wasser im kritischen Bereich wieder abgesunken und auch die Gefahr für die Bäume hat sich verringert. Beides sehr zur Freude von Valentin.
Es entsteht ein See
Die Dinge haben sich in Obrigheim also quasi von selbst gefügt und die Menschen können dem tierischen Landschaftsbauer nun mit größerer Gelassenheit zuschauen. Dabei, wie er ein stehendes Gewässer erschafft, zum Beispiel. Zwei neue Dämme, die sich Venske zufolge in „Top-Zustand“ befinden, sorgen dafür, dass das lichte Wäldchen im östlichen Teil des Renaturierungsgebiets geflutet wurde. Wo vor einem Jahr noch Hunde tollten, schwimmen heute Enten.
Im Moment sehe das alles etwas chaotisch aus, stellt Stefanie Venske mit Blick auf gefällte Bäumchen fest, die kreuz und quer zwischen ihren Artgenossen im Wasser liegen. Aber mit der Zeit werde sich etwas Neues entwickeln und in Renaturierungsgebieten sei das ja eigentlich optimal. Valentin sieht es genauso. Ihm ist klar, dass Pappel, Ahorn und Birke die nassen „Füße“ nicht ewig überleben werden. Auch für Erlen und Weiden sieht er schwarz, da sie nun ganzjährig im Wasser stehen. Aber er ist gespannt auf das, was folgen wird – an neuen Pflanzen und auch an Tierarten.
Keine Konflikte in Sicht
Der Obrigheimer Biber hat eine clevere Wahl getroffen: Sein Revier liegt einem Bereich, in dem die Interessen von Menschen kaum tangiert sind. Die Uferböschung ist an vielen Stellen des Renaturierungsgebiets sehr hoch, sodass links und rechts des Bachs kaum Schaden entstehen kann. In dem Gebiet, in dem sich der See bildet, reicht das Wasser zwar fast bis an den Gehweg heran, aber die Wohnbebauung ist weit weg und es gibt dort keine Felder oder Privatgrundstücke. Konflikte sind also nicht in Sicht.
Wenn der Gehweg bei Hochwasser mal geflutet wird, stellt das nach Valentins Ansicht kein Problem dar. Das sei dann eben der Witterung zuzurechnen und werde sich wieder legen. Venske weiß zu berichten, dass sich der hiesige Pelzträger auch schon mal auf ein weiter entferntes Privatgrundstück verirrt und ein paar junge Obstbäume gefällt hat. So etwas komme immer wieder vor, weil Obstbäume nun mal leider besonders schmackhaft seien. Der Eigentümer habe es aber mit Fassung getragen, sein Grundstück hernach einbruchssicher gemacht und die Bäume noch mal extra geschützt.
Nur eine Beauftragte im Land
In solchen Fällen Tipps zu geben, gehört zu den Hauptaufgaben der Biber-Beauftragten. Venske hat den Posten schon seit dem Jahr 2000 inne und ist die einzige ihrer Art in Rheinland-Pfalz. Finanziert wird die Stelle bislang von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. Sie ist auf zwei bis drei Tage die Woche ausgelegt, was laut Venske mittlerweile nicht mehr reicht – aus einem einfachen Grund: Es wandern immer mehr Biber nach Rheinland-Pfalz ein.
Vor 20 Jahren seien zwei Tage die Woche in Ordnung gewesen, mittlerweile aber gebe es ein paar hundert Biber im Bundesland und sie erhalte täglich Anrufe und Mails von Menschen, die neue Nager melden wollen oder nach Rat suchen. Wenn das weiter gewährleistet werden soll, müsse über eine Erweiterung der Stelle nachgedacht werden, und wohl auch darüber, ob es mehr als einen Biber-Beauftragten für Rheinland-Pfalz geben sollte.
Wie mit Schlechtwetter
In der Politik müsse das Bewusstsein dafür aber erst noch geschaffen werden, meint Venske. Bisher gebe es in Rheinland-Pfalz nicht einmal einen Biber-Fonds, mit dem Schäden behoben werden können, die Menschen durch das Wirken der Tiere erleiden. Das sei momentan wie mit schlechtem Wetter: Es müsse einfach hingenommen werden und die Betroffenen blieben auf ihren Schäden sitzen.
Beim Obstbaumbesitzer aus dem Leiningerland habe sie mehr durch Zufall für Ersatz sorgen können, berichtet Venske. Allerdings sei der nicht adäquat gewesen: Der Mann habe sich mit Apfel- statt Kirschbäumen begnügen müssen. Die hatte sie schon weit vorher mit Fördergeldern besorgt und beim Schadensfall zufällig noch auf Lager.
Zum Glück hat sich der Obrigheimer Biber ein Plätzchen gesucht, an dem es voraussichtlich selten zu solchen Vorfällen kommen wird. Am Unterlauf der Pfrimm bei Worms könnte ein derartiger Neuzugang aufgrund der Nähe zu vielen Menschen etwas problematischer werden. Aber die IG weiß ja, an wen sie sich dann wenden kann.
Im Netz
Mehr Informationen über Biber in Rheinland-Pfalz finden Sie im Internet unter dieser Adresse.