Grünstadt Lieber zurück als in die Zukunft

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Mit der Zeitmaschine lieber zurück als in die Zukunft würden viele Leute reisen, die am Mittwoch zum Marathon-Kinoabend in die Filmwelt Grünstadt gekommen sind. Anlass: Am 21. Oktober 2015 landen Marty McFly (Michael J. Fox) und Dr. Emmett L. Brown (Christopher Lloyd) in der Science-Fiction-Trilogie „Back To The Future“ in der Zukunft. Ich bin skeptisch, ob ich sechs Stunden Leinwand-Spektakel durchhalte. Ich halte durch – und die anderen rund 120 Besucher auch.

Das liegt auch ein bisschen daran, dass die Lichtspielhausbetreiber Oliver Lebert und Alexander Cyron sich in ihre Gäste einfühlen können. So zwingen sie niemanden, sich in 360 Minuten einen steifen Hals zu holen, sondern öffnen – nachdem Kino 4 bis auf die vorderen beiden Reihen fast ausverkauft ist – den Saal 3. Auch lassen sie niemanden nur bei Popcorn und Nachos ausharren: Weil der Lkw, der eigentlich in großen Mengen Pizza bringen sollte, auf der Autobahn verunglückt ist, bieten sie Brezeln und Häppchen aus der Küche ihrer Gaststätte Didier`s an. Ich fläze mich erst einmal mit einer Cola in den Kinosessel. Die Werbung nervt. Ich rechne aus, wann ich schlafen gehen kann, falls auch vor Teil 2 und 3 so lange Reklame läuft. Meine Laune steigt, als Doc Brown das Publikum in einer noch nie gesehenen Szene begrüßt: „Die Zukunft ist endlich da.“ Dann taucht man ein in die 1980er. Ach ja, da waren diese Uhren, wohin das Auge schaut, ein Toaster und ein Hundefutterdosenöffner in einer Endlosschleife. Kurz darauf taucht der legendäre DeLorean DMC-12 mit dem bezeichnenden Nummernschild „Out A Time“ auf, der dank Fluxkompensator in der Zeit springen kann. Die dafür benötigte Energie von 1,21 Gigawatt liefert Plutonium. Das Publikum erlebt, wie der knuffige Hund Einstein zum ersten Zeitreisenden wird: eine Minute in die Zukunft. Herrlich abgefahren! „Ich würde lieber in die Vergangenheit reisen“, sagt Sandra Schmitt, die aus Einhausen bei Bensheim angereist ist. Gern würde sie im Jahr 1985 Michael J. Fox persönlich treffen. „Inzwischen hat er ja leider Parkinson“, sagt die 44-Jährige, die sich angezogen hat wie Marty McFly im ersten Teil der Trilogie, inklusive Weste und Turnschuhen. Der weibliche Fan zeigt ein Foto ihres Jugendzimmers, dessen Wände gepflastert sind mit Zeitungsausschnitten und Postern zum Film. „Ich bin ein Kino-Kind“, so Schmitt, deren Vater Jürgen Bisswanger beim Twentieth-Century-Fox-Verleih gearbeitet hat. Der 71-Jährige findet die Vorstellung reizvoll, mit dem heutigen Wissen seine berufliche Laufbahn ab dem Anfang der 1960er Jahre in Frankfurt noch einmal zu durchleben. „Ja, man könnte seine Fehler revidieren“, meint Lebert, der auch einige Besucher mit T-Shirts gesehen hat, auf denen ein Fluxkompensator abgebildet ist oder McFly willkommen geheißen wird. Mir laufen diese Leute leider nicht vor die Linse meines Objektivs. Die kurze Pause ist um. Popcorn mampfend stelle ich zufrieden fest, dass der mittlere Teil von „Back To The Future“ keinen großen Werbevorspann hat. Dennoch kann ich mich mit dem 1989 produzierten zweiten Film auch jetzt noch nicht wirklich anfreunden. Verwirrende Zeitlinien und maßlose Übertreibungen machen ihn mir unsympathisch. Autofan Marian Konkol kommt aber auf seine Kosten. Der Frankenthaler hat eine DeLorean-Sammlung daheim, wie er verrät. „Zurück in die Zukunft“ mal auf einer großen Leinwand zu sehen, sei schon toll, sagt er. Nach der langen Kino-Nacht werde er einfach ein bisschen später zur Arbeit gehen. „Ich habe Ferien“, frohlockt der 13-jährige Melvin Müller, den Konkol begleitet. Er hat die Filme schon zweimal im Fernsehen geschaut und zeigt sich sehr begeistert. Im Saal wird viel gelacht, über die Tollpatschigkeit mancher Figuren und über die Running Gags der Sci-Fi-Trilogie. Auch ich amüsiere mich köstlich über den dritten Film, in dem Steven Spielberg die beiden Protagonisten in den Wilden Westen schickt. „Der Teil ist wieder gut, aber der erste gefällt mir am besten“, gibt eine Studentin aus Ludwigshafen die Meinung vieler Besucher wieder. Die 21-Jährige berichtet, dass es am Mittwoch auf dem Campus kein anderes Gesprächsthema gab als „Zurück in die Zukunft“. Die drei Filme noch nie gesehen hatten die Zwillingsschwestern Lena und Anna Höhnle, die aus Bad Dürkheim stammen. Sie hätten aber nur Gutes gehört und sind, wie beide versichern, in ihren Erwartungen nicht enttäuscht worden. Die 22-Jährigen würden sich gern in die Zukunft beamen lassen, um zu schauen, wie es dann beruflich und privat aussieht. Ich halte mich lieber an den Ratschlag von Doc Brown: „Kein Mensch sollte zu viel über sein eigenes Schicksal wissen.“ Auch nach sechs Stunden vor der Leinwand bin ich – deren leichteste Übung ist, abends vor der Glotze einzunicken – glockenwach und tauche gut gelaunt wieder zurück in der Realität auf.

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